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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/wua.2020.4.156-161
Sonja Rupp
Utopie statt Dystopie
Saša Stanišić’ Roman „Vor dem Fest“
Brandenburg stellt als ‚Ort‘ in der Literatur eine Projektionsfläche für deutsche Befindlichkeiten dar. So steht es bei Theodor Fontane – nicht ‚nur‘ in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ (1862–1889) – als literarische Projektionsfläche für den Niedergang des Adels und in Günter Grass’ Roman „Ein weites Feld“ (1997) nicht zuletzt für den Untergang der DDR. Was von ‚Brandenburg‘ nach diesen Untergängen, inklusive dem des Nationalsozialismus, ‚übriggeblieben‘ ist oder daraus hervorgehen kann, wird in der literarischen Gegenwart oft zum Spielort für Utopien: zum Sehnsuchtsort oder Faszinosum, zum Ort völliger Offenheit, sich selbst zu verwirklichen oder wahre Gemeinschaft zu erleben. Die Utopie wirkt dabei umso überraschender, als sie mit negativen Lesererwartungen spielt, die vorwiegend von den Negativfolgen dieser Untergänge ausgehen und ‚Brandenburg‘ intuitiv als Dystopie konnotieren.

‚Brandenburg‘ als literarische Projektionsfläche und Utopie

Ein erfrischendes Beispiel hierfür bietet Dieter Moor: „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone“ (2009). Auch Juli Zehs Roman „Unterleuten“ (2016), in dem ein fiktives brandenburgisches Dorf als Mikrokosmos deutscher Befindlichkeiten gezeichnet wird, spielt mit solch einer Utopie. Gemeinsam ist beiden Erzählungen der jeweilige Schauplatz ihrer Handlung: ein (mit deutlichen Anklängen an die Realität versehener) fiktiver dorfähnlicher Ort in der Weite des brandenburgischen Landes, wo die Menschen – wie auf einer Insel – ganz besonders leben: nach ihren Regeln. Dies aber kommt der ‚Definition‘ einer Utopie nach dem ersten ‚Utopie-Roman‘ sehr nahe: Thomas Morus’ „Utopia“ (1516). Während die Protagonisten in Juli Zehs „Unterleuten“ jedoch nach größtmöglicher Selbstverwirklichung streben, zeichnet Dieter bzw. Max Moor ‚sein‘ brandenburgisches Dorf als Ort der Gemeinschaft von Menschen, die gelernt haben, ihr Schicksal anzunehmen und als Gemeinschaft zu meistern.

Eine Utopie der besonderen Art stellt in dieser Hinsicht der 2014 erschienene und u. a. mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (2014) ausgezeichnete Roman „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić dar.1

Die Haltung ‚hinter der Utopie‘

Der Roman erzählt von dem Tag und vor allem der Nacht ‚vor dem Fest‘ im fiktiven brandenburgischen Fürstenfelde, einem Ort mit realem Vorbild, jedoch literarisch umgesetzt. Einem Ort, von dem es zu Beginn heißt: „Es gehen mehr tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden zu von keinem Plan. Oder vom Plan, wegzugehen. Im Frühling haben wir den Stundentakt vom 419er eingebüßt. Die Leute sagen, ein paar Generationen noch, länger geht das hier nicht. Wir glauben: Es wird gehen. Es ist immer irgendwie gegangen. Pest und Krieg, Seuche und Hungersnot, Leben und Sterben haben wir überlebt. Irgendwie wird es gehen.“ (12f.).

Angesichts der aufscheinenden Schwierigkeiten einer strukturschwachen Gegend, die – wie noch deutlicher werden soll – geprägt ist von Arbeitslosigkeit bzw. Niedriglohnbeschäftigung, von Geburtenrückgang und Landflucht, sowie der existentiellen Probleme und oft unbewältigten Vergangenheit etlicher Protagonisten müsste es sich hierbei eigentlich um eine Dystopie handeln. Doch der Roman ist keine Dystopie. In Ansätzen zeigt sich dies bereits an der etwas trotzigen Haltung der hier sprechenden Dorfbewohner, die sich – als „Wir“ des Dorfes – gegenüber der Meinung der ‚Außenstehenden‘: der „Leute“, die ihnen keine Zukunft mehr zutrauen, abgrenzen, da sie „glauben“: „Es wird gehen.“ […] „Irgendwie wird es gehen.“ (Ebd.) Dabei handelt es sich letztlich um mehr als ein Nicht-wahrhaben-Wollen der Realität; es klingt darin auch eine Haltung an, die im Folgenden ausgerechnet von einem scheinbar Gescheiterten formuliert wird und der Utopie im Roman mit zugrunde liegt: Es geht nicht darum, was nicht ist, sondern was wir aus dem, was wir ‚mitbringen‘, was ‚da ist‘, machen – und um die Art, wie wir es machen. Hinzu kommt der liebevolle, mitunter leicht ironische Blick des Erzählers oder ‚Erzähl-Wirs‘ auf die Figuren, der sie ernst nimmt, indem er sie in all ihren Facetten zeichnet und ihnen nicht zuletzt Ironie bzw. Selbstironie2 zutraut.

Dies zeigt sich bereits an der Begründung des bevorstehenden Festes. Sein eigentlicher Anlass ist den Bewohnern des Dorfes nicht mehr bekannt, dafür aber ein anderer, vielleicht sogar der eigentlich aktuelle Grund des Festes: „Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.“ (30). Dass es Fürstenfelde und sie alle gibt, seine und ihre Geschichten, ist für „das Dorf“ (ebd.) bzw. seine Bewohner ein Grund zu feiern. Und weil sie feiern und ihre Geschichte/n erzählen, gibt es sie bzw. Fürstenfelde. Ebendiese Geschichten erzählt der Roman, der somit entscheidend zum Fortbestehen des Dorfes beiträgt.

‚Helden dieser Nacht‘: Anna und Herr Schramm

Im Vordergrund steht dabei zunächst die Nacht „vor dem Fest“ – „eine eigenartige Zeit“ (31), in der Zukunft, Gegenwart und die bewältigte wie unbewältigte Vergangenheit ineinanderfließen. Oder wie der Erzähler ankündigt: „Die Nacht trägt heute drei Livreen: Was War, Was Ist, Was Wird Geschehen.“ (64). Denn es ist eine Nacht, in der Erinnerungen wach werden und Mythen lebendig, eine Nacht, die „ausgestanden werden“ muss (28); „[f]rüher einmal“ wurde sie daher „Die Zeit der Helden genannt“ (31).

Doch Helden gibt es auch in dieser Nacht, die voller Pläne bzw. ‚Missionen‘ (nicht ‚nur‘) der Dorfbewohner ist. Nicht jede davon erscheint zunächst als sinnvoll, und doch macht am Ende vieles Sinn. Dieser Sinn ergibt sich anhand des Erzählens dieser ‚Geschichte/n‘ insbesondere daraus, wie die einzelnen Dorfbewohner mit dem, was ihnen begegnet, umgehen – und wie sie dabei miteinander umgehen und somit Sinn stiften.

Da ist zum Beispiel die achtzehnjährige Anna, die mittlerweile allein auf dem Gehershof lebt: „Anna mit Abitur und Liebe zu Schiffen […], die mit Großvaters Luftgewehr aus dem Badezimmerfenster auf die Wildschweine im Garten schießt“ (31) und sich fragt, „was je gut war für sie in den achtzehn Jahren dort“ (ebd.). Sie wird in zwei Tagen nach Rostock ziehen, um Schiffstechnik zu studieren (281); der Tag des Festes ist „ihr letzter Tag“ in Fürstenfelde. In dieser Nacht hat sie beim Laufen ihr Asthmaspray vergessen und wird von zwei seltsamen jungen Männern mit Auto gerettet, die sich als ‚gerechte Geister‘ vergangener Zeiten entpuppen, was sie jedoch nur indirekt zu erkennen geben. Doch ihr Auto wäre beinahe mit dem eines älteren Mannes kollidiert, der in dieser Nacht im Versuch ist, sich das Leben zu nehmen. Anna, kaum zu Atem gekommen, läuft zu ihm, hindert ihn am Selbstmord und bleibt vorsichtshalber zunächst bei ihm.

Bei diesem Mann handelt es sich um Herrn Schramm: „ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz bei Von Blankenburg Landmaschinen“ (25); Herr Schramm: „ein Mann mit Haltung und Haltungsschaden.“ (Ebd.) Wie Herr Schramm selbst weiß, kommt „[d]er Haltungsschaden […] davon, dass er lange Zeit vor den eigenen Fehlern auf den Knien gerutscht ist. Kommt davon, dass er zum Schaden anderer die Wahrheit gesagt hat, und dass die Wahrheit schwer gewogen hat. Konkret kommt er davon, dass Herr Schramm jetzt, im hohen Alter, den ganzen Tag über Landmaschinenmotoren gebeugt steht, wenn er nicht unter ihnen herumkriecht.“ (168). Herr Schramm ist davon überzeugt, dass jeder Mensch ein besonderes Talent besitzt, und seines „war Druck. Aushalten und ausüben.“ (27). In dieser Nacht werden sich jedoch noch andere Talente von ihm offenbaren. So wird er, in dessen „Haushalt […] sich im Schnitt mehr Enttäuschungen über ihn selbst als über die Welt“ (26) bzw. „mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen“ finden (27), in einer völlig abstrusen Situation plötzlich – nach dem verhinderten Selbstmordverssuch – selbst zum Retter dreier Menschen (inklusive sich selbst).

Um anschließend endlich trotz eines kaputten Zigarettenautomaten zu seinen dringend benötigten Zigaretten zu kommen, bringt er diesen mithilfe eines 350-PS-starken Feldhäckslers zu Fall. Dabei findet er sein Glück in Form einer selbstgedrehten Zigarette aus der Hand der Partnervermittlerin Frau Mahlke, mit der er seinen schönsten diesjährigen Sommertag verbracht hatte; in dieser Nacht ist sie unverhofft zurückgekehrt und lädt ihn in ihr Pensionszimmer über dem gefallenen Zigarettenautomaten ein (268ff.).

Da Herrn Schramm bewusst ist, dass er „vieles, was er heute bereut, aus eigenem Antrieb getan“ hat (27), ist er in der Lage, Anna eine entscheidende Erkenntnis mitzugeben, als diese in Bezug auf ihren Abschied von Fürstenfelde von sich sagt: „Ich glaube, am meisten werde ich vermissen, meine Jugend nicht woanders verbracht zu haben.“ (185). Herrn Schramms unvollendete Antwort ist die eines Menschen, der um seine eigenen Fehler weiß: „Man kann nicht einen Ort oder einen General für – “ (186). In dieser Ellipse, dem Ausgesparten, kommt gerade die Haltung ‚hinter der Utopie‘ zum Ausdruck, von der oben bereits die Rede war und die jede/r Leser*in für sich ergänzen kann: Es geht nicht darum, mich als Opfer der jeweiligen Umstände, Orte oder Ereignisse zu fühlen, sondern es geht um das, was ich daraus mache, wie ich damit umgehe. Eine Haltung, die sowohl für die einzelnen als auch für die Gemeinschaft als „Dorf“ entscheidend ist, um handlungsfähig zu sein und das eigene Leben bzw. ‚die Welt‘ zu gestalten, soweit das Menschen möglich ist.

Ullis Garage und der Gedenkstein

Ein weiteres Beispiel für solch eine Haltung ist Ullis Garage. Nachdem die letzte ‚echte Kneipe‘ geschlossen hat, hat Ulli „genau“ vor „ein[em] Jahr“ seine Garage ausgeräumt und daraus eine Art Garagenkneipe improvisiert, was ihm „die Männer hoch an[rechnen], auch wenn es keiner sagt“ (19). Für sie steht fest: „Wir trinken in Ullis Garage, weil nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist. Nirgends, wo nicht Zuhause ist, gibt es überdacht und in Laufdistanz Pils und Sky Bundesliga und Rauchen und Unter-sich-Sein.“ (Ebd.)

„Die Garage“ wird in dem kritischen Blick der „Heimatmalerin“ Frau Kranz auf Fürstenfelde und die Region gespiegelt, die vier politische Systeme erlebt bzw. überlebt hat (86). In einem Interview anlässlich ihres neunzigjährigen Geburtstags erklärt sie klarsichtig: „Herr Journalist, ist Ihnen eigentlich klar, dass hier früher Bier gebraut wurde und es sieben Gaststätten gab, und jetzt trifft man sich zum Trinken in einer Garage? Und ihr schreibt dann, Geburtenrückgang und Schulsterben. Ja, Himmelherrgott! Wenn die Gastronomie stirbt! Weniger Gaststätten – weniger Kinder, so einfach ist das. Ein Getränk miteinander trinken an einem Ort, der dazu geeignet ist, das zählt im Leben mehr, als woher man kommt.“ (92f.).

Indes hat Ulli mit seiner Garage auf einen Mangel reagiert und etwas geschaffen, das den Männern ein Stück weit ‚Heimat‘ gibt. Daher wird er in dieser Nacht als ein ‚Held‘ Fürstenfeldes verewigt. Dies unternimmt Lada, der so heißt, „weil er als Dreizehnjähriger mit dem Lada von seinem Großvater nach Dänemark gefahren ist“ – und der als Folge extrem überhöhter Geschwindigkeit „heute zum dritten Mal binnen drei Monaten seinen Golf im Tiefen See geparkt“ hat (14). Lada, der in dieser Nacht noch die Werkstatt und Wohnung Eddies, des vor einem halben Jahr verstorbenen „Universalhandwerkers“, entrümpeln muss, was er aus Pietät Eddie gegenüber „nicht zeitnah erledigen [wollte]“ (262ff.).

So hatten Lada und Ulli sich in dieser Nacht noch am Fürstenfelder Gedenkstein unterhalten, der zunächst „dem Kronprinzen“, dann Adolf Hitler und später Ernst Thälmann gewidmet und seit 1995 ohne Inschrift war (65–69, bes. 66f.). Der Stein stellt somit ein Sinnbild für die drei ‚Untergänge‘ dar, die ‚Brandenburg‘ durchlebte und für die es literarisch zugleich als Projektionsfläche steht.

Im Roman wird diese Situation so beschrieben: „Am Sportplatz zwischen Vereinshaus und Kegelbahn steht ein Stein. Wir haben Namen und Hoffnung daran angeschlagen. Hat nichts gebracht. Der Gedenkfindling gedenkt niemandem mehr. Aber er ist immer noch da.“ (69).

Hier hatte Ulli Lada in der Nacht die Geschichte des Fürstenfelder Geografen Hans [Juan] Steffen erzählt. Laut Ulli habe dieser einen Krieg zwischen Chile und Argentinien verhindert und gelte dort als Held, was Lada beeindruckt. Am nächsten Morgen, dem Tag des Festes, trägt der Stein eine neue Inschrift: Juan Steffen hat Frieden in süd Amerika gemacht. Ulli hat die Garage in Fürstenfelde gemacht. (299).

Nach den drei politisch verordneten, übermächtigen ‚Helden‘ gedenkt Fürstenfelde seit dieser Nacht zweier ‚neuer Helden‘, die zwar ‚kleiner‘, dafür aber „von hier“ sind (67); sie haben nach ihren Fähigkeiten aus dem, was sie vorfanden bzw. nicht vorfanden, etwas Lebensförderndes geschaffen: der eine für den Frieden zwischen zwei Ländern und der andere für die Gemeinschaft im Dorf. Der stilistisch leicht unbeholfene Parallelismus, durch den die Taten beider ‚Helden‘ wie gleichwertig wirken, unterstreicht aber auch Ladas große Wertschätzung für Ulli und „die Garage“.

Johann

Ein weiterer ‚Held‘ ist auch Johann: „Johann Schwermuth, 16, Jungfrau (arbeitet daran, das zu ändern), Azubi (Kaufmann im Einzelhandel, noch ein Jahr, dann Niedriglohnbeschäftigung), Fantasy-Rollenspiel, Glocken, Hip-Hop.“ (48). Johann, der Sohn von Frau Schwermuth, der psychisch sehr angeschlagenen Dorfchronistin.

Johann ist Atheist und liebt Kirchenglocken. Am Tag des Festes steht seine praktische Glöcknerprüfung an, die jedoch „nicht ganz offiziell“ ist (50), ebenso wenig wie die Lehre oder der – unbezahlte – Beruf. Dennoch ist Johann voller Leidenschaft dafür. Anders als der christlich geprägte neunzigjährige Glöckner, der nach einem aufopfernden Berufsleben die Glocken heute für nutzlos hält: für eine „akustische Erinnerung, dass die Kirche noch steht.“, wie „[e]in Weckruf, den niemand bestellt hat.“ (74f.), sieht Johann in dieser Tätigkeit Sinn. Denn er liebt es, etwas zu tun, das scheinbar keinen Nutzen hat – und ihm diesen gerade dadurch zu geben. So erweist sich sein Tun am Ende tatsächlich – wie so vieles in dem Roman – als sinnvoll: Sein Läuten und das eigens für die Prüfung komponierte „Liedchen“ begeistert die zahlreichen Menschen (304), die bereits vor dem Fest zum „antifaschistischen Radfahren“ gekommen sind. In diesem Sinne kommentiert der Erzähler – als Stimme „des Dorfes“ – Johanns ‚Sinnstiftung‘: „[U]nd was hat denn bitteschön mehr Nutzen als etwas, das die Menschen begeistert?“ (304f.).

Fürstenfelde – als Utopie erzählt

Der Roman endet mit dem Beginn des Festes und einem Bild, das Frau Kranz eigens dafür gemalt hat. Als Schlussbild des Romans, einer Ekphrasis, zeigt es die Bewohner des Dorfes, inklusive der beiden Verstorbenen (Eddie und dem Fährmann), versammelt im See, wobei jede Person durch ein für sie charakteristisches Merkmal bzw. eine Handlung gekennzeichnet ist. Wie der Gedenkstein Ulli und seine Garage als ‚Helden‘ festhält, werden hier „das Dorf“ bzw. seine Bewohner im ‚erzählenden Bild‘ veranschaulicht und somit ein Stück weit ‚unsterblich‘ gemacht. So trägt am Ende dieses Bild, wie auch der Roman selbst, dazu bei, „dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen“ (30) – und eine Utopie existiert qua Definition nur im Erzählen. Zur Utopie wird es aber nicht zuletzt erst durch den liebevollen, oft auch ironischen Blick des Erzählers bzw. der Stimme des ‚Dorf-Wirs‘, verdeutlicht in einer Sprache, die nah bei den Figuren ist und ihnen Entwicklung und Zukunft zutraut.



01 Ich zitiere nach folgender Ausgabe: S. Stanišić Vor dem Fest. Roman (Genehmigte Taschenbuchausgabe 2015), München 92015.
02 Ein Beispiel hierfür stellt die neben anderen Gegenständen zur Versteigerung beim Fest auch angekündigte„VoPo-Uniform (mit Mütze, getragen): Startpreis 15 Euro“ sowie der Kommentar des Erzählers dazu dar (29f.).

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