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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/wua.2026.1.30-35
Eric Tilch
Das sozialräumliche Potential kirchlicher Immobilienprozesse in ländlichen Räumen
Die katholische Kirche in Deutschland verfügt über eine enorme Dichte kirchlicher Gebäude, die sich durch eine besondere Vielfalt (Kirche, Pfarrheim, Pfarrhaus, Kindertagesstätte etc.) auszeichnet. Hierdurch zählt sie nicht nur zu einer der größten Immobilienbesitzer:innen der Republik, sondern prägt gerade in ländlichen Kontexten die (sozial)räumliche Infrastruktur. Wenngleich hiermit die zahlreichen Ressourcen des kirchlichen Besitzes aufscheinen, wie Sichtbarkeit, flächendeckende Präsenz und die Möglichkeit des Angebotes niedrigschwelliger Treffpunkte, führt die schiere Zahl der unterschiedlichen Gebäude zu einer enormen, vor allem finanziellen Belastung. Wo in den 1950er–70er Jahren noch zahlreiche Neubauten aus Platznot heraus errichtet wurden, sind diese Gebäude heute zu (fast) leeren Räumen verkommen, die gerade mit Blick auf Kirchengebäude der Nachkriegszeit einen enormen Sanierungsstau aufweisen. Als Konsequenz entscheiden sich die meisten Diözesen daher für die Aufgabe eines großen Teils ihres Immobilienportfolios. 

Probleme der Aufgabe von Immobilien


Wenngleich diese Entwicklung alle Raumkategorien betrifft, bedeutet sie für ländliche Räume eine besondere Härte. Im Gegensatz zu städtischen Strukturen, in denen kirchliche Gebäude auch bei Ausdünnung im Nahraum erreichbar bleiben, verschwindet im Dorf die einzige Kirche. Zudem nehmen kirchliche Gebäude in dörflichen Gemeinwesen eine zentrale Stellung als häufig letzte öffentliche Treffpunkte des sozialen Lebens ein. Dort, wo Dorfkneipe, Bäckerei und Schule bereits aufgegeben wurden, haben kirchliche Immobilien zumindest das Potential, Kristallisationspunkte für die Entwicklung von durch Marginalisierungen und infrastruktureller Verarmung betroffener Ortschaften zu sein, auf die mit Blick auf demographische Entwicklungen ohnehin besondere Herausforderungen zukommen.
Auf dem Land kumuliert die allgemeine negative kirchliche Entwicklung mit der zunehmenden Relevanz kirchlicher Gebäude, die zugleich als Identifikationsorte nicht nur individuell-biographisch, sondern auch intergenerational und bezogen auf die gesamte Dorfgemeinschaft eine wichtiger werdende Funktion einnehmen (können). Das Zusammenfallen der Entwicklung von zunehmender Belastung und zunehmender sozialräumlicher Relevanz lässt zwei zentrale Aspekte aufscheinen: Einerseits können kirchliche Gebäude nicht allein durch kirchliche Akteure erhalten werden, andererseits nicht leichtfertig aus ihrer öffentlichen Zugänglichkeit herausgenommen werden. Aufgrund der Besitzrechte liegt der erste Schritt eines in diesem Dilemma verantwortet gestalteten Immobilienprozesses auf Seiten der kirchlich Verantwortlichen. Hierbei gilt es die Besonderheiten ländlicher Räume in Verbindung mit den Spezifika kirchlichen Lebens zu berücksichtigen.

„Das Land“ und „die Volkskirche“

Heute steht einem oft homogenen Bild ländlicher Räume ein Gebietskorpus gegenüber, der sich durch strukturelle und kulturelle regionale Unterschiede je anders entwickelt und damit heterogenisiert hat. Dies hat zur Folge, dass er heute geprägt ist durch unterschiedliche Lebensstile, Milieuzugehörigkeiten und Individualitäten, weshalb eine generalisierende Beschreibung unmöglich wird. Zugleich gilt, dass trotz des mit den Differenzierungen einhergehenden Rückgangs traditioneller Gemeinschaftsformen und -normen die Identifikation mit „meinem“ Dorf unbenommen weiter existiert. Unabhängig vom Gefühl der Grundheimat, das gerade auch mit dem Kirchengebäude verbunden wird, gilt schon lange nicht mehr das Paradigma Volkskirche, was in einem Zitat von Martin Wrasmann pointiert, dargestellt ist: „Wenn um viertel vor zehn die Glocken läuteten, war erstens die Kirche voll und zweitens gehörten alle, die da drin saßen, zur CDU.“ Diese Verbindung von Zivilem und Kirchlichem, das zudem der gesamten Dorfbevölkerung gemein war, steht im Widerspruch zu einer modernen pluralen Gesellschaft. Für die daher notwendige Neuorientierung kirchlichen Handelns im (dörflichen) Plural bieten kirchliche Immobilien durch ihre bleibende infrastrukturelle Zentralstellung das Potential bleibender Relevanz, sofern sie von neuem zu wichtigen Orten für das nun individuelle und heterogene Leben werden. Wie dies möglich wird, kann durch die sozialräumliche Hermeneutik erschlossen werden.

Sozialraumorientierte Verantwortungsübernahme

„Kirche ist nur dann Kirche für andere, wenn es ihr gelingt, Kirche mit anderen zu sein.“ 

So schreibt Erichsen-Wendt im Rahmen ihres Beitrages zur 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) und trifft damit den Kern einer sozialräumlichen Orientierung. Eine solche Orientierung muss zunächst wahrnehmen, dass Kirche auch auf dem Land nicht mehr in einer Mehrheitsposition ist und damit zu einer Akteurin neben anderen wird. Wenn dies ernstgenommen wird, offenbart sich ein Skandalon: Die Kirche als Trägerin ist heute zentrale Entscheidungsinstanz für die die soziale Infrastruktur im Dorf prägenden und existenziell notwendigen Räume, wenngleich diese meist nicht allein durch kirchliche Institutionen, sondern durch die Anstrengungen der ganzen Dorfbevölkerung erbaut wurden. Daher ist es nicht nur aus pastoraler Sicht zur niedrigschwelligen Gestaltung kirchlicher Angebote notwendig, die Gebäude dem dörflichen Netzwerk wie Vereinen usw. zu öffnen, sondern zugleich eine durchaus moralische Verpflichtung, die die neue kirchliche Situation ernstnimmt und die einst von dem und für das Dorf erbaute Kirche eben diesem Dorf und seinen Bewohner:innen zugänglich macht.

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