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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/wua.2020.1.11-17
Jacob Klingner
Henrich Seuses Grab in Ulm
Kaum ein Autor der volkssprachlichen Literatur des 14. Jahrhunderts ist häufiger überliefert als Heinrich Seuse.1 Die Handschriften seiner Werke gehen tatsächlich und nicht nur sprichwörtlich in die Tausende: Von seinen Hauptwerken – ‚Vita‘, ‚Büchlein der ewigen Weisheit‘, ‚Büchlein der Wahrheit, ‚Briefbüchlein‘ sowie einige Predigten – sind über 325 vollständige Textzeugen und gut ebenso viele Teilhandschriften bekannt. Die lateinische Fassung des Büchleins, das ‚Horologium sapientiae‘, ist 214 mal vollständig, 63 mal in Auszügen überliefert. Als Auskopplung findet sich das 23. Kapitel des ‚Büchleins‘ – unter dem Titel ‚100 Betrachtungen‘ – in ca. 330 Handschriften.2 Schon zu Lebzeiten Seuses blühte die Vervielfältigung und Weitergabe seiner Schriften, weshalb er sich genötigt sah, eine Gesamtausgabe mit einem Wortlaut „letzter Hand“, das sog. ‚Exemplar‘ herzustellen:

Wan aber daz selb bue chli und etlichú me siner bue cher nu lange in verren und in nahen landen von mengerley unkunnenden schribern und schriberin ungantzlich abgeschriben sind, daz ieder man dur zu° leite und dur von nam nach sinem sinne, dar umb hat sú der diener der ewigen wisheit hie zu° samen gesezzet und wol gerihtet, daz man ein gereht exemplar vinde nach der wise, als sú ime dez ersten von gote in luhten.3

(„Da aber dieses Büchlein und etliche seiner anderen Bücher nun schon einige Zeit in nah und fern von allerlei unfähigen Schreibern und Schreiberinnen unvollständig abgeschrieben wurden, und jeder etwas hinzufügte und etwas wegnahm, wie es ihm gerade passte, hat der Diener der ewigen Weisheit diese Schriften hier zusammengesetzt und redigiert, damit man ein korrektes Exemplar vorfinde mit dem Wortlaut, der ihm ursprünglich von Gott eingegeben wurde.“)

Seuse als Leitfigur der Observanzbewegung


In seinen Schriften bot sich Heinrich Seuse – in Gestalt des ‚Dieners der ewigen Weisheit‘ – als Leitfigur für ein Ordensleben in Askese, Innerlichkeit und Intellektualität an. Besonderen Raum nahm darin zudem die Vermittlung geistlicher Stoffe an Frauen ein, die durch eigene Lektüre stattfinden sollte: Ein großer Teil der ‚Vita‘ schildert die musterhafte Beziehung des ‚Dieners‘ zu seiner geistlichen Tochter Elsbeth Stagel, und das ‚Briefbüchlein‘ enthält seelsorgerliche Briefe, die an Stagel oder weitere ungenannte Frauen gerichtet sind. Es nimmt daher nicht Wunder, dass ein wichtiges Publikum von Seuse nach Ausweis der Überlieferung Frauen waren, besonders Ordensfrauen des deutschen Südwestens.

Es dauerte aber wohl bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts, bis neben die breite Wertschätzung Seuses als Schriftsteller auch die institutionalisierte Verehrung als heiligmäßiger Mann trat. Treibende Kraft hierfür war die sog. Observanzbewegung. 4 Diese Form der dominikanischen Reform nahm ihren Anfang im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts und erreichte ihren Höhepunkt in den 1470er Jahren. Es ging ihr um eine Rückbesinnung auf die Grundlagen monastischen Lebens – also die Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam. Observante Frauengemeinschaften richteten meist eine strengere Klausur ein, verbannten Privateigentum, kehrten zu einfacherer Kleidung und Nahrung zurück, vor allem achteten sie stärker auf den Gehorsam der Mitglieder gegenüber den Ordensoberen und Amtsträgern. Zugleich ist zu beobachten, dass die Observanten versuchen, die Auswahl an geistlichen Texten zu vergrößern, die den klausurierten Schwestern zur eigenen Lektüre und damit zur Selbstpastorisation und Stärkung ihrer Spiritualität zur Verfügung stand.5

„Verehrungswürdiger und heiliger Mann“


Heinrich Seuse wird nun Mitte des 15. Jahrhunderts vom Basler Dominikanerobservanten Johannes Meyer in seiner Ordenschronik als „verehrungswürdiger und heiliger Mann“ (venerandus et sanctus vir) hervorgehoben.6 1466 beschreibt ihn Meyer im Liber de Viris Illustribus Ordinis Praedicatorum („Buch der herausragenden Männer des Predigerordens“) als Vorbildfigur.7 Meyer bezieht sich bei seinen Lebensbildern auf die biographisch zu deutenden Passagen der Seuse zugeschriebenen Werke, vor allem der ‚Vita‘.8 Meyer bietet aber auch neue Informationen, so etwa, dass Seuse im Januar 1366 im Dominikanerkonvent Ulm gestorben sei.9 Damit gibt er einen wichtigen Hinweis auf etwas, das für die Verehrung eines heiligmäßigen Menschen fast ebenso wichtig ist wie sein Bekenntnis, sein Martyrium oder seine Wundertaten: das Grab als Ort der Reliquien und als Zentrum der Verehrung.

Es ist kein Zufall, dass sich in Ulm selbst erst nach der Reform des dortigen Predigerkonvents 1465 durch observante Brüder aus Basel so etwas wie ein Bewusstsein zeigt, dass Seuse hier gelebt haben sollte und hier auch begraben läge. So weisen zwei ca. 1470–80 in Ulm oder im nahegelegenen Söflingen entstandene, als Andachtsbilder vertriebene Holzschnitte – einer mit deutscher, einer mit lateinischer Beischrift – auf dieses lokal wichtige Erbe hin:10 Sie zeigen Seuse in der Tracht der Dominikaner mit Nimbus, Stigmata und den aus seinen Schriften abgeleiteten Attributen seiner Hingabe sowie mit dem Hinweis, dass sein Grab in Ulm zu finden sei:

Der selig hainrich sus ze costentz geborn am bodmersee
Nam die ewig wÿsshait zu˚m gmahel gaistlicher ee
Sein gespons tet im den namen verwannden
Amandus hieß sy in nennen in allen lannden
Sein leben wz er in irm dienst verczeren
Des frödt sich vlm die sein grab und hailtum halt in eren.
11

(„Der Selige Heinrich Seuse, geboren in Konstanz am Bodensee, nahm die ewige Weisheit zum Gemahl in einer geistlichen Ehe. Seine Braut gab ihm einen neuen Namen: Amandus befahl sie ihn zu nennen in allen Ländern. Sein Leben verzehrte er in ihrem Dienst. Darüber freut sich Ulm, die Stadt, in der sein Grab und sein Heiligtum in Ehren gehalten werden.“)

Zur Historizität des Seuse-Grabs in Ulm

Die Bemühungen, Heinrich Seuse den Rang eines Seligen oder Heiligen beizumessen, blieben im 15. und 16. Jahrhundert auf der Ebene offizieller Kanonisationsprozesse allerdings nur mäßig erfolgreich.12 Ebenso dünn sind bei näherer Betrachtung die historischen Belege für ein Ulmer Leben und ein Ulmer Grab Seuses. Viele Quellen beziehen sich, ohne dies offenzulegen, auf Johannes Meyer, nehmen ihren Ursprung also nicht unbedingt in lokalen Traditionen. Ausgangspunkt der Überlieferungen von Seuses Schriften, besonders der seiner Ausgabe letzter Hand‘ im ‚Exemplar‘, ist nicht Ulm, sondern eindeutig Straßburg. Auch der Eintrag im Kopialbuch des Ulmer Predigerklosters, dass eine Witwe namens Katharina Wetzlerin in der Zeit nach ca. 1465 eine Kerze am Grab Seuses stiftete (lampas ante sepulchrum beati heinrici süss), ist nicht restlos überzeugend, denn gerade diese Originalurkunde ist schon zum Zeitpunkt des Eintrags nicht mehr erhalten (de hoc non habetur litteras).13 Mehrfach wurden archäologische Anstrengungen unternommen, das in der Nähe des Petersaltars im nördlichen Seitenschiff der Predigerkirche lokalisierte Grab zu finden.14 1668 bat der Bischof von Konstanz um eine Grabungserlaubnis, 1704 wurde mehrere Monate lang der Kirchenboden durchpflügt, ohne dass ein besonderes Begräbnis oder der angeblich noch Mitte des 16. Jh. vorhandene Grabstein zutage gefördert werden konnten. Auch moderne Grabungen 1955 hatten kein vorzeigbares Ergebnis.

Dass es ein Grab Heinrich Seuses in der Ulmer Predigerkirche und auch einen lokalen Kult gegeben hat, erscheint nach Ausweis der Quellen also viel weniger als Faktum als vielmehr eine Behauptung observanter Dominikaner. Im Versuch, den Ordensbruder als Vorbild und Maßstab für die große Zahl von ihnen reformierter Frauenklöster des Südwestens zu etablieren, spielte das Grab als Zentrum der Devotion für sie eine besondere Rolle.

Der „Sionpilger“ des Felix Fabri OP

Ein besonders deutliches Beispiel für diese Instrumentalisierung des Seuse-Grabs durch die Observanzbewegung ist bisher in der Seuse-Forschung noch wenig beachtet worden. Es stammt von dem Dominikaner Felix Fabri, der 1468 aus Basel in das Ulmer Predigerkloster kam und dort bis zu seinem Tod 1502 als Lektor und Seelsorger wirkte.15 Erst in den letzten Jahren werden die wahren Dimensionen seines schriftstellerischen Werks sichtbar, das sich der Seelsorge für verschiedene Publikumskreise verdankt.16 Großen Raum nehmen darin zwei Pilgerreisen ins Heilige Land ein, die Fabri 1480 und 1483/84 als Beichtvater schwäbischer Adliger unternahm und die er in insgesamt vier verschiedenen Reiseberichten verarbeitete. Je nach Publikum setzte er eigene Akzente: In dem für seine adligen Begleiter gedachten volkssprachlichen ‚Gereimten Pilgerbüchlein‘ und dem ‚Deutschen Pilgerbuch‘ sind es die abenteuerlichen Seiten der Reise und die Schilderungen vom Ritterschlag der Adligen am Heiligen Grab in Jerusalem; im lateinischen ‚Evagatorium‘, das Fabri für seine in Ulm zurück gebliebenen Mitbrüder verfasste, ist es der Abgleich des Erfahrenen mit der Fülle an geistlicher Literatur der Ulmer Konventsbibliothek, aber auch der persönlich für Fabri wichtige Kehrpunkt der Reise am Grab seiner ‚geistlichen Braut‘, der Hl. Katharina auf dem Sinai.

Vielleicht der seltsamste von Fabris Berichten trägt den Titel ‚Die Sionpilger‘. Es handelt sich um eine Anleitung zum schrittweisen Nachvollzug der Reise in Form einer ‚Pilgerfahrt im Geiste‘.17 Der Text richtet sich an die von Fabri seelsorgerlich betreuten, teilweise in Klausur lebenden Klosterfrauen der Ulmer Umgebung. Einer ausführlichen Gebrauchsanleitung des Buches mit 20 Regeln folgen unterschiedlich lange Beschreibungen von Tagesetappen, die zur täglichen Meditation dienen sollen. Die Klosterfrauen erwerben, indem sie diese Reiseetappen und ihre Mühen imaginieren, die angegebenen Gebete sprechen und Hymnen singen, und am Ende der Etappe im Geiste in den Pfarrkirchen der Etappenziele einkehren, denselben Ablass, als seien sie wie die real reisenden ‚Ritterpilger‘ körperlich an den beschriebenen Stätten gewesen.

Im Verlauf des Buches wird deutlich, dass sich die Reise zwar am geographischen Raum orientiert, daneben aber der Heiligenkalender als wichtige Ordnungskategorie steht. Die Sionpilger werden öfters angewiesen, am Ende der Tagesetappen in der Betrachtung nicht beim jeweiligen Ortsheiligen in dessen Kirche einzukehren, sondern beim jeweiligen Tagesheiligen des Kalenders.18 Die geographisch korrekten Distanzen werden teilweise gedehnt oder verkürzt, damit bestimmte für die Heils- oder Ordensgeschichte wichtige Orte angesteuert werden können, auch richtet sich das Besuchsprogramm – etwa in Jerusalem – eher nach der biblischen Chronologie und nicht nach einer touristisch-logistisch sinnvollen Reihenfolge. Die Pilgerfahrt ist auch nicht auf das Heilige Land beschränkt: Im Anschluss an die Jerusalemreise werden Fahrten nach Rom und Santiago imaginiert – so dass am Ende 365 Tagesetappen versammelt sind.19 Die Reise der Sionpilger fußt zwar auf den eigenen Reiseerfahrungen Fabris, überschreitet diese aber deutlich, indem sie literarisch angepasst und ergänzt werden: Das Buch leitet in Wirklichkeit zu einer inneren Reise durch das Kirchenjahr an und bietet eine verräumlichte Darstellung der Heils- und Ordensgeschichte.

Spirituell zentrale Orte: Jerusalem, Rom, Santiago de Compostela und Ulm

Markiert sind in diesem Modell zum einen die Gräber Jesu und seiner wichtigsten Apostel (Petrus und Jakobus). Ausgangspunkt, Zwischeneinkehr und Endpunkt der imaginierten Reise bildet aber die Predigerkirche in Ulm. Ganz zu Beginn der imaginierten Reise der ‚Sionpilger‘ schreibt Fabri, der über sich in diesem Buch nur in der dritten Person als ‚Prediger Ritterpilger‘ spricht:

Vnd as sy gen Vlm in die statt seind gangen Do was ir erster inkör in der Brediger kirchen zu des seligen andechtigen vatters grab bru˚der amandus siesen der in sinem leben aller andechtigen gaistlichen Iunckfrowen trost und rat geb By des grab haben die Syon bilgrin iren an schlag gehebt mit dem brediger Ritter bilgrin, wie sy ir bilgerfahrt söllen ordnen vnd haben vnderwisung von im gnu˚gsamlich der bilgerfart halb enpfangen.20

(„Und als sie nach Ulm in die Stadt hineingingen, da war ihre erste Einkehr in der Predigerkirche am Grab des andächtigen Vaters Bruder Amandus Seuse, der mit seinem Leben allen andächtigen geistlichen Jungfrauen Trost und Beistand spendet. Und an seinem Grab hatten die Sionpilger eine Bekanntmachung mit dem Prediger Ritterpilger, wie sie die Pilgerfahrt strukturieren sollen und bekamen von ihm ausreichende Anweisung zur Pilgerfahrt.“)

Das Grab Heinrich Seuses wird im Folgenden auch bei der Rückkehr der Sionpilger aus dem Heiligen Land und aus Rom hervorgehoben.21 Die Grabstätte in der Ulmer Predigerkirche bekommt damit einen zentralen Rang. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der Reise, Widerlager der heiligsten Gräber der Christenheit in Jerusalem, Rom, Santiago.

Die Konstruktion einer imaginierten Pilgerfahrt um den Zentralpunkt eines Seuse-Grabs herum ist aus Sicht des observanten Predigers Fabri höchst plausibel: Heinrich Seuse soll ja für die geistlichen Frauen die Exempelfigur schlechthin für einen aszetisch-mystischen Aufstiegsweg zur spirituellen Vollkommenheit sein. Den klausurierten Nonnen steht es nicht an, ihr Heil in der Äußerlichkeit einer realen Pilgerfahrt und an weit entfernten Orten zu suchen. Zu suchen haben sie ihr Heil vielmehr in der fortgesetzten inneren Übung und Vergegenwärtigung der Glaubensinhalte und sie verlassen dazu den Großraum Ulm, ja selbst die Mauern ihres eigenen Klosters nie. Sie sollen auf die Nachfolge der Exempelfigur Seuse eingeschworen werden, weshalb sein lokales Grab für sie ebenso große Bedeutung hat wie die weit entfernten Gräber von Jesus, Petrus und Jakobus.

… und wo das Seuse-Grab nicht erwähnt wird

Das Bild, das sich aus den ‚Sionpilgern‘ ergibt, gewinnt an Kontrast, wenn man sich daraufhin noch einmal Felix Fabris umfangreiche lateinische Schriften anschaut. Diese Schriften richten sich nicht an volkssprachlich lesefähige Nonnen, sondern an lateinkundige Gelehrte. In seiner auf die Geschichte ganz Alemanniens ausgreifenden ‚Descriptio Sueviae‘ (Beschreibung Schwabens) lässt Fabri die offensichtliche Gelegenheit aus, Heinrich Seuse anlässlich der Beschreibung seines Konstanzer Heimatklosters zu nennen.22 In dem noch detaillierteren ‚Tractatus de civitate Ulmensi‘ (Traktat von der Stadt Ulm) handelt Fabri mehrfach vom Ulmer Predigerkloster, seiner Geschichte und seinen Altären, ohne Seuse und sein dortiges Grab zu erwähnen.23 Auch in Fabris Hauptwerk, dem ‚Evagatorium‘ genannten lateinischen Reisebericht, der sonst kaum ein Detail zu einem Ortsheiligen und speziellen Ablässen auslässt, ist an keiner Stelle von Heinrich Seuse die Rede.

Das Ulmer Grab Heinrich Seuses erscheint in den Schriften eines observanten Dominikaners also als Realität, wenn es darum geht, die seiner Seelsorge anvertrauten geistlichen Frauen auf eine bestimmte Form der Spiritualität einzuschwören: Hier braucht Fabri den Bruder Heinrich Seuse als Exempelfigur für ein Leben in Introspektion und sein Grab als Angelpunkt einer imaginierten Reise durch Ordens- und Heilsgeschichte. Hätte es den lokal und inhaltlich so passenden ‚Heiligen‘ Heinrich Seuse nicht gegeben, Fabri hätte ihn geradezu erfinden müssen. Oder anders gesagt: Aus der Vorgabe der observanten Historiographie seines ehemaligen Basler Mentors Johannes Meyer holt Felix Fabri ein Maximum an literarischer Sinnbildlichkeit heraus.

In Fabris eher faktenorientierten Werken – im Rahmen politisch und ereignisgeschichtlich orientierter Chronistik ebenso wie im Rahmen des hochgelehrten Reiseberichts – spielen Heinrich Seuse und sein Ulmer Grab hingegen keine Rolle. Sie erscheinen ganz im Gegenteil geradezu totgeschwiegen. Nur ein Zufall mag es sein, dass dies sehr zum neuzeitlichen Befund passt, dass das reale Grab und glaubhafte sterbliche Überreste des Predigerbruders Heinrich Seuse im Boden der Ulmer Predigerkirche nicht zu finden waren.



01 Die folgenden Ausführungen fußen auf meinem Aufsatz: Felix Fabri und Heinrich Seuse, in: F. Reichert/A. Rosenstock (Hrsg.), Die Welt des Frater Felix Fabri (Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Ulm Bd. 25), Weißenhorn 2018, 113–147.
02 Vgl. zur Seuse-Überlieferung jetzt aktuell A. Willing, Heinrich Seuses ‚Büchlein der ewigen Weisheit‘. Vorstudien zu einer kritischen Neuausgabe (Philologische Studien und Quellen Bd. 272), Berlin 2019, bes. 13–21.
03 Vgl. H. Seuse, Deutsche Schriften. Im Auftr. d. Württembergischen Kommission für Landesgeschichte hrsg. v. K. Bihlmeyer, Stuttgart 1907, 4, 1–8.
04 Zum Seuse-Kult der Observanzbewegung vgl. M. Wehrli-Johns, Das ‚Exemplar‘ – eine Reformschrift der Dominikanerobservanz? Untersuchungen zum Johannesmotiv im ‚Horologium‘ und in der ‚Vita‘ Heinrich Seuses, in: Predigt im Kontext. Internationales Symposium am Fachbereich Germanistik der Freien Universität Berlin vom 5.–8. Dezember 1996, hrsg. von V. Mertens u. a., Berlin – Boston 2013, 347–376, bes. 363–366.
05 Vgl. W. Williams-Krapp, Observanzbewegung, monastische Spiritualität und geistliche Literatur im 15. Jahrhundert, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der Literatur 20 (1995), 1–15.
06 J. Meyer, Chronica brevis Ordinis Praedicatorum, hrsg. v. H. Ch. Scheeben (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens in Deutschland Bd. 29), Leipzig 1933, 61.
07 Vgl. J. Meyer, Liber de Viris Illustribus Ordinis Praedicatorum, hrsg. v. P. von Loë (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens in Deutschland Bd. 12), Leipzig 1918, 36.
08 Eine bis heute maßgebliche Zusammenstellung des biographischen Materials findet sich bei H. Seuse, Deutsche Schriften, a.a.O., 63*–137*
09 Vgl. J. Meyer, Liber de Viris Illustribus Ordinis Praedicatorum, a.a.O., 36: Moritur autem post multas agones multasque paciencie coronas, plenus dierum et virtutum in conventu Ulmensi, provincie Theutonie, anno domini MCCCLXVI, die XV ianuarii („Er starb nach vielen Kämpfen, durch Geduld vielfach gekrönt, reich an Tagen und Tugenden im Konvent zu Ulm, Provinz Theutonia, im Jahr des Herrn 1366 am 15. Januar.“).
10 Vgl. W. L. Schreiber, Handbuch der Holz- und Metallschnitte des 15. Jahrhunderts, Bd. 3, Leipzig 1927, 191 als Nr. 1698 (deutsche Version) und Nr. 1699 (lateinische Version). Vgl. zuletzt dazu S. Griese, Text-Bilder und ihre Kontexte. Medialität und Materialität von Einblatt-Holz- und -Metallschnitten des 15. Jahrhunderts (Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen Bd. 7), Zürich 2011, 163–169. 11 In der lateinischen Version des Holzschnitts (W. L. Schreiber, Handbuch …, a.a.O., Nr. 1699) wird ebenso auf das Grab verwiesen: tenet humatum et modo sweuica percolit ulma („das Begräbnis besitzt und fördert jetzt das schwäbische Ulm“). Zusätzlich spricht der Schlussvers Seuse als Fürsprecher bei Gott – und damit als Heiligen – an: atque deo nostras offert ad alta preces („Und er bringt unsere Bitten zu Gott in den Himmel hinauf“). 12 Eine offizielle Seligsprechung Seuses erfolgte erst 1831, vgl. den Überblick bei A. Walz, Der Kult Heinrich Seuses, in: E. Filthaut (Hrsg.), Heinrich Seuse. Studien zum 600. Todestag, Köln 1966, 437– 454.
13 Vgl. H. Seuse, Deutsche Schriften, a.a.O., *137 f.
14 Vgl. zum Grab A. Rieber, Auf der Suche nach dem Grab Heinrich Seuses. Von Grabungen und Bodenaufschlüssen in Kirche und Kloster der Dominikaner in Ulm 1612–1966, in: E. Filthaut (Hrsg.), Heinrich Seuse, a.a.O., 455–477.
15 Vgl. J. Klingner, Felix Fabri, in: Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter, hrsg. v. W. Achnitz, Bd. 3: Reiseberichte und Geschichtsdichtung, Berlin – Boston 2012, Sp. 922–935.
16 Vgl. K. Beebe, Pilgrim and Preacher. The Audiences and Observant Spirituality of Friar Felix Fabri (1437/8–1502) (Oxford Historical Monographs), Oxford 2014.
17 Vgl. F. Fabri, Die Sionpilger, hrsg. v. W. Carls (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit Bd. 39), Berlin 1999; J. Klingner, Reisen zum Heil. Zwei Ulmer ‚Pilgerfahrten im Geiste‘ vom Ende des 15. Jahrhunderts, in: M. Huber u. a. (Hrsg.), Literarische Räume. Architekturen – Ordnungen – Medien, Berlin 2012, 59–73.
18 Vgl. hierzu die Pilgerregel XIV, in: Felix Fabri, Die Sionpilger, a.a.O., 81: Die xiiij regel ist wenn der Syon bilgrin den gantzen tag ist vff der fart zogen so sol er am abet im selbs vß erwelen ainen hailigen by dem er die nacht ze herberg sy Der in beschirme vnd in versehe Er mag auch beliben vber nacht by dem hailigen Des tags der uff Die zyt ist vnd die man list im kalend bůch nach der metti. („Die 14. Regel lautet: Wenn der Sionpilger den ganzen Tag gewandert ist, so soll er am Abend für sich selbst einen Heiligen auswählen, in dessen Herberge er die Nacht zubringt, der ihn beschützt und ihn versorgt. Er kann auch bei dem Tagesheiligen einkehren, dessen Tag es ist und von dem man im Kalender (Sanctorale) nach der Frühmette liest.“)
19 Die drei Pilgerreisen umfassen 208, 71 und 90 Tage. Zieht man die vor Beginn und am Ende jeder Reise wiederkehrenden Tage der Sammlung in Ulm und Heimkehr ins Heimatkloster ab, so kommt man auf eine Gesamtzahl von genau 365 Reisetagen, vgl. K. Herbers, Felix Fabris ‚Sionpilgrin‘ – Reiseschilderung und ältester Kirchenführer Ulms. Ein Beitrag der Reichsstadt Ulm zur Pilgerliteratur des 15. Jahrhunderts, in: ders. (Hrsg.), Die oberdeutschen Reichsstädte und ihre Heiligenkulte (Jakobus-Studien Bd. 16), Tübingen 2005, 195–215, hier 204.
20 F. Fabri, Die Sionpilger, a.a.O., 84 f.
21 Vgl. ebd., 309: Vnd by brůder amandus susen grab betten si ernstlich vnd also niemen si der kirchen vnd des hailigen bredigers ordes ablas („Und an des Bruder Amandus Seuse Grab beten sie ernsthaft und auf diese Weise empfangen sie den Ablass der Kirche und des hl. Predigerordens“); ebd., 353: Da gand si zů den predigern vnd niemen den segen der widerkomenden bilgrin vnd komen zů brůder amandus susen grab („Da gehen sie zu den Predigern und empfangen da den Segen der zurückgekehrten Pilger und kommen an das Grab von Bruder Amandus Seuse.“). Am Ende der Santiagofahrt wird platzsparend darauf verwiesen, dass das Procedere vom Ende der Jerusalemfahrt (mit der Einkehr bei Seuse und dem Empfang des Generalablass des Predigerordens) zu wiederholen ist.
22 Ganz anders in den ‚Sionpilgern‘, in denen Fabri den Konstanzer Konvent als Heimatkloster Seuses nennt (vgl. F. Fabri, Die Sionpilger, a.a.O., 352: In dem prediger Conuent its an geton worden vnd in den orden komen der sällig brůder Hainrich suß vnd ze vlm gestorben vnd vergraben).
23 F. Fabri O.P., Tractatus de civitate Ulmensi. Traktat über die Stadt Ulm, hrsg., übers. u. kommentiert v. F. Reichert (Bibliotheca Suevica Bd. 35), Konstanz 2012, 66 f. u. bes. 148 f.

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