zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 1/2023 » Stichwort
Titelcover der archivierte Ausgabe 1/2023 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Den Aufbau eines jeden Heftes
finden Sie hier.
Wir über uns
Unsere Schwerpunkte und Akzente finden Sie hier.
Die Schriftleitung
stellt sich hier vor.
Die Jahresverzeichnisse ab 2010 finden Sie hier.
Ausgaben der letzten Jahre
Die kompletten Ausgaben
im PDF PDF-Format
finden Sie hier.
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Stichwort DOI: 10.14623/wua.2023.1.2-5
Jacek Kołtan
Illiberale Konterrevolution und die katholische Kirche in Polen
Die Geschichte des Verhältnisses zwischen dem katholischen Christentum und der Demokratie in Polen in den letzten Jahren ist eine Geschichte der fortschreitenden Katastrophe. In einer Zeit der politischen Radikalisierung, die sich seit 2015 vollzieht – dem Jahr des Sieges der rechtspopulistischen Koalition –, ist es äußerst schwierig, zwei gleichermaßen widersprüchliche Begriffe zu finden. Der politische Prozess der Konterrevolution soll eine Antwort auf die „liberale Revolution“ sein, die auf den Zusammenbruch des Kommunismus folgte. Welche Folgen hat diese Radikalisierung für die polnische religiöse Welt?

Eine der Konsequenzen ist die Massenflucht der jüngeren Generation aus der Kirche. Seit Jahren beobachten wir einen sprunghaften, dramatischen – weil in Polen noch nie dagewesenen – Rückgang der Zahl der Schüler*innen, die den Religionsunterricht besuchen, und damit einhergehend einen immer stärkeren Rückgang der Teilnahme an religiösen Praktiken. Für die kirchlichen Einrichtungen bedeutet dies einen ebenso dramatischen Rückgang der Priesterberufungen und die allmähliche Notwendigkeit, die Priesterseminare aufzulösen, die auf der Welle der Begeisterung während des Pontifikats von Johannes Paul II. gegründet wurden. Die Säkularisierungswelle, der sich die polnische Gesellschaft lange entzogen hat, trifft mit großer Verspätung, aber auch mit unglaublicher und überraschender Dynamik ein. Sie führt zu einer Metamorphose der gesamten Gesellschaft und stellt die Bedeutung der katholischen Kircheninstitutionen im sozialen und politischen Leben radikal in Frage.

Demokratie unter kirchlicher Aufsicht

Die katholische Kirche hat seit 1989 einen einzigartigen Wandel durchlaufen, dessen Darstellung zum besseren Verständnis der politischen Prozesse beiträgt, die 2015 in Gang gesetzt wurden. Wichtige Kirchenhierarchen unterstützten das Abkommen am Runden Tisch in der letzten Phase des friedlichen Kampfes der Gewerkschaft Solidarność, und gaben ihm mit ihrer Autorität Nachdruck. In den 1990er Jahren wiederum wurde die Kirche zu einem Akteur, der den politischen Wandel in Form einer neoliberalen „Schocktherapie“ unterstützte und dessen dramatische soziale Folgen abmilderte, sowie die europäische Integration vorantrieb. Die sogenannte „liberale Demokratie“ in Polen nahm eine ganz besondere Form an, da die moralische Autorität in ihr explizit die religiöse Autorität der katholischen Kirche wurde. Diese Verflechtung von „Thron und Altar“ ist seit Beginn der neuen dritten Republik ein unverzichtbarer Bestandteil der polnischen politischen Kultur, unabhängig davon, welche Parteien in den letzten drei Jahrzehnten an der Macht waren. Jeder von ihnen war bestrebt, gute Beziehungen zu den kirchlichen Behörden aufrechtzuerhalten, was eine Garantie für politische Unterstützung und – in der Minimalvariante – für politische Ruhe von Seiten der Kirche war.

Es lohnt sich an einige Fakten zu erinnern, die für den Aufbau der neuen säkularen polnischen Staatlichkeit von Bedeutung sind und die auf einen ungeschriebenen Kompromiss zwischen den säkularen und kirchlichen Behörden in Polen hinweisen: die Einführung der Religion in die Schulen, die Unterzeichnung des Konkordats, die Aufnahme der invocatio dei in die Verfassungspräambel, die Einführung religiöser Symbole im öffentlichen Raum (u. a. Schulen und Parlament), die Einführung der Finanzierung von Katecheten aus dem Staatshaushalt. Das Hauptproblem war jedoch der Konflikt um die Abtreibung und die Einführung des Abtreibungsverbots durch die politische Elite, die in den 1990er Jahren viel unternahm, um eine öffentliche Debatte und ein öffentliches Referendum zu vermeiden – und dies trotz wichtiger sozialer Initiativen. Die eingeschränkte Abtreibungsmöglichkeit (die einen Schwangerschaftsabbruch aufgrund einer schweren und irreversiblen Schädigung des Fötus erlaubt) wurde 2020 vom Verfassungsgericht abgeschafft. Die meisten seiner Mitglieder wurden in den letzten Jahren unter Verstoß gegen funktionierende rechtliche Verfahren gewählt. Das Abtreibungsverbot hat die größten Straßenproteste in Polen seit der Solidarność-Bewegung ausgelöst. Es war auch das erste Mal, dass antireligiöse und antikirchliche Parolen so offen und massiv im öffentlichen Raum auftraten.

Kirche: Werteaufseherin mit schwacher Legitimation

So haben wir es seit dem Fall des Kommunismus bis heute mit politischen Prozessen zu tun, die – aufgrund des Einflusses der katholischen Kirche – die tiefgreifenden kulturellen Veränderungen ignoriert haben, die für spätmoderne Gesellschaften (einschließlich der polnischen) charakteristisch sind. Unter Missachtung der Präferenzen und des Willens der polnischen Bischöfe hat der Prozess der Rationalisierung die Kraft der religiösen Legitimation der Macht geschwächt. Die Individualisierung wiederum hat das Arbeits- und das Familienleben, die Lebensstile, die politischen und religiösen Vorstellungen tief geprägt, wobei sich zeigt, dass diese zunehmend von den individuellen Präferenzen des Einzelnen abhängen und weniger von religiösen Vorstellungen über traditionelle Formen des gesellschaftlichen Lebens. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite
Unsere Abos
Sie haben die Wahl ...
weitere Infos zu unseren Abonnements
Infos für unsere Autor/-innen
finden Sie hier.
Die Presse über uns
Meinungen
Anzeigen
Mit Anzeigen und Inseraten erreichen Sie Ihre Zielgruppe. Anzeige aufgeben

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Wort und Antwort
Telefon: +49 (0)711 / 44 06-140 · Fax: +49 (0)711 / 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | AGB | Datenschutz | Impressum