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Leseprobe 2 DOI: DOI 10.14623/wua.2021.3.109-115
Leonhard Lehmann
Joachim von Fiore und sein Chiliasmus
Über Joachim von Fiore als Person ist wenig Sicheres bekannt, so auch nicht sein Geburtsdatum. Benannt wird er nach dem von ihm gegründeten Kloster S. Giovanni in Fiore in Kalabrien. Er war der Sohn eines Notars aus Celico bei Cosenza, wo er um 1135 geboren wurde. Um 1177 wurde er Abt des Zisterzienserklosters in Corazzo, von dem er sich 1188 mit Erlaubnis des Papstes Clemens III. trennte, um in den Bergen Kalabriens nach seiner strengeren Auslegung der Regel des hl. Benedikt zu leben. Er fand Anhänger, mit denen er 1189 das Kloster in Fiore gründete, von dem einige Tochterklöster in Italien ausgingen. Als gelehrter Abt stand er mit Kaiser Heinrich III. in Beziehung sowie mit den Päpsten seiner Zeit, die seine Reform anerkannten. Als er am 30. März 1202 starb, war er wegen seiner prophetischen Gaben über den Florenser-Orden hinaus bekannt, der 1570 wieder mit den Zisterziensern vereint wurde.

Die wichtigere Werke Joachims sind der Liber concordie Novi et Veteris Testamenti (1191), das Psalterium decem chordarum (1186) und die Expositio in Apocalypsim (1196). In seiner Auslegung von Offb 20–22 leben chiliastische Ideen wieder auf, wie sie im Montanismus des 2. Jh. herrschten: Bevor das Weltende mit dem Jüngsten Gericht hereinbreche, verwirkliche sich das 1.000-jährige Reich der auferstandenen Heiligen im neuen Jerusalem. Nach der konstantinischen Wende verlor der Chiliasmus seine Lebenskraft; man sprach nur negativ von ihm. „Die Kirche ist jetzt schon das Reich Christi und das Himmelreich“ (Augustinus, De civitate Dei 20,9). Augustinus lehnt eine zahlenmäßige Berechnung der Weltdauer ab und ignoriert auch ein 1.000-jähriges Friedensreich. Dieses jedoch rückt bei Joachim von Fiore insofern in den Fokus, als er die Heilsgeschichte in drei Stadien einteilt, die der Trinität entsprechen: das erste Stadium ist das des Vaters (AT) und dauert von Adam bis zu Johannes dem Täufer, das zweite des Sohnes (NT) dauert von Jesus bis in die Zeit des Verfassers um 1200, das dritte ist das Zeitalter des Heiligen Geistes, das bald kommen und alle Freuden des Himmlischen Jerusalem bieten wird. Es bedarf nicht mehr der Buchstaben des Alten und des Neuen Testamentes, sondern wird von einer intelligentia spiritualis erleuchtet sein. Der Heilige Geist wird eine ecclesia spiritualis hervorbringen, verbunden mit der ethischen Forderung nach einem homo spiritualis. Im dritten Zeitalter wird der Stand der Mönche (ordo monachorum) vorherrschen, deren Hauptaufgabe die Kontemplation ist; symbolisiert im Evangelisten Johannes, sollen sie dem Papsttum (Petrus) beistehen. Unter diesen Kontemplativen wird nach Joachim eine von ihm nicht näher bezeichnete Persönlichkeit sein, die den Antichrist besiegen wird. Wer ist dieser Antichrist und wer sein Besieger? Diese Frage gibt im Anschluss an Joachim von Fiore Anlass zu vielen Spekulationen. So sehr er selbst das Zeitalter des Geistes ersehnt, so fühlt er sich doch dem zweiten Stadium zugehörig, in dem die Kleriker Leben und Lehre Jesu weiterführen (sollen). So ist Joachim selbst weder Häretiker noch Chiliast, doch seine Theorie von den drei Zeitaltern und vor allem seine Prophetie von einer Geist-Kirche der Zukunft schlagen in Franziskanerkreisen wie eine Bombe ein und entfachen den Spiritualen-Streit.

Das Minoriten-Kloster in Pisa als Glutnest des Joachitismus

Wer früh von den Lehren Joachims gehört und ihre Verbreitung lebhaft mitverfolgt hat, ist Salimbene de Adam (1221–1288). In Parma am 9. Oktober 1221 geboren, trat er am 4. Februar 1238 bei den Minderbrüdern ein. Er war nach eigenem Bekunden im Orden viele Jahre Priester und Prediger, wohnte in mehreren Provinzen, sah und lernte viele Dinge. Dies bestätigt sich, wenn man seine umfangreiche Cronaca liest, deretwegen er 1947 zum „größten lateinischen Chronisten des Mittelalters“ ernannt worden ist. 1247 schickte ihn sein Provinzial zum Weiterstudium nach Frankreich. Zuerst hielt er sich in Lyon auf, wo ihn Papst Innozenz IV. empfing, um von ihm zu erfahren, wie es um Parma stehe, das von Kaiser Friedrich II. belagert war. Er traf auch König Ludwig IX., den Generalminister Johannes von Parma und mehrmals Bruder Hugo von Digne, der ihm begeistert von den Prophezeiungen des Abtes in Fiore erzählte. Salimbene berichtet: „Hugo war ein großer Joachit, er hatte alle Bücher des Abtes Joachim in großer Schrift. Auch ich nahm an solchen Treffen teil, um Bruder Hugo zu hören. Und dies, weil ich schon früher von dieser Lehre gehört hatte, als ich in Pisa wohnte; sie war mir dort von einem gewissen Abt des Ordens von Fiore, einem alten heiligen Mann, erklärt worden, der alle von Joachim verfassten Bücher unserem Konvent in Pisa zur Aufbewahrung anvertraut hatte, da er fürchtete, Kaiser Friedrich II. werde sein zwischen Lucca und Pisa liegendes Kloster zerstören. Er war der Meinung, dass in Friedrich der vorhergesagte Antichrist gekommen sei, weil er eine so starke Auseinandersetzung mit der Kirche hatte. Aufgrund jener Bücher des Abtes Joachim in unserem Haus verließ auch Bruder Rudolf aus Sachsen, Lektor in Pisa, ein großer Redner, Philosoph und Theologe, das Studium der Theologie und wurde ein feuriger Joachit.“

Was Salimbene hier von Pisa als Ort der Diskussion über die Joachim-Schriften berichtet, lässt sich auf die Jahre 1241–45 datieren. Dass sich darunter auch ein deutscher Minorit befand, zeigt, wie international der Orden vernetzt war und wie die gleichen Ideen von Italien nach Frankreich und Deutschland ausstrahlten. Denn dort veröffentlichte um diese Zeit ein weiterer Franziskaner einen Kommentar zur Apokalypse: Alexander von Bremen († 1271). Er wendet die Offenbarung auf die Geschichte an; so ist das zweite Tier in Offb 13,11–18 Mohamed, und die Zahl 666 bedeutet die Dauer der Herrschaft des Islam, der 1249 von den Christen überwunden wird. Das neue Jerusalem in Offb 21,9–27 bezieht er auf die Mendikanten. „Neu ist ihre Gemeinschaft, weil sie den alten Menschen abgelegt haben und jeder von ihnen ein homo novus geworden ist. Sie sind die Stadt Jerusalem, deren Name Frieden bedeutet, denn Frieden zu bringen, sind sie gekommen. Franziskus und Dominikus sind Bräute Christi, da sie in der mystischen Ehe mit dem Herrn ein neues Geschlecht geboren haben. Wie die Jünger Christi so eilen jetzt die Jünger der letzten Tage über den Erdkreis, um den Völkern, bevor die Welt vergeht, die wahre Lehre Christi zu predigen.“

Schon vor dieser Zeit tobte in Paris der theoretische Armutsstreit, in dem von den Professoren der Universität den Mendikanten das Recht zu lehren und Seelsorge auszuüben abgestritten wurde. 1236 hatte der Magister Alexander von Hales sozusagen seinen Lehrstuhl in den Orden mitgebracht, als er plötzlich vor den Studenten im Franziskanerhabit erschien und lehrte. Dies führte zu vielen Streitigkeiten, bis der Papst jedem der beiden Orden einen Lehrstuhl in Paris zugestand. Ähnlich war es in Oxford. In Paris verschärfte sich der Streit, in dem der Papst trotz zahlreicher Bullen keine Einigkeit erreichte. Der Wortführer der Professorenpartei, Wilhelm von St. Amour, rückte die Mendikanten beim Papst in schlechtes Licht und veröffentlichte im Frühjahr 1256 den polemischen Traktat über die Gefahren, die in jüngster Zeit vom Antichrist ausgehen. Darauf antwortete Thomas von Aquin mit dem Werk Contra impugnantes Dei cultum et religionem (1256), Bonaventura mit De perfectione evangelica (1255) und später mit der Apologia pauperum (1269) gegen Gerhard von Abbeville. Im Juni 1256 enthob Alexander IV. Wilhelm von St. Amour und drei weitere Weltkleriker ihres Amtes als Magistri an der Pariser Universität und verurteilte im Oktober das Werk über die Gefahren der Jetztzeit. Ein Jahr später, am 23. Oktober 1257, wurden Thomas von Aquin und Bonaventura offiziell in das „Consortium magistrorum“ aufgenommen, also mit einem Lehrstuhl ausgestattet.

In dieser aufgeheizten Atmosphäre eines Gelehrtenstreites, in dem man sich gegenseitig als Antichrist bezeichnete und apokalyptische Bilder bemühte, zitierte man selbstverständlich Joachim von Fiore. Sein Einfluss steigerte sich noch durch das folgende Werk, das wie eine Bombe einschlug. [...]


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