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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/wua.2026.2.61-66
Thomas Eggensperger
Hannah Arendt und der Mut
Hannah Arendt (1906–1975) hat sich in ihrem Oeuvre immer wieder mit dem Mut (nicht zuletzt auch im Sinne von Zivilcourage) auseinandergesetzt, wenngleich es nicht zu einer systematischen Studie zum Thema gekommen ist. Biographisch aber hat sie durchaus Mut bewiesen. Dies betrifft nicht nur ihr Leben und Wirken, sondern auch durch authentische wissenschaftliche Analysen, mit deren Wahrhaftigkeit sie in der Veröffentlichung durchaus Mut bewiesen hat, indem sie sich der kritischen Öffentlichkeit gestellt hat. Der Beitrag möchte dies paradigmatisch aufzeigen und das Phänomen der „parrhesia“ (Wahrhaftigkeit) in ihrem Denken skizzieren. Parrhesia steht bei Arendt nicht nur für eine existenzielle Haltung, sondern auch für eine politische Tugend.

Mut im Leben

Es spricht für ein gesundes Selbstbewusstsein, dass Arendt sich dafür entschieden hat, als Frau ein Studium aufzunehmen und sich hinsichtlich der Lehrmeister grundsätzlich an die Elitedenker der deutschen Philosophie zu halten – an Martin Heidegger, Edmund Husserl und Karl Jaspers. Trotz einer möglichen Universitätskarriere versuchte sie sich als freischaffende Intellektuelle. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten sah sie sich aufgrund ihrer jüdischen Abstammung mit der neuen Realität konfrontiert. Sie scheute sich nicht, sich für zionistische Organisationen zu engagieren. Das Sammeln von Informationen über antisemitische Propaganda führte bereits 1933 zu einer kurzen Verhaftung durch die Gestapo. Nach ihrer Entlassung emigrierte sie über Prag und Genf nach Paris und arbeitet dort für jüdische Hilfskomitees, die Emigration organisieren und Verfolgte unterstützen. Ihr Mut erweist sich in ihrer Art, praktische Solidarität zu üben. Die schlussendlich erfolgte Emigration in die USA (1941) führte Hannah Arendt zu einer existenziellen Erfahrung. Sie war Flüchtling und somit konfrontiert mit der einhergehenden völligen Rechtlosigkeit. Sie setzte sich mit diesem Zustand zunächst in einem Essay „We refugees“ (1943) auseinander. Später vertiefte sie dies in ihrer Studie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, in der sie darlegte, wie moderne Staaten Menschen aus der politischen Gemeinschaft ausschließen und sie damit ihrer Rechte berauben.

Denken ohne Geländer

Arendts Denken ist vom Anfang an durch die Verbindung von intellektueller Unabhängigkeit und persönlicher Risikobereitschaft geprägt. Es ist ein „Denken ohne Geländer“, wie sie es im Rahmen ihres berühmten TV-Interviews mit Günter Gaus formulierte, d. h. sie vermied die enge Beziehung zu geschlossenen ideologischen oder traditionellen Systemen und hielt sich lieber an eigene Erkenntnisse, die sie im Blick auf vielfältige Herangehensweisen der philosophischen und politischen Wissenschaften gewann. Dies führte zu recht unabhängigen Denkweisen, die in der Öffentlichkeit zumeist sehr kritisch gesehen wurde. Dies gilt vor allem für ihr Essay „Eichmann in Jerusalem“, indem sie den Nazi-Beamten nicht zu einem Monster, sondern zu einem obrigkeitshörigen Einfaltspinsel degradierte. Dies wurde vor allem in der jüdischen Community als Verharmlosung der Judenvernichtung verstanden und brachte ihr erheblichen Gegenwind ein. Im Gaus-Interview auf die Kritik an ihr angesprochen, zeigte sie ihre Authentizität, diesen Konflikt um der Wahrhaftigkeit willen auszuhalten und antwortete: „Dagegen kann man nichts tun.“ Und auf die Frage, ob sie bereit sei, das zu tragen: „Oh gern. Was soll man da machen, nicht wahr? Ich kann den Leuten doch nicht sagen: Ihr missversteht mich, und in Wahrheit geht in meinem Herzen dies und jenes vor! Das ist doch lächerlich.“
Ebenso wurde eine solche Haltung in ihrer Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus in der Mitte der 1950er Jahre deutlich. In einer Zeit, in der bestimmte Intellektuelle noch meinten, der Stalinismus sei eine pervertierte, aber letztlich doch eine emanzipatorische Bewegung, insistierte Arendt auf der strukturellen Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Stalinismus. Sie analysierte beide als Ausformungen eines neuen Typs totaler Herrschaft, die Menschen degradiert und Terror als Herrschaftsprinzip nutzt. Auch mit einer solchen These war ihr „parrhesia“ wichtiger als das Vermeiden leidenschaftlicher Debatten. Sie brach mit vertrauten linken Hoffnungen, und gleichzeitig wurde sie in konservativen Kreisen misstrauisch beäugt, weil sie den Nationalsozialismus nicht einfach mit „klassischen Diktaturen“ gleichsetzte. 

„Vita activa“

Parrhesia ist ein Begriff aus der antiken griechischen Tradition und meint den Mut zur freien Rede und zum politischen Handeln im öffentlichen Raum. Darauf ging Arendt in ihrer politischen Studie „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ ein. Der Mut spielt dabei implizit eine zentrale Rolle – wer handelt, setzt sich dem Unvorhersehbaren aus, tritt vor andere und riskiert, zu scheitern oder missverstanden zu werden. Mut meint nicht den Hang zum Märtyrertum, sondern die Offenheit, die eigene Meinung und Position zu äußern, anstatt sie nur leise zu flüstern. In der Konsequenz bedarf es auch der Bereitschaft, sich dem Blickwinkel der anderen Diskutanten zu stellen und den Konflikt zu ertragen. Dies ist schließlich das Dilemma der autoritären Systeme, denn sie blockieren eben diesen wahrhaftigen Diskurs.

In einem anderen Zusammenhang wird deutlich, dass Arendts Wahrhaftigkeit und Konfliktbereitschaft nicht mit Sturheit oder Verbohrtheit in Verbindung gebracht werden kann, denn der wahrhaftig redende Mensch kann mit seiner Position auch danebenliegen. Als Beispiel mag die so genannte „Little-Rock-Kontroverse“ gelten. Hannah Arendt kritisierte Ende 1958 in einem Artikel die erzwungene Integration farbiger Kinder in die Klassen einer Schule in Little Rock. Sie warf den amerikanischen Bürgerrechtsorganisationen vor, Kinder als „Versuchspersonen“ im politischen Kampf einzusetzen. Auf heftige Kritik an ihrem Aufsatz reagierte Arendt nicht mit Trotz unter Berufung auf gepachtete Wahrheit, sondern mit Selbstkritik. Jahre später schrieb sie dem farbigen Schriftsteller Ralph W. Ellison in einem Brief: „Sie haben völlig Recht […] ich wusste immer, dass ich irgendwie falsch lag, und hatte das Gefühl, ich hatte die nackte Gewalt, die elementare körperliche Angst nicht begriffen. Aber ihre Bemerkungen scheinen mir so zu treffend, dass ich jetzt erkenne, dass ich die Komplexität der Lage schlicht nicht verstanden habe“.
Mut bedeutet hier nicht Starrsinn, sondern die Bereitschaft, das eigene Urteil zu revidieren, ohne die eigene Verantwortung abzuschieben. 

Mut zur Wahrheit

„Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.“ (Joh 18,37) Diese Passage zur Wahrheitsfrage findet sich im Johannes-Evangelium: Diese Worte Jesu vor Pilatus scheinen Letzteren zu irritieren: „Was ist Wahrheit?“ (Joh, 18,38), so fragte er Jesus zurück. Es bleibt Spekulation, mit welchem Impetus Pilatus diese Frage gestellt hat. Aber die Schriftstelle verdeutlicht das prinzipielle Ringen um die Wahrheit – nicht nur um der Wahrheit selbst, sondern auch um das Wissen darum, wofür es sich zu leben und zu kämpfen und notfalls auch zu sterben lohnt. Dabei geht es nicht primär um die (metaphysische) Wahrheit (ἀλήθεια), sondern im Sinne Michel Foucaults um die Wahrhaftigkeit der Parrhesia (παρρησία). Sie ist das klassische ethische Fundament der athenischen Demokratie. Hier wird der „Mut zur Wahrheit“ angesprochen, der das aufrichtige Sprechen in der Politik meint und das klare Bekenntnis des Redners ausdrückt, der seine Rhetorik in der Rede vor der politischen Öffentlichkeit praktiziert und dabei seinen Mut beweist, wirklich frei und souverän auszusprechen, was er denkt. Denn die freie und authentische Rede birgt Risiken in sich – Sokrates war nur einer von vielen, der seine Offenheit mit dem Leben bezahlen musste. Diese Ethik der ungeschützten Rede stellt einen Zusammenhang her zwischen Parrhesia und Rhetorik, aber auch zwischen Subjektivität und Freiheit. Um Parrhesia pflegen zu können, braucht es vor allen Dingen die Selbstsicherheit hinsichtlich der eigenen Position. Es ist kaum möglich, verunsichert bzw. ratlos für etwas Stellung zu beziehen. 

Es war Hans Blumenberg, der dies u. a. am Beispiel Hannah Arendts verdeutlicht hat. Sie, die mit ihrem zum Klassiker gewordenen Essay über die „Banalität des Bösen“ im Blick auf den Schreibtischtäter Adolf Eichmann deutlich Position bezogen hat, musste dafür erhebliche Kritik aushalten, was sie souverän tat, war sie doch von der Wahrheit ihrer Meinung überzeugt, dass Heinrich Himmler weniger das organisatorische Genie des Mordes, sondern einfach nur ein „Spießer“ war. An anderer Stelle verharmloste sie nach Meinung vieler – auch der Blumenbergs – Adolf Eichmann mit ihrer Qualifikation als „Hanswurst“, an dem sich die Banalität des Bösen offenbart habe. Trotz der massiven Kritik an ihrer Formulierung nahm Arendt die Beurteilung nie zurück und störte damit den Gründungsmythos des Staates Israel, an dem der Gerichtsprozess seinen Anteil hätte haben sollen. Nicht nur, dass man für den Rigorismus der Wahrheit zuweilen einen hohen Preis zahlen muss, sondern der Widerstand gegen die freie Rede mag auch ein Zeichen von Unsicherheit derer sein, die ihn leisten. 
In den aktuellen Debatten der politischen Theorie ist die Wahrheit als Thema durchaus präsent. Zentral ist dabei der mehr oder weniger schleichende erkenntnistheoretische Prozess von der „objektiven“ Wahrheit der Wissenschaft zur „Verbesserung vorliegender Theorieansätze“ als Methode der Wissenschaft. Wahrheit ist gemeinsam mit der Lüge ein politisches Instrument, um eigene Interessen durchzusetzen, d. h. Wahrheit und Lüge stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern korrelieren. Statt Wahrheit steht – nicht nur in der Politik, sondern auch in der Philosophie im Geiste Hans-Georg Gadamers und Gianni Vattimos – die Interpretation im Raum, weil es einen absoluten Wahrheitsanspruch schlichtweg nicht mehr gibt. 

Ein aktuelles Problem in Zeiten von „fake news“ sind die Meinungen. Meinung suggeriert im Politischen, dass sie die Wahrheit manipuliert oder diese am Ende gar ersetzt. Nicht umsonst plädieren die Nachdenklichen kritisch dagegen für das „freie Wort“ und den öffentlichen Gebrauch der Vernunft im postfaktischen Zeitalter. Das freie Wort – solide und nichtmanipulativ oder suggestiv gebraucht – ist nicht nur wahrhaftig, sondern auch mutig, wenn Gefahr besteht, dafür mittelbar oder unmittelbar sanktioniert zu werden.

Mut zum Widerspruch und Widersprüchlichkeit


Ein Schlüssel zum Verständnis von Mut bei Arendt ist die Beobachtung, dass ihr Denken von Widersprüchen durchzogen ist – und dass sie selbst diese Widersprüche als produktiv und riskant akzeptiert. Darauf weist Grit Straßenberger in einer Rezension hin. So sieht sie Arendts prinzipiellen Widerspruch gegen die von Platon bis Marx reichende Tradition der politischen Philosophie, der sie vorwirft, im Prozess der Reflexion das genuin Politische zu verfehlen oder, präziser formuliert: die immer riskante Freiheit politischen Handelns unter eine philosophische „Tyrannei der Wahrheit“ zu zwingen. Arendt möchte gerade nicht das Konflikthafte des politischen Diskurses unterdrücken, indem politische Meinungen einer moralisierenden und dem wechselnden Zeitgeist folgenden Wertung unterzogen werden. Diese Tendenz zur Entpolitisierung der demokratischen Debatte kritisiert sie unter Verweis auf Gottfried Ephraim Lessing: „Es ist nicht nur Noblesse, wenn er sagte, dass von ihm jeder Frieden habe, auf den alle losschlagen, es ist auch eine zum Instinkt gewordene Besorgnis um das relative Recht, das gemeinhin auch die Meinungen und Standpunkte haben, welche aus guten Gründen den kürzeren ziehen.“ Und weiter betont sie im Sinne Lessings, „dass zum Denken nicht nur Intelligenz und Tiefsinn, sondern vor allem auch Mut“ zur „Parteinahme für die Welt“ gehört, die bei ihm „so weit gehen konnte, dass er für sie sogar die Widerspruchslosigkeit mit sich selbst, die wir doch bei allen, die schreiben und sprechen, als selbstverständlich voraussetzen, opfern konnte“.
Arendt steht dazu und verteidigt Widerspruch und Konflikt als konstitutiv für eine lebendige und kritische Öffentlichkeit und ihre Debatten. Mut bedeutet in diesem Zusammenhang, Streit nicht als Bedrohung, sondern als Voraussetzung von Wahrheitssuche und politischer Freiheit zu begreifen. Es ist couragiert, sich nicht auf scheinbare Gewissheiten zu stützen, sondern die Kontingenz des eigenen Standpunkts im Blick zu behalten, wenn man denkt und handelt.

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