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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/wua.2021.3.103-108
Hans-Georg Gradl
Stütze und Störenfried
Die Johannesapokalypse in Zeiten der Pandemie
Apokalyptisches Denken entstammt der Krise und entfaltet ihr besonderes Wirkungspotential in der Krise. Dies lässt sich bereits religionsgeschichtlich für die ältesten Spuren apokalyptischen Denkens in den altorientalischen Kulturen, aber auch für die apokalyptischen Elemente der alttestamentlichen Überlieferung nachweisen. Das Buch Daniel etwa entstammt einer tiefgreifenden Krise Israels unter Antiochus IV. Epiphanes. Den Nährboden apokalyptischen Denkens bilden die rigide Religionspolitik des Herrschers und die hellenistische Überfremdung des Volkes. Zugleich besitzt die apokalyptische Wirklichkeitswahrnehmung ein entscheidendes Widerstands- und Hoffnungspotential in der Krise: Die Erwartung eines göttlichen Eingriffs stärkt die Identität der Trägerkreise, hält die Resistance am Leben und wehrt der Verzweiflung. Die Apokalyptik erwächst der Krise und ist zugleich ein zentrales Medium ihrer Verarbeitung und Überwindung. Der jüdische Theologe Pinchas Lapide nennt die (biblische) Apokalyptik eine „endemische Krankheit“, im Zuge derer sich die „jüdischen Hoffnungsorgane“ akut entzünden würden. Apokalyptisches Fiebern ist kein flächendeckendes Phänomen. Es tritt lokal in Spannungsfeldern und Krisenherden auf. Als Fieberschübe aber haben die Apokalyptik und die dazugehörenden literarischen Niederschläge in Form einzelner Apokalypsen eine gewichtige Funktion: Sie rücken die Hoffnung ins Zentrum, konturieren und radikalisieren sie. Alles, was an Glauben und mutmachender Zuversicht noch aufzubieten ist, schwillt fuchsfeuerrot an und wird bis in kosmisch-eschatologische Sphären gesteigert.

Aufgabe der Apokalyptik ist das Krisenmanagement. Wann werden Apokalypsen gelesen? Wann erfahren sie eine Renaissance? Zu welchen Zeiten entfalten sie ihr Wirkungspotential: in der Kunst, Musik, Literatur oder Theologie? Die Antwort ist mit Blick auf die umfangreiche Rezeptionsgeschichte apokalyptischer Schriften eindeutig: vor allem in Krisenzeiten!

Sprachrohr und Ausdrucksmedium


Eindrücklich lässt sich dies an der Johannesapokalypse – dem letzten Buch der Bibel – nachvollziehen. Sie wurde und wird in Krisen gelesen. Die ersten Märtyrer von Lyon und Vienne (178 n. Chr.) kommentierten die Johannesoffenbarung. In Pest- und Kriegszeiten wuchs die Sensibilität für die Visionszyklen, in denen sich Leserinnen und Leser unmittelbar wiedererkennen konnten. Die afroamerikanischen Spirituals und Gospels zehren in Unterdrückungskontexten der Sklaverei und Apartheid von der belebenden Hoffnung der Apokalypse. Die Liedtexte gebrauchen Motive aus der Bilderwelt der Offenbarung: Man sehnt sich nach dem „Last Judgment“ und der „City of God“. Das „Book of Life“ und das „Slaughtered Lamb“ werden zu Hoffnungsankern. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Ausgaben der Johannesapokalypse in den Konzentrationslagern gefunden. Kriege und Terroranschläge werden nicht nur als Apokalypse bezeichnet, sondern auch religiös anhand der Johannesapokalypse gedeutet. Kurzum: Gerade in Krisenzeiten bietet sich die Johannesoffenbarung als Sprachrohr und Verständigungsmedium an. Niemals sonst sind ihre Bilder so eingängig, ihre Visionen so unmittelbar einleuchtend und ihre Trostworte so wohltuend.

In gut situierten Momenten und prosperierenden Phasen des Lebens erscheint die Offenbarung verschlossen wie ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn Leben und Welt ins Wanken geraten, lüften sich die Schleier. Womöglich lässt sich das letzte Buch des Neuen Testaments nur treffend mit den Augen von Unterlegenen und Geschundenen lesen und verstehen. Die Auslegung- und Wirkungsgeschichte spricht dafür.

Welche Botschaft besitzt die Johannesapokalypse heutzutage? Welche Leseschlüssel bieten sich an, um den oft fremden und nur schwer verständlichen Bildern und Symbolen auf die Spur zu kommen? In Zeiten einer weltweiten Pandemie lese ich die Johannesapokalypse als ein – seit jeher – sonderbares Buch: Es ärgert und tröstet mich, es schmerzt und streichelt mich. Vor allen Dingen aber gibt es mir entscheidende Deutungshilfen an die Hand, um Glaube und Leben miteinander ins Gespräch zu bringen, Gott und Welt zusammenzudenken.

Farben, Töne und Gerüche: mit allen Sinnen glauben


Knapp 80 Belege finden sich in der Johannesapokalypse für die Worte „ich sah“ und „ich hörte“. Im Grunde präsentiert sich die Offenbarung als eine kontinuierliche Folge einzelner Visionen und Auditionen. Der Spannungsbogen reicht von der Wahrnehmung der sieben kleinasiatischen Gemeinden in den Sendschreiben (Offb 2–3), über einen Blick in den Thronsaal Gottes (Offb 4–5), das Mitverfolgen der Siegel-(Offb 6,1–8,1), Posaunen-(Offb 8,2–11,19) und Schalenreihe (Offb 15–16) bis hin zur detaillierten Beschreibung der himmlischen Gottesstadt (Offb 21,1–22,5). Die gesamte Apokalypse ist von Symbolsprache geprägt. Es wird ein regelrechter Kosmos aus Zahlen, Farben, Formen, Tönen und Gerüchen installiert. Mit Logik und analytischem Sachverstand allein ist der Visionswelt des Buchs nicht beizukommen. Es geht vielmehr darum, sich von der Bilderwelt faszinieren, vom Lichtspiel der himmlischen Gottesstadt regelrecht blenden und vom Erscheinungsbild der zähnefletschenden römischen Bestie abschrecken zu lassen.

Im Lauf der Forschungsgeschichte wurde versucht, hinter die einzelnen Bilder zu blicken: Symbole sollten religionsgeschichtlich übersetzt und Motive zeitgeschichtlich entschlüsselt werden. Das ist alles recht, doch liegt die eigentliche Botschaft just in der farbenfrohen Bildgebung, in den herausfordernden Widersprüchen und der sinnlichen Darstellungsweise. Es kommt auf die emotionale Wirkung und das Nachempfinden der Visionswelt an. Johannes macht seine Leserinnen und Leser zu Mitvisionären. Sie schauen ihm über die Schulter. Sie staunen wie er (Offb 17,6). Sie weinen wie er (Offb 5,4). Sie fragen zaghaft nach und atmen auf (Offb 5,5). Im Himmel werden Hymnen angestimmt, während Babylon förmlich aus dem letzten Loch pfeift (Offb 18,22). Weihrauch erfüllt den Himmel. Auf Erden aber schreckt Babylon durch den Geruch von verbranntem Fleisch ab (Offb 17,16). [...]


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