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Stichwort DOI: 10.14623/wua.2022.1.2-4
Inocent-Mária V. Szaniszló
Tugend des Maßhaltens
Wenn man in dieser Ausgabe von „Wort und Antwort“ über moralische Tugenden sprechen möchte, insbesondere über die Tugenden der Mäßigung, dann muss man mit einem Mentalitätswandel namens Metanoia beginnen. Dies wiederum setzt voraus, dass Streben nach der Stetigkeit guten Verhaltens Tugend genannt wird. Die Tugenden sind, ebenso wie die Laster, ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Charakters. Die Tugend ist eine positive Antwort des Menschen auf die moralische Forderung nach ethisch gutem Verhalten.1 Dennoch gebraucht man den Tugendbegriff heute selten. Man spricht lieber von Werten, obwohl Tugend nichts anders ist als Stetigkeit im Wertverhalten.2 Tugend ist eine moralisch gute Eigenschaft, die den Menschen zum moralischen Guten führt. Dies setzt, laut Rahner, die richtige Grundentscheidung voraus (optio fundamentalis).3

Höchste Vollkommenheit

Tugend sucht nach einer Antwort auf die Frage: Wie sollen wir sein?4 Tugend ist dem Inhalt nach die Haltung der Mitte, aber der Form nach die der höchsten Vollkommenheit, die Kunst des guten Lebens, die erlernt werden muss und auch verloren gehen kann.5 Die Tugend muss ihren Mittelpunkt in der Liebe Gottes finden, und diese Orientierung bringt Ordnung in unser Seelenleben!6 Es reicht nicht, schlechtes Benehmen zu vermeiden, sondern es ist notwendig, die Tugend zu kennen und sich in sie zu verlieben. Ein altes philosophisches Prinzip besagt, dass wir etwas zuerst kennen müssen, damit wir es lieben können. Die Tugend des Menschen befähigt uns nicht nur, Gutes zu tun, sondern auch unser Bestes zu geben.

Die Tugend des Maßhaltens ist eine der natürlichen (erworbenen) moralischen Tugenden. Diese sind nicht angeboren, sondern finden gleichzeitig mit der erwachenden Aktivität des Geistes statt. Die klassische Moraltheologie sagt, dass sie durch mühsame Wiederholung perfektioniert werden, wobei hier die ständige Erhaltung des jeweiligen moralischen Wertes wichtig ist.7 Moralische Tugenden sind der Keim guter Taten und befähigen alle Fähigkeiten des Menschen, an der Liebe Gottes teilzuhaben. 8 Einer moralischen Entscheidung muss jedoch immer das Wissen um moralische Werte vorausgehen und dann die Liebe zum moralischen Wert und schließlich die Beherrschung der Leidenschaften.9

Diese Tugend der Mäßigung heißt im Lateinischen temperantia und wird oft als Tugend bezeichnet, die die Todesgefahr betrifft. Das lateinische Wort bedeutet ursprünglich, aus verschiedenen Teilen ein geordnetes Ganzes fügen, aber temperare bedeutet auch ‚zügeln‘. Das deutsche Wort ‚Zucht‘ meint im positiven Sinn ‚Aufziehen‘ oder ‚Erziehen‘ und das Wort ‚Maß‘ will die Abgrenzung von der Mittelmäßigkeit bezeichnen.10

Das Alte Testament misst Gott, dem König Mäßigung bei (Ps 86,5). Im Neuen Testament ist Jesus als Vorbild für Christen still und demütig (vgl. Mt 11,29), und deshalb müssen sie selbst in Bezug auf die Nähe des Herrn gütig mit anderen umgehen (Phil 4,5). Mäßigung ist ein Merkmal der Weisheit von oben (Jak 3, 17). Wie schon der Katechismus schreibt, ist die Mäßigung jene sittliche Tugend, welche die Neigung zu verschiedenen Vergnügungen zügelt und im Gebrauch geschaffener Güter das rechte Maß einhalten lässt. Sie sichert die Herrschaft des Willens über die Triebe und lässt die Begierden die Grenzen des Ehrbaren nicht überschreiten. Der maßvolle Mensch richtet sein sinnliches Strebevermögen auf das Gute, er bewahrt ein gesundes Unterscheidungsvermögen.11

Zucht und Maß


Zucht und Maß ist die intimste und privateste Tugend.12 Wie wir sehen können, bezieht sie sich auf bestimmte lebendige Werte: Trinken (Nüchternheit), Essen (Mäßigung), soziale Anerkennung (Bescheidenheit), Führung (umsichtige Wahl der Informationen), Gerechtigkeit (diszipliniertes Engagement) und sexueller Instinkt (Keuschheit). Aber es geht nicht nur um Trinken, Essen, etc. I. Pieper zeigt, dass der ursprüngliche Wortsinn der griechischen Sophrosyne „ordnende Verständigkeit“ meint, die zum Ausdruck gebracht werden soll.13

Für Thomas von Aquin wird das Begehren und Erstreben des Guten von der Tugend des Maßes geformt, besonders im Blick auf das letzte Ziel des Menschen, die visio beatifica. Diese Tugend moderiert und mäßigt jede Form des natürlichen Begehrens im Hinblick auf das übernatürliche Ziel des Menschen, das ohne Maß und Grenze ist. Das Ziel, auf das sie vernünftigerweise ausgerichtet werden müssen, ist die Erfordernis des menschlichen Lebens.14 So müssen alle bedingten Ziele des menschlichen Strebens zugunsten des unbedingten Zieles, das allein Gott ist, durch die Tugend des Maßes gezügelt und hin geordnet werden auf das Wachsen in der Liebe zu diesem vom Verstand ersehnten und von der Offenbarung enthüllten Gott.15

Es ist nicht richtig, die legitimen Forderungen der Natur zu leugnen, oder sich von ihnen regieren zu lassen. Aus diesem Grund ist diese Tugend eine typische christliche Tugend. Anstatt zu versuchen, nicht angesprochene Wünsche zu befriedigen, bemüht sich die Mäßigung, die eigenen Ideale zu identifizieren und das eigene Leben im Hinblick auf das richtige Ziel auszurichten. Der Mensch muss lernen, seine gestörten Leidenschaften und Instinkte zu kontrollieren. Dies kann nur gelingen, wenn man der ständigen Präferenzentscheidung unter ständiger Berücksichtigung der Gründe folgt und eine bewusste Haltung der Entsagung angesichts höherer Ideale an den Tag legt. Man wählt ein Ziel, und dadurch entscheidet man sich, auf etwas anderes zu verzichten und Grenzen zu setzen.

Auf diese Weise beinhaltet die Tugend der Mäßigung Scham: den Willen, die innerste Menschenwürde zu schützen; der Wille, mit sich selbst und Gott aushalten zu können; der Wille, deine eigene Berufung zu kennen.16

Anmerkungen
01 H. Weber, Allgemeine Moraltheologie, Graz 1991, 342.
02 J. Piegsa, Der Mensch – Das moralische Lebewesen. Fundamentalen Fragen der Moraltheologie, St. Ottilien 1996, 484.
03 K. Rahner, Schriften zur Theologie VI, Zürich 1965, 215–237; Grundkurs des Glaubens, Freiburg/Br. 21985, 101–104, vgl. Weber, Allgemeine Moraltheologie, a.a.O., 234.
04 Weber, Allgemeine Moraltheologie, a.a.O., 328.
05 P. Schallenberg, Moraltheologie/Christliche Gesellschaftslehre, Paderborn 2001, 46.
06 K.H. Peschke, Christliche Ethik, Trier 1997, 386.
07 A. Günthör, Anruf und Antwort. Handbuch der katholischen Moraltheologie, Bd. I, Vallendar-Schönstatt 1993, 176.
08 Katechismus der Katholischen Kirche, Citta del Vaticano 1997,§ 1804, https://www.vatican.va/archive/ DEU0035/__P6B.HTM.
09 Peschke, Christliche Ethik, a.a.O., 391.
10 Vgl. Piegsa, Der Mensch, a.a.O., 502.
11 Katechismus der Katholischen Kirche, a.a.O., § 1809.
12 Vgl. Schallenberg, Moraltheologie, a.a.O., 52.
13 J. Pieper, Zucht und Maß. Über die vierte Kardinaltugend. München, 71955, 10, zitiert nach Piegsa, Der Mensch, a.a.O., 502.
14 P. Schallenberg, Gott, das Gute und der Mensch. Grundlagen katholischer Moraltheologie, Paderborn 2009, 86.
15 Thomas von Aquin, Summa theologiae, II-II q 141 a6 ad 1.
16 Vgl. Schallenberg, Moraltheologie, a.a.O., 53.

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