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Stichwort DOI: 10.14623/wua.2020.1.2-6
Jakobus Kaffanke
Heinrich Seuse/Suso in Kürze
Geboren wurde Heinrich Seuse, latinisiert Suso, nach fast einhelliger Meinung am Benediktstag (21. März) in Konstanz. Eine kleiner werdende Mindermeinung hält an Überlingen fest, wo Seuse seit langer Zeit eine große lokale Verehrung erfahren hat, von wo seine Mutter Mechthild von Süs stammen soll, wo bis heute ein „SusoHaus“ gezeigt wird, dessen früheste Bausubstanz ins 14. Jahrhundert zurück reicht.

Geburt und Ordenseintritt in Konstanz

Sein Vater, Ritter Heinrich von Berg im Thurgau, 15 km von Konstanz entfernt, zog in die Bischofsstadt und wurde dort ein erfolgreicher Kaufmann. Unbekannt bleibt bis heute Seuses Geburtsjahr, es wird auf 1295 bis 1297 rekonstruiert. Er hatte eine Schwester Mechthild, die als Dominikanerin in seiner Vita (Leben) eine Rolle spielt. Mit 13 Jahren (das Kirchenrecht erlaubte seinerzeit den Eintritt erst mit 15 Jahren) trat er unter dem Einfluss seiner frommen Mutter in das zwischen 1220 und 1236 gegründete Dominikanerkloster St. Nikolaus auf der Rheininsel ein. Seit dieser Zeit nannte er sich nicht mehr „Heinrich von Berg“, sondern nach seiner Mutter „Süs“ oder Seuse. Im Konstanzer Dominikanerkloster begann Seuse die zu dieser Zeit übliche Ausbildung im Noviziat und in der Lateinschule (2–3 Jahre). In diese Zeit fällt auch die in Seuses Vita eindrücklich geschilderte Bekehrung mit 18 Jahren (Vita, 2. Kapitel): „Wie ihm eine übernatürliche Schau zuteil ward“. Am St. Agnestag, vielleicht 1313, begab er sich nach dem Mittagessen in den Chor „und wie er da so stand, des Trostes bar, und niemand in seiner Nähe war, da ward ihm seine Seele entrückt, ob im Leib oder außer ihm, das wußte er nicht.“ … Als er wieder zu sich kam, sagte er: Wenn das nicht das Himmelreich ist, so weiß ich nicht, was Himmelreich ist. Mit einer deutlichen Anspielung an 2 Kor 12,2 stellt sich Seuse in die mystische Tradition der apostolischen Zeit.

Studium und Häresieverdacht

Die weitere Ausbildung in Philosophie und Theologie muss er in Konstanz, evtl. auch in Straßburg 1314 bis 1323 absolviert haben. Als Hochbegabter wurde er danach in das von Albert dem Großen 1248 gegründete Generalstudium nach Köln geschickt, das er von 1323 bis 1326/27 besuchte. In dieser Zeit war Meister Eckhart auch in Köln (1323/24–1327), hatte nach neuester Erkenntnis jedoch die Seelsorge für Schwestern und das Predigtamt inne, lehrte also nicht am Studium. Seuse engagierte sich für den Meister und verfasste einen entsprechenden Text im „Büchlein der Wahrheit“ (nach 1329), in dem er über eine Verteidigung Eckharts hinausging und seine eigene philosophische Lehre über Gott, über die Welt und über den Sinn des menschlichen Lebens darstellte (Sturlese). In der Folge eines Inquisitionsprozesses, der ab 1327 in Köln durch Anzeigen aus dem eigenen Orden vor dem erzbischöflichen Gericht gegen den Meister begonnen und 1328, nach Eckharts Rekurs auf den Papst in Avignon, dort fortgeführt wurde, musste Heinrich Seuse nach Konstanz zurückkehren und wurde dort wie üblich als Lektor eingesetzt. 1330 wurde er vor das Ordenskapitel in Maastricht geladen und wegen Häresieverdacht – in der Folge von Meister Eckhart – streng gemaßregelt. 1332–34 wurde er in Konstanz zum Prior gewählt. Ab 1334 in der Schwesternseelsorge der zahlreichen Dominikanerinnenklöster in der Bodenseeregion eingesetzt, lernte er 1335 Schwester Elsbeth Stagel im Kloster Töss bei Winterthur kennen, deren Seelenbegleiter und geistlicher Freund er bis zu deren Tod 1360 wurde. In die Jahre um 1335 fällt auch ein wichtiger Wandel seiner persönlichen Askese. So schreibt er im 18. Kapitel der Vita: „Nachdem der Diener (Seuse) solche Übungen (extreme Askese) seines äußeren Menschen – ein Teil von ihnen ist hiervor beschrieben – von seinem achtzehnten bis zu seinem vierzigsten Jahre getrieben hatte und seine ganze Natur so zugerichtet war, daß er nur noch die Wahl hatte zu sterben oder auf derlei Übungen zu verzichten, ließ er davon ab …“.

Bruder Amandus und die Schwesternseelsorge In den Jahren 1331–1334 verfasste Seuse eine lateinische Fassung seiner Schrift Büchlein der Wahrheit unter dem Titel Horologium sapientiae, dabei überarbeitete er das Büchlein in Hinblick auf einen theologisch gebildeten Personenkreis und tritt nun als „Bruder Amandus“ auf. Diese Arbeit fand in ganz Europa weite Verbreitung und ist in über 400 Textzeugen fassbar. Vor dem Hintergrund eines Streites von Kaiser Ludwig dem Bayern und dem Papsttum wurde er 1339 bis 1346/49 mit seinem ganzen papsttreuen Konvent aus der Freien Reichsstadt Konstanz ausgewiesen und hielt sich im Kreuzlinger Schottenkloster und im Dominikanerinnenkloster Katharinental bei Diessenhofen auf. Weiter war er in der Einzelseelsorge in Schwesternklöstern und in sozialen „Brennpunkten“ tätig. Um 1348/9 kam es zu einer Strafversetzung Seuses, nachdem er von einer von ihm betreuten Frau beschuldigt wurde, Vater ihres Kindes zu sein. Diese Beschuldigung wurde kurze Zeit später zurückgenommen, jedoch blieb es bei der Versetzung nach Ulm. Ab dieser Zeit bis zu seinem Tod am 25. Januar 1366 in Ulm lebte er zurückgezogen im dortigen Dominikanerkloster (1305/21 erbaut und geweiht). Auch hier ist er in der Seelsorge eingesetzt, Kontakte mit den Benediktinern im Kloster St. Martin in Wiblingen (1093– 1806) sind belegt. Nach seinem Tod wurde Heinrich Seuse 1366 in der Ulmer Predigerkirche bestattet, was eine hohe Anerkennung und Verehrung andeutete. Leider wurde seine Grablege 1704 bei einem Ausgrabungsversuch – vermutlich unerkannt – zerstört. Seine Schriften überarbeitete Seuse in den Ulmer Jahren zu einer Ausgabe letzter Hand, die er Das Exemplar nannte. Dieses Exemplar, dessen Autograph verschollen ist, wurde mit einem Bilderzyklus illuminiert, der von Seuse selber gestaltet worden sein muss, denn alle illuminierten Handschriften (bislang wurden 5 Handschriften mit Bildern lokalisiert), aber auch alle bebilderten Drucke bieten das gleiche Bildprogramm (insg. 12 Bilder; Seuses Leben 11 Bilder; Büchlein der ewigen Weisheit 1 Bild) und den exemplarischen Text. 1831 erfolgte die Seligsprechung Seuses im Zuge einer Initiative durch den Dominikanerorden, eine Reihe Dominikaner*innen zur Ehre der Altäre erheben zu lassen.

Werke

Eine knappe Übersicht über das Gesamtwerk Heinrich Seuses lässt sich in drei Teile gliedern

– Schriften in „Seuses Exemplar“ (Überarbeitung seiner früheren Schriften in einer Ausgabe „letzter Hand“): 1. Seuses Vita 2. Büchlein der Ewigen Weisheit 3. Büchlein der Wahrheit 4. Briefbüchlein.

– Seuses geistiges Erbe findet sich in dem von ihm in der Ulmer Zeit zusammengestellten Exemplar, einem „Musterbuch“, in dem er seine Schriften redigiert und sie in ihrer Abfolge zu einem „geistlichen Weg“ gestaltet. Diese vierteilige
Werkausgabe beginnt mit seiner Vita, gefolgt vom Büchlein der ewigen Weisheit und dem Büchlein der Wahrheit, und schließlich dem Briefbüchlein. Diese Abfolge modifiziert den historischen Verlauf.

– Nicht in das „Exemplar“ aufgenommene deutschen Schriften Seuses: 1. Das große Briefbuch 2. Predigten 3. Das Minnebüchlein.

– Horologium Sapientiae (lat. Das Büchlein der ewigen Wahrheit).

Die Vita

Neben seiner Einzelseelsorge, besonders bei den Schwestern des Dominikanerordens, kann Heinrich Seuse auf eine anspruchsvolle Schriftenpastoral verweisen. Alle (mittelhoch-)deutschen Publikationen sind didaktisch und sprachlich in dem Bereich Mystagogie und Seelenführung einzuordnen. Sein bekanntestes und wirksamstes Werk ist die sog. Vita, vom Stil her der Vitaspatrum-Literatur des frühen Mönchtums angelehnt.

Die Vita wurde um 1362 endgültig abgeschlossen und bildet ein literarisch mehrschichtiges Werk. Seuse bezeichnet sich hierin als „Diener (der ewigen Wahrheit)“, Schaut man näher hin, dann erzählt er Elsbeth Stagel auf deren Bitte sein Leben, sie schreibt es auf, was Seuse aber nicht will und verbrennen lässt. „Leider“ hat sie noch eine Kopie angefertigt, die er sich aber ebenfalls aushändigen lässt und als Grundlage einer intensiveren Ausarbeitung benutzt.

In der Vita entfaltet Seuse das traditionelle Modell des dreifachen Weges (via illuminativa, purgativa und unitiva) in den Stufungen des anfangenden, fortschreitenden und vollendeten Menschen. Im ersten Teile der Vita ist es Seuse selber, der diesen Weg (auch als geistlicher Ritter) zu gehen hat, im zweiten, sogenannten „Stagel-Teil“ (ab Kapitel 33) vermittelt der „Diener“ nunmehr seine Erfahrungen an seine „geistliche Tochter“ Elsbeth Stagel.

Weitere Schriften

– Das Büchlein der ewigen Weisheit: Entstanden ist das Werk wahrscheinlich 1330/31. Das Buch ist in drei Teile gegliedert und als Dialog der „Ewigen Weisheit“ und ihrem „Diener“ (Seuse) ausgestaltet. Schließlich folgen hundert kurze „Betrachtungen und Begehrungen“ als eine Art praktischer Leitfaden des geistlichen Weges.

– In den Jahren 1331–1334 verfasste Seuse eine lateinische Version des Werks unter dem Titel Horologium sapientiae, dabei überarbeitete er das Büchlein und erweiterte es mit selbstbiographischen Aussagen und um die Thematik der „geistlichen Vermählung“. Beide Versionen erlebten eine große Verbreitung als Abschriften und Drucke in ganz Europa.

– Das „Büchlein der Wahrheit“: Dieses Werk, zur Verteidigung Meister Eckharts geschrieben, ist Seuses früheste Schrift (1329/30) und führte zu einer Anklage vor und Verwarnung durch das Maastrichter Ordenskapitel. Im Exemplar (nach 1355) hat Seuse das Büchlein der Wahrheit überarbeitet, es soll nun den Menschen auf seinem Weg zur Vollkommenheit führen.

– Das „Briefbüchlein“ stellt die Auswahl von 11 (Zusammenfassung von 16) aus den insgesamt 28 Briefen eines sogenannten „Großen Briefbuchs“ dar. Diese Briefe beinhalten Aspekte der Seelsorge und stehen stilistisch Predigten nahe; zwei Briefe sind an Elsbeth Stagel gerichtet.1

Die illuminierten Handschriften


– Handschrift Straßburg: National- und Universitätsbibliothek ms 2929; um 1370 in Straßburg entstanden; große Nähe zum Ulmer Archetyp, wichtigste Handschrift des Exemplars, Illustrationen stammen vom Schreiber;

– Handschrift Einsiedeln: Klosterbibliothek cod 710 (322), um 1450 im schwäbischalemannischen Raum entstanden, von einem professionellen Illustrator gestaltet;

– Breslauer (Wroclawer) Handschrift: Diözesanbibliothek Biblioteka Kapitulna, Ms 46, um 1490 im Dominikanerinnenkloster Hl. Kreuz in Regensburg entstanden;

– Wolfenbütteler Handschrift: Herzog August Bibliothek, cod 78.5 Aug. 15. Jahrhundert in einem Nürnberger Kloster geschrieben, professioneller Illustrator;

– Berliner Handschrift: Staatsbibliothek, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Tübinger Depot, Ms germ fol 658, um 1470 im Dominikanerinnenkloster Altenhohenau bei Wasserburg/Oberbayern geschrieben;

– Pariser Handschrift: Bibliothek National, ms allem 222, 15. Jahrhundert im Dominikanerinnenkloster St. Nikolaus in Straßburg geschrieben.


Quellen:
01
Heinrich Seuse, Deutsche Schriften, hrsg. v. K. Bihlmeyer, Stuttgart 1907 (Nachdruck Frankfurt/M. 1961) = http://www. mhdwb-online.de/Etexte/PDF/ SEUSE.pdf [Aufruf: 14.12.2019]; Deutsche mystische Schriften. Aus d. Mittelhochdeutschen übertragen u. hrsg. v. G. Hofmann. Mit e. Hinführung v. E. Jungclaussen, eingel. v. A. M. Haas, Nachdruck d. 1. Aufl. v. 1966, Zürich – Düsseldorf 1999; Das Buch der Wahrheit. Mittelhochdeutsch-deutsch, hrsg. v. L. Sturlese u. R. Blumrich. Mit e. Einl. v. L. Sturlese, übers. v. R. Blumrich, Hamburg 1993; Heinrich Seuses Horologium sapientiae, hrsg. v. P. Künzle, Freiburg i.Ue. 1977; Stundenbuch der Weisheit: Das „Horologium Sapientiae“, übers. v. S. Fenten, Würzburg 2007.

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