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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/wua.2016.3.109-116
Wolfgang Isenberg
Reisen ist Leben. Reisen verändert
Schnittpunkte zwischen Tourismus, Kirche und Religion
„Wer viel gereist ist, hat reiches Wissen, und der Erfahrene redet verständig.
Wer nichts erfahren hat, weiß wenig, der Vielgereiste nimmt zu an Klugheit.
Vieles habe ich auf meinen Reisen gesehen, viele Dinge habe ich durchgestanden.“

(Sir 34,9–12)

Das Bild vom Reisen als populärer Ausdruck von Glück oder der Suche nach dem Paradies prägte über viele Jahre hinweg die Phantasien und Kommunikationsstrategien im Tourismusmarketing. Aktuell rückt zum Beispiel die Tourismuswerbung in Schleswig-Holstein die „Suche nach dem Glück“ in den Mittelpunkt einer langfristig angelegten Strategie und will Glückmomente, Glückserlebnisse schaffen und vermitteln, sie ruft dazu auf, „Glückswachstumshelfer“ zu werden. Auf der ITB 2012 in Berlin griffen die beiden großen Kirchen das Thema der Glücksversprechungen im Tourismus auf und warnten vor falschen Heilsverheißungen, denn diese wecken teilweise einen „Erwartungsdruck des Glückerlebens“.

Seit Jahrhunderten generiert das Christentum – wie andere Weltreligionen auch – mit Wallfahrten und Pilgerwesen temporäre, räumliche Mobilität und stiftet durch Raumüberwindung und Raumerfahrung (religiöse) Identität. Zwangsläufig bringt dies eine hohe Mobilität mit sich, deren Folgen – jedenfalls im Christentum – von Beginn an kritisch begleitet werden. Denn: Wallfahrten bildeten nicht zuletzt den Rahmen für Regelverletzungen oder Grenzüberschreitungen, die als „leidiges Restrisiko“ in Kauf genommen werden. Im 19. Jahrhundert war Wallfahren nicht nur ein Akt persönlicher oder gemeinschaftlicher Frömmigkeit, sondern ein Politikum sowie durchaus eine staatlich und seitens der Kirchenleitung nicht sehr geschätzte Volksfrömmigkeitsform. Auch wenn sie zeitweise verboten war, erfreuten sich Wallfahrten weiterhin großer Beliebtheit.

Der sich ändernde Blick auf den Tourismus

Für den Hochschwarzwald lassen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts einerseits Initiativen festhalten, die skilaufenden Gästen einen sonntäglichen Gottesdienstbesuch durch Vorverlegung der Zeiten ermöglichen und andererseits während der Gottesdienste ein Skispringverbot durchsetzen wollten. Ausbleibende Gottesdienstbesucher bildeten ein entsprechendes örtliches Konfliktpotential. Der schreibende Tiroler Priester Reimmichl (eigentlich Sebastian Rieger) sah im Tourismus eine Bedrohung: „Reimmichl hatte Angst, dass die Kirche nach den Arbeitern auch noch die Bauern verliert. Außerdem wollte er die Bauern vor dem Schlechten schützen“, schreibt Wolfgang Hackl. „Die Kirche sieht mit den Touristen viel Unheil nahen: städtische Kultur, liberale Ideen und sündiges Leben. Doch ihr Widerstand ist vergeblich. Immer mehr Tiroler stellen sich in den Dienst der Fremden“, heißt es in der Dauerausstellung im Südtiroler Landesmuseum für Tourismus, die (ohne Namensnennung) einen Bischof von Brixen mit den Worten zitiert: „Wer für den Fremdenverkehr ist, will das sittliche Verderben des Landes“.

Mit dem sprunghaften Anstieg der Gästezahlen in Österreich beginnt 1957 das kirchliche Engagement im Tourismus. In einer Predigtvorlage zum „Fremdenverkehrssonntag“ wird vor vier Gefahren des Fremdenverkehrs gewarnt: „vor dem Materialismus, der damit in die Landgebiete eindringe, der Überarbeitung der Gastgewerbebediensteten, die diese gesundheitlich und menschlich schädige, der Unsittlichkeit, die die Jugend bedrohe und vor der Bedrohung des Bauernstandes, weil vor allem die Jugend nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten wolle“. Die ethischen, sozialen oder kulturellen Folgen, aber auch die positiven ökonomischen Effekte des Fremdenverkehrs finden in Predigtvorlagen, Hirtenbriefen oder Arbeitsmappen deutlich in den 1950er und 1960er Jahren ihren Niederschlag, um „den Fremdenverkehr in christlichem Sinne zu lenken“. Hinzu kommt noch ein bestehendes Stadt-Landgefälle in Tirol mit dem Effekt, dass Verhaltensweisen und Einstellungen der Gäste mit denen der städtischen Tiroler Bevölkerung eher übereinstimmen als mit denen der Landbevölkerung. Zuzan (1971) schätzt, dass der Tourismus dazu beiträgt, den – nicht unbedingt erwünschten – Anpassungsprozess der Tiroler ländlichen Bevölkerung an die Tiroler städtische Bevölkerung zu beschleunigen.

In den 1990er Jahren verändert sich der Blick der Kirche auf die ein weiteres Mal: „Wenn der Tourismus so entscheidend unser Leben bestimmt, kann die Seelsorge, will sie ihren Auftrag nicht verraten, diesem Phänomen Tourismus nicht gleichgültig gegenüberstehen: sie muss zunächst sehen lernen, was es mit dem Tourismus auf sich hat, was er ganz konkret für das Leben der Menschen mit sich bringt, wie er das alltägliche Zusammenleben beeinflusst. (…) Auch für den Gastgeber bringt der Tourismus ein Mehr an individueller Freiheit (materielle Unabhängigkeit v. a. für Frauen, Ermöglichung von mehr Selbstbestimmtheit und Autonomie, Möglichkeit der Verwirklichung von individuell als sinnvoll erachteten Lebenswerten) und eine Chance (Arbeit mit Menschen unweit der Familie). Er bringt allerdings auch größere Abhängigkeiten und Unfreiheiten wie gesundheitsstörende Arbeitsbelastung. Das Programm der Tourismusseelsorge schließt, und das ist eigentlich eine besondere Ausprägung, die politische Partizipation an der Entwicklung kommunaler Leitbilder, die den Tourismus in die meist dörfliche Entwicklung integrieren wollen, ebenfalls ein.“

Reisende als Agenten des gesellschaftlichen Wandels

Die Trendforschung prognostizierte bereits Ende der 1990er Jahre, dass „Dienstleistungen für psychophysisches Wohlbefinden“, die dem Menschen helfen sollen, sich persönlich zu entwickeln und neue Lebensqualitäten zu gewinnen, weiter zunehmen werden. Die allermeisten touristischen Dienstleistungen zielen gegenwärtig darauf ab, das Wohlbefinden von Menschen wenigstens temporär zu steigern. Zu einem der zehn wichtigsten Tourismustrends zählt die Studie des Zukunftsinstituts den Spirituellen Tourismus: „In einer säkularen von Tatsachenwissen angetriebenen Welt stirbt der Wunsch nach Spiritualität und postmateriellen Werten keineswegs, auch nicht bei den Wissenseliten. (…) Auf der Suche nach neuen alten Werten erlebt Spiritualität ein neues Comeback. Als Kontrast zum säkularisierten Alltag wird die Sinnsuche im Urlaub zum Programm. Ruhe, Einkehr und Besinnung ersetzen dabei drakonische Frömmigkeit und Ehrfurcht.“

Reisende hoffen, in der freien (Urlaubs-)Zeit jene Möglichkeiten und Orte zu finden, an denen sich wieder gut leben, aufatmen und auftanken lässt, an denen sie ‚wieder zu sich kommen‘ können. Es ist die Gewissheit, dass Ortsveränderungen Impulse auslösen (können). Sie hält in Form des Reisens wieder Einzug in den menschlichen Erfahrungsschatz und macht das Reisen damit zu einem wertvollen Aspekt des gesellschaftlichen Lebens und der gesellschaftlichen Sinnsuche. Für viele Menschen sind Freizeit, Urlaub und Reisen somit die eigentlichen Erfahrungsfelder für Lebensbalance, Ruhe und Besinnung geworden. In diesen freien Zeiten werden die ‚wirklichen‘ Unterbrechungen gesucht, da im Alltag oftmals entsprechende Gelegenheiten und Zugänge oder professionelle Unterstützung fehlen. Daher sind Angebote, die in Aussicht stellen, ‚die eigene Mitte zu finden‘ oder mit einer ‚spirituellen‘ Perspektive versehen bzw. mit einem ‚geistlichen und geistigen Mehrwert‘ verbunden sind, als touristische Programmelemente nachgefragt. Interessant ist, dass gerade diese ‚Reise-Werte‘ nun gegenwärtig wieder hoch im Kurs zu stehen scheinen – und dies auch vor dem Hintergrund, dass Freizeit und Tourismus als Motor der Modernisierung der Gesellschaft betrachtet werden können. Es lässt sich durchaus beobachten, dass sich Touristen im Urlaub bereits mit Verhaltensformen auseinandersetzen, die sie generell gut in Alltagskontexten gebrauchen können und die sich nicht nur auf die (arbeits-)freie Zeit beschränken. Hinzu kommt, dass der Alltagsraum in der Regel immer noch eher normativen Beschränkungen unterliegt als der fremde, touristische Raum, der mit höheren Erwartungen an Selbstbestimmung und Freizügigkeit belegt wird.

Kirchen als kulturelle Leuchttürme. Zur Faszination sakraler Orte.


Aufgrund ihrer eindrucksvollen Architektur und ihres wertvollen Inventars zählen Kirchen und Klöster seit langem zum Standardrepertoire touristischer Attraktionen. Gläubige besuchen Kirchen und Klöster als Orte des Gebets und des Gottesdienstes. Diese bieten Besucherinnen und Besuchern eine besondere Atmosphäre, die zum Ruhig-Werden, zur Sammlung, Meditation und zur Selbstfindung anregt. Damit unterscheiden sie sich wesentlich von anderen kulturtouristischen Attraktionen, wie z. B. Burgen und Schlössern. So ist es nicht verwunderlich, dass der Besuch von Kirchen und Klöstern zu den häufigsten und beliebtesten Urlaubsaktivitäten der Bundesbürger zählt. Im Jahr 2009 wurde erstmalig eine bundesweite Repräsentativerhebung zum Kulturtourismus durchgeführt, die u. a. auch differenzierte Aussagen über die Besucher von Kirchen und Klöstern ermöglichte. Im Folgenden werden einige Ergebnisse dieser Untersuchungen vorgestellt.

In dieser Studie geben 25,2 % der Befragten an, dass sie im Urlaub „häufig“ Kirchen und Klöster besichtigen, für weitere 26,2 % gehört der Kirchenbesuch zu den „gelegentlich“ ausgeübten Aktivitäten. Damit rangiert die Besichtigung von Kirchen und Klöstern auf dem dritten Platz – nach Spaziergängen und Wanderungen, aber noch vor dem Besuch von Wochenmärkten, Museen und Ausstellungen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Untersuchung 2011, in der nicht die Häufigkeit, sondern die Beliebtheit von Urlaubsaktivitäten erfasst wurde: Jeder neunte Befragte besichtigt „besonders gerne“ Kirchen und Klöster; weitere 42 % üben diese Aktivität „gerne“ aus. Jeder zweite deutsche Reisende besucht im Urlaub gern Kirchen und Klöster, sodass der Kirchenbesuch in der Freizeit bzw. im Urlaub als eine Ausdrucksform moderner „Passage-Religiosität“ angesehen werden kann. Denn Kirchen sind besondere Orte, nicht für Gottesdienstbesucher, sondern eben auch für Menschen, die einfach nur nach Ruhe und Entspannung suchen. Sakrale Orte sind Orte der Unterbrechung und geistige Ankerpunkte der Gesellschaft. Die Besucher von Kirchen und Klöstern unterscheiden deutlich vom bundesdeutschen Durchschnittstouristen, denn es handelt sich um:

• überwiegend ältere Menschen, viele Rentner und Pensionäre
• mehr Frauen,
• viele Paare und Alleinlebende – wenige Familien mit Kindern,
• Personen mit höherer Bildung (Abitur/Hochschulabschluss) und höherem Einkommen.

Die Studie 2011 fragte die Studie nach speziellen Erinnerungen an den letzten Kirchenbesuch während eines Urlaubs. Die Ergebnisse belegen ein weiteres Mal, dass Kirchen von Touristen vor allem als Sehenswürdigkeiten mit einer besonderen sensuellen Qualität wahrgenommen werden – und weniger als religiöse Orte. So erinnern sich:

90,8 % der Befragten an die eindrucksvolle Architektur,
76,7 % an die besondere Atmosphäre,
64,8 % an Kerzen/Licht,
34,4 % an Orgelmusik,
32,4 % an eine lebendige Gemeinschaft von Gläubigen,
20,6 % an Weihrauch-Geruch,
20,3 % an die Kälte in der Kirche.

Die empirische Untersuchung hat deutlich gemacht, dass die Reisenden bei der Besichtigung kultureller Attraktionen mehr erwarten als historische Daten und Fakten: Sie suchen ein emotionales Gesamterlebnis, bei dem alle Sinne angesprochen werden – neben dem Sehen auch das Hören, Riechen und Fühlen. Kirchen und Klöster könnten so – mit weiteren gezielten (Führungs-)Angeboten – zu Orten der Erinnerung und der inneren Einkehr werden und die Besucher zum Nachdenken über menschliche Werte und die Sinngebung ihres Lebens anregen. Die Erkenntnisse weisen darauf hin, dass hier noch erhebliches kirchlich-spirituelles Gestaltungspotential liegt, wollte man es denn überhaupt nutzen, um so auf die allerorten zu beobachtende Sehnsucht nach nicht-konfessionsgebundener Religiosität zu reagieren. Religion mit Akzent auf Spiritualität scheint unserer Zeit entgegenzukommen.

„Nehmen Sie sich Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens.“

Die Deutsche Zentrale für Tourismus vermarktet im Jahr 2012 „Besondere Plätze zwischen Himmel und Erde“ – und das sind Pilgerwege, religiöse Feste und die Ruhe in der Natur. „Deutschland lädt Sie ein zum Wandern auf traditionsreichen Pilgerwegen, zum Rückzug in die Stille der Klöster oder zum Besuch von Kirchen und religiös-historischen Stätten“, lautet die Aufforderung. Unabhängig von Religiosität oder Glauben sei jeder, der Muße und Inspiration brauche oder sich selbst finden wolle, willkommen. Angeboten wird auch: „Schlemmen und schlafen hinter Klostermauern“ gleich mit der Aufforderung: „1. Gebot: Du sollst genießen! Früher hieß es hier Beten und Arbeiten, heute wohlig Entspannen in klösterlicher Atmosphäre. Wo einst die Mönche in kargen Zellen hausten, ist heute für den Gast beim Wettlauf mit der Zeit die Ruhe die Taktgeberin.“ In einer pluralistisch-säkularen Gesellschaft können die Kirchen für die Beantwortung von Sinnfragen und die Vermittlung des Heils kein Monopol mehr beanspruchen. Dem religiös suchenden, tastenden und neugierigen Menschen begegnen viele alternative Anbieter, wie auch diese nur wenigen Beispiele zeigen.

Kirchliche Angebote im Tourismus

Einige ausgewählte kirchliche Angebote, die „dem modernen Menschen auch im Urlaub und unterwegs die Begegnung mit Gott zu ermöglichen“ versuchen, stellt die Deutsche Bischofskonferenz 2012 im Überblick vor. Zu dieser Auswahl gehören etwa Berggottesdienste, Campingkirchen, Familienferienstätten, die Seelsorge im Europa-Park Rust oder am Strand von St. Peter-Ording, die Domführung Dresden, die Ökumenische Kurseelsorge Bad Krozingen, die Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela, in Altötting oder in Assisi, Autobahnkapellen, die Internationale Tourismus- und Residentenseelsorge Teneriffa, die Flughafenseelsorge, die Kreuzfahrtseelsorge oder das Domforum in Köln. Ausführlichere Informationen zu dem gesamten Angebot lassen sich auf den Internetseiten der Diözesen finden, die Anteile an touristischen Destinationen haben. Vielfalt, Umfang und Intensität der Aktivitäten sind sehr unterschiedlich, so dass es nicht leichtfällt, einen qualifizierten Überblick zu gewinnen. Einige Beispiele, um das Spektrum aufzuzeigen:

In den Carolus-Thermen Aachen kann der Gast unter Leitung der Freizeitpastoral des Bistums Aachen in der Thermalwelt und Saunalandschaft meditieren oder Angebote des Netzwerkes Kirche im Nationalpark Eifel besuchen. Das neue Web- Portal pfarr-rad.de des Erzbistums Köln will Landschaften erschließen und „Fährten“ auslegen, die kirchliche Orte entdeckbar machen. Das Bistum Osnabrück hat eine Tourismusseelsorge eingerichtet, die diese Aufgaben für das Festland und die sechs ostfriesischen Inseln koordiniert und dabei, wie in vielen Regionen, auf die Unterstützung von Gastseelsorgern zurückgreift, die in ihrem eigenen Urlaub auf den Inseln die Hauptamtlichen bei der pastoralen Arbeit während der Saisonzeiten unterstützen. Das Erzbistum Hamburg nimmt an Nord- und Ostsee und vor allem auf den Inseln seinen Auftrag wahr. In Schillig an der Nordseeküste (Bistum Münster) wurde 2012 die von den Kölner Architekten Ulrich und Ilse Maria Königs entworfene und mittlerweile bereits mehrfach ausgezeichnete Marienkirche aus dunklem Backstein für die Urlauber eingeweiht. Der Kölner Architekt Dominikus Böhm baute 1931 die Sommerkirche Stella Maris auf Norderney, die sich von Anfang an als eine „Kirche der Wandernden“ verstand.

Mit dem konfessions- und länderübergreifenden Internetportal www.bergspiritualitaet. de haben die Initiatoren aus der katholischen und der evangelischen Kirche in Oberbayern, dem Allgäu, Österreich und Südtirol mit den Hinweisen über geistliche Angebote in den Bergen (Berggottesdienste, Freizeiten, Exerzitien sowie spirituelle Wanderungen und Wallfahrten) den Nerv der Zeit getroffen. Zielregionen der Angebote sind Bayern, das Salzburger Land, Tirol und Südtirol. Eigentlich müssten Räume der Stille in Flughäfen, Fußballstadien oder Bahnhöfen sowie Orte wie das Ökumenische Kirchenzentrum am CentrO Oberhausen, das mit einem breiten Spektrum kultureller und spiritueller Angebote den christlichen Glauben zeitgemäß und generationsübergreifend erfahrbar machen, mit in die Überlegungen aufgenommen werden. Ähnliches gilt, ohne es weiter auszuführen, auch zum Beispiel für die Diözesanmuseen oder Konzepte der Citypastoral.

Kritische Distanz zu den Zeichen der Zeit: Kirche und Tourismus

Als erster Papst bezog Papst Pius XII. in einer längeren Rede vor italienischen Tourismusorganisationen am 30. März 1952 ausdrücklich Stellung zu einigen Fragen des Tourismus. Dabei betonte er, dass Urlaub und Tourismus zur vollen Vervollkommnung der charakterlichen und sittlichen Persönlichkeit beitrage. In späteren Ansprachen stellte er die religiösen und moralischen Gefahren des Tourismus heraus. Er mahnte zur Erfüllung der Sonntagspflicht, er warnte vor „jenen, die sich auswärts erlauben, was ihnen das Gewissen daheim verbieten würde: den verschwenderischen Aufwand für ein schwelgerisches und liederliches Leben“. Vor allem seit Mitte der 1960er Jahre wendet sich die Katholische Kirche – wie anfangs skizziert – dem Phänomen Freizeit und Tourismus als ‚Zeichen der Zeit‘ besonders zu und wies nach eigenen Aussagen „bereits zu jener Zeit ein wachsames Auge für die verschiedenen Gefahren“ auf, die aus einem Umgang mit dem Tourismus erwachsen konnten. Beleg dafür ist das vom Vatikan 1969 veröffentlichte „Allgemeine Direktorium für die Tourismusseelsorge“. Roman Bleistein ist einer der Pioniere, die sich mit den pastoralen Herausforderungen des Tourismus beschäftigt haben. Standen zu Beginn noch eher die Gefahren des modernen Tourismus für Sittlichkeit und Glaube im Vordergrund, sah Bleistein in Freizeit und Tourismus schnell die Chancen einer ganzheitlichen Glaubensvermittlung.

Die letzte Vatikanische Erklärung zu „Orientierungen für die Tourismusseelsorge“ (2001) macht deutlich, dass der Bezugsrahmen für Aktivitäten primär die christliche Ortsgemeinde und die Verkündigung der christlichen Botschaft ist. Grundsätzlich sieht die Verlautbarung alle am Tourismus Beteiligten als Zielgruppe der pastoralen Bemühungen der Kirche an: Reisende, Beschäftigte, Veranstalter, Reiseleiter, Bewohner in den Tourismusregionen z. B. In der Praxis hat sich jedoch ergeben, dass vorwiegend die Reisenden selbst im Zentrum des kirchlichen Bemühens stehen.

Anlässlich seiner Botschaft zum Weltkongress für Tourismusseelsorge 2012 in Cancun nennt Papst Benedikt XVI. drei Bereiche, auf die sich eine kirchliche Beschäftigung mit dem Tourismus konzentrieren solle: eine Betrachtung der Phänomene des Tourismus im Licht der katholischen Soziallehre, die Achtung der heiligen Orte und der Gottesdienste bei touristischen Besichtigungen sowie eine Begleitung der Christen in ihrer Freizeit und bei ihrem Urlaub in einer Form, dass sie ihrem menschlichen und spirituellen Wachstum nutzen. Bemerkenswert ist hier die Forderung, dass die Tourismusseelsorge im Rahmen der ordentlichen Seelsorge der Kirche einen Bereich mit vollen Rechten bilde.

Im Dialog mit der touristischen Welt

Der Heilige Stuhl bzw. der Päpstliche Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs unterstützt von Beginn an den 1980 von der Welttourismusorganisation eingeführten und jährlich stattfindenden Welttag des Tourismus mit entsprechenden Verlautbarungen. Zunächst waren es noch Botschaften des Papstes, in späteren Jahren sind es Erklärungen des jeweiligen Vorsitzenden des Päpstlichen Rates. Diese Texte spiegeln interessante kirchliche Bewertungen der Phänomene des Tourismus sowie der Einschätzung kirchlichen Engagements wider. Der Päpstliche Rat (2012) sieht im Welttag des Tourismus sowohl eine Chance für den Dialog mit der Zivilgesellschaft als auch eine Gelegenheit, die gesamte Kirche für die Bedeutung des Tourismus zu sensibilisieren, weil der Tourismus besondere Chancen der Evangelisierung eröffne. Das ist letztlich die eigentliche und durch gängige Legitimation für ein kirchliches touristisches Engagement. Bleistein forderte aber bereits 1986: Es wäre in der Tourismuspastoral notwendig, jede auf Sakramente (Sonntagsgottesdienst) fixierte Begegnung mit dem Touristen zu überwinden. Gerade Reisen und Unterwegssein bieten für Sinnerlebnisse und Transformationsprozesse den notwendigen Raum und die entsprechende Erfahrungskultur. Es wäre daher kirchlicherseits und konfessionsübergreifend eine gute Chance, sich auf die Ausdrucksformen einer mobilen und ausdifferenzierten Gesellschaft neu einzustellen, die verknüpft ist mit einem ausgesprochenen Interesse an Lebens-, Such- und Sinnfragen.

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