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Stichwort
Wilfried Theising
Aufgabe und Bedeutung in einer „lernenden“ Kirche
Kirche als eine „lernende Organisation“ greift in ihrem Handeln Veränderungen in Gesellschaft und Umwelt als Herausforderungen auf und sucht immer wieder nach zeitgemäßen Wegen, wie sie unter veränderten Umständen „Zeichen und Werkzeug“ der Gegenwart Gottes in dieser Welt sein kann. Dies gilt für die Präsenz der Kirche in der schon immer starken Veränderungen unterworfenen Welt von Hochschule, Lehre und Forschung in besonderer Weise.

Aufgaben an den Hochschulen

Nimmt man die zahlreichen Befunde der Hochschulforschung der letzten Jahre ernst, so trifft die Kirche an den Hochschulen auf eine große Zahl von Menschen unter „Mühen, Belastungen und Bedrängnissen“ (um eine kirchlich-theologische Diktion des Zweiten Vatikanischen Konzils zu gebrauchen). Die Hochschulpastoral der Gegenwart ist folglich gut beraten, wenn sie von den Bedürfnissen der Menschen im System Hochschule her denkt. Als „Zeichen und Werkzeug“ für die Gegenwart Gottes ist sie gefordert, insbesondere für die „armen und bedrängten“ Menschen da zu sein. Sie muss zunächst aufmerksam beobachten, wo sich in dem hochdifferenzierten System von Hochschule, Bildung und Wissenschaft die Nöte von Menschen verbergen oder offenbaren. Ihr Zeugnis der frohen Botschaft Christi ist dann am glaubwürdigsten, wenn sie als eine in uneigennütziger Absicht handelnde Gemeinschaft von Christenmenschen erfahren wird, die diesen Nöten begegnet. Konkret bedeutet dies, bezahlbaren Wohnraum für Studierende vorzuhalten, an der sozialen Integration ausländischer Studierender mitzuwirken, Studenten und Studentinnen in Krisensituationen beratend und begleitend zur Seite zu stehen, wissenschaftliche Nachwuchskräfte und ihre Partner auf ihrem oftmals belastenden und von zahlreichen Unsicherheiten gekennzeichneten Lebensweg zu unterstützen, und auch für Professorinnen und Professoren eine Anlaufstelle in Lebenskrisen oder in beruflichen Konfliktsituationen zu sein.

Natürlich sind wir als Christen dann auch gefordert, die Werte der geschöpflichen Menschenwürde, der Solidarität (europäisch und global), der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung in die wissenschaftlichen Diskurse an den Hochschulen einzubringen und zur Wertebildung bei Studierenden und bei Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern beizutragen.

Anspruch der Kirche im System Hochschule

Wenn sich Kirche in der oben skizzierten Weise in das System Hochschule hineinbegibt, dann sollte sie das immer auch mit dem überzeugenden Hinweis auf die christlichen sozialethischen Grundwerte eines menschenzentrierten Bildungsund Arbeitsverständnisses tun. Der Mensch ist nicht nur als ein zukünftiger Akteur auf dem Arbeitsmarkt zu bilden, und die Studierenden, Lehrenden und Forschenden an den Hochschulen sollten immer auch als Menschen in einem sozialen Gemeinwesen verstanden werden – ganz im ursprünglichen Sinne der mittelalterlichen Universitätsgemeinschaft. Aus Sicht der meisten Hochschulleitungen und auch vieler Studentenwerke werden die „Dienstleistungen“ der Kirche gerne als willkommene Beiträge zu einer menschlichen Gestaltung der Hochschulwelt gesehen. Mit einer solchen, rein systemstabilisierenden Rolle sollte sich die Kirche aber nicht abfinden. Sie verbindet mit ihrem Engagement an den Hochschulen immer auch den Anspruch, ein Stück weit anwaltschaftlich und systemkritisch Partei für die Benachteiligten in dem System Hochschule zu ergreifen.

In dem spezifisch deutschen staatskirchenrechtlichen System der Kooperation von Staat und öffentlich-rechtlich anerkannten Kirchen kann Kirche ihren Status an den Hochschulen grundsätzlich als eine Form der „Anstaltsseelsorge“ oder der Schulseelsorge verstehen, auf die sie einen gewissen Anspruch hätte. Allein in der Alltagspraxis zeigt sich, dass in einer sich strikt säkular verstehenden Wissenschaft Kirche als Akteur von Hochschulleitungen längst nicht mehr selbstverständlich akzeptiert ist. Das ist ein aus kirchlicher Sicht wenig befriedigender Umstand. Die politische Klugheit erfordert es hier, mit Bescheidenheit, aber auch mit Hartnäckigkeit den eigenen Platz in der Hochschulwelt zu behaupten. Denn unbestritten gehören die Hochschulen zu den öffentlichen Räumen, die eine große Bedeutung für die zukünftige Gestaltung unseres Gemeinwesens haben. Und spätestens seit den Reden des Paulus auf dem Aeropag weiß die Kirche, dass sie solche Räume nicht zu meiden, sondern offensiv aufzusuchen hat.

Perspektiven für die Bistümer und für die Bischofskonferenz

Mit dem letzten Absatz dürfte klar geworden sein, dass es sich bei dem Feld der Hochschulpastoral für die Kirche um eine sehr anspruchsvolle und langfristig angelegte Aufgabe handelt, die entsprechendes Geschick, Kompetenzen und Erfahrungen bei den Menschen erfordert, die mit dieser Aufgabe betraut werden. [...]


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