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Stichwort DOI: 10.14623/wua.2023.4.146-149
Ulrich Engel OP
Gottes Offenbarung im vulnerablen Fleisch
Die Offenbarungskonstitution Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils thematisiert u. a. den inneren Konnex von Offenbarung und Inkarnation: „Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl. Eph 1,9): dass die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur (vgl. Eph 2,18; 2 Petr 1,4).“ (DV 2)

Offenbarung – von mir verstanden als Selbstmitteilung Gottes und somit verdankter Grund des Glaubens auf der einen und als vernünftige theologische Interpretationskategorie auf der anderen Seite – zielt auf die Menschen in ihrer geschichtlichen Situiertheit. Das Bindeglied, welches das göttliche Entgegenkommen und die menschliche Erfahrung in dem Geschehen in Kontakt zueinander bringt und hält, ist Christus, das fleischgewordene Wort (vgl. Joh 1,14). In ihm offenbart sich das „Heil von Gott her“ in der Geschichte. Beim Offenbarungsbegriff haben wir es also mit einem „gott-menschlichen Interferenzbegriff“ zu tun.

Inkarnation, Natalität und Kenosis

An Weihnachten feiert das Christentum die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret. Gott wird Fleisch in einem neugeborenen Kind. Der Fachterminus dafür ist „Inkarnation“. Natalität und Inkarnation kommen hier zusammen. In den frühen christologischen Diskursen suchte man mit dem Argument der Gottes-Natalität Jesu verschiedensten gnostischen Positionen entgegenzutreten, so etwa dem Doketismus, der dem göttlichen Jesus bloß einen Scheinleib zuzubilligen bereit war. Gegen diese Schein-Leib- bzw. Verkleidungs-These bezog bereits der 1. Johannesbrief Stellung: „Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott.“ (1 Joh 4,2b)

Gott offenbart sich „im Fleisch“ eines schutzbedürftigen, höchst vulnerablen Säuglings, der als hilfloses Neugeborenes lebensbedrohlichen Risiken – Gewalt, Diskriminierung und Angst – ausgesetzt ist. Das Lukasevangelium weiß um die Gefährdung des Kindes wie der Eltern, wenn es von der hochschwangeren Maria erzählt, der niemand einen geschützten Raum für die Geburt ihres Babys zur Verfügung zu stellen bereit war. Lukas schildert in aller Ausführlichkeit die Vulnerabilität, der die fragile Familie durch die gewalttätigen Machtambitionen des Königs Herodes und die dadurch erzwungene Flucht nach Ägypten ausgesetzt ist.

Mit seiner κένωσις (Selbsterniedrigung) in Jesus von Nazaret begibt sich Gott in die Niederungen dieses gefährdeten Lebens (vgl. Phil 2). In Gestalt des fleischgeborenen Sohnes setzt er sich „den Mächten der naturalen, sozialen und kulturellen Destruktion aus.“ Die englische Bibelausgabe „New International Version“ übersetzt radikal: „he made himself nothing“. Theologisch gesprochen: „Menschwerdung hat ihren Preis. Sie bedeutet, sich berührbar zu machen, verletzlich zu werden, sich auszusetzen, angreifbar zu sein und womöglich auch verletzt zu werden. Wir kommen nicht ungeschoren davon. Wenn ich an Karfreitag denke: auch G*tt nicht.“ Das Risiko der kenotisch-inkarnatorischen Hingabe ist das Kreuz.

Wider die Utopie der Unverwundbarkeit

Die COVID-19-Pandemie hat uns die Verletzlichkeit der Menschen überall auf dem Globus wie auch die der ganzen Zivilisation drastisch vor Augen geführt. Die aktuellen Debatten zum Thema Vulnerabilität in Materialwissenschaften, Migrations- und Armutsforschung, Klimafolgenabschätzung, Militärstrategie, Global Health Studies, philosophischer Ethik oder Stadtentwicklung (um nur einige Felder zu nennen) zielen fast immer auf die destruktive Macht, die in zukünftigen Verletzungen liegt. In diesem Sinne wird nach Ressourcen geforscht, die dazu verhelfen, bereits jetzt schon resilient gegenüber später drohenden Verwundungen zu werden. Mehr noch geht es darum, zukünftig erst gar keine Verletzungen zuzulassen. In dieser Zielsetzung spiegelt sich – oftmals unausgesprochen – die Utopie einer Unverwundbarkeit.

Ich meine, dass das Christentum mit Gottes Selbstoffenbarung in der Geburt von „Poor little Mary’s boy“ eine Alternative aufzeigt, wie wir mit der anthropologischen Tatsache unserer vulnerablen Verfassung umgehen können. „Auf die Risiken des Lebens und die Wunden der Welt antwortet Gott nicht, indem er sich unverwundbar macht und unverwundbar bleibt. Vielmehr geht er das Risiko der Verwundbarkeit ein.“ Im Blick auf das in der weihnachtlichen Offenbarung zugesprochene Heil/Glück gilt: „Heil von Gott her [besteht] nie darin (…), daß Gott uns aus unserer Endlichkeit und aus allem, was diese mit sich bringt, erretten wird. (…) Das bedeutet aber auch, daß er unser Gott sein will in unserer Menschlichkeit und für unsere Menschlichkeit, in und bei unserer Endlichkeit.“

In dieser Perspektive behauptet die christliche Tradition, dass es neben den sicherlich notwendigen Vermeidungsstrategien ebenso das Wagnis der Verwundbarkeit braucht. Mehr noch hoffen Christ*innen darauf, dass aus der Bereitschaft, sich für andere, bevorzugt für Schwächere und Ausgegrenzte, verwundbar zu machen, eine Macht des Empowerments erwachsen kann. „Die Inkarnationschristologie bringt in den Auseinandersetzungen um Risiken, Sicherheit und Schutz das Wagnis der Hingabe ins Spiel. Sie setzt auf diese andere Lebensmacht, die im Wagnis der Verwundbarkeit entsteht.“ [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

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