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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/wua.2019.3.110-115
Claudia Paganini
Flucht denken
Facebook-Bilder und ihre Wirklichkeit
Die Fotografie zeigt zwei Männer. Der eine ein Polizist, der andere ein dunkelhäutiger junger Typ, kurzes schwarzes Haar, Vollbart, kräftiger Oberkörper, aggressive Körpersprache. Seine Augen fixieren den anderen mit einem eindringlich drohenden Blick, das Gesicht viel zu nah an seinem Gegenüber, als würde er jeden Moment angreifen wollen, zuschlagen. Ein solches Bild wurde im Mai 2018 von der rechtsgerichteten Gruppierung „German Meme Defence Force“ auf Facebook gepostet und mit den zynischen Worten überschrieben: „16jähriger Flüchtling stellt sich mutig einem Nazi-Abschiebepolizisten entgegen.“ Das Posting wird in kurzer Zeit rund 8.400mal geteilt, hauptsächlich von deutschen, aber auch von österreichischen, schwedischen und ungarischen Usern. Bald darauf wird es auf Twitter übernommen, wo auf der Seite der Jungen Alternative Essen ein Nutzer folgendermaßen kommentiert: „Der sympathische junge Schutzsuchende wird auf Dauer gewinnen, denn er hat ja die deutsche Regierung auf seiner Seite.“ Ganz ähnlich die österreichische FPÖ-Ortsgruppe Oggau, auf deren Facebook-Seite man liest: „Die Zukunft Deutschlands an genau einem Bild erklärt.“

Bilder trügen


Ein guter Teil der Netz-Community scheint sich also einig zu sein: Dieses Bild ist einmal mehr der Beweis für das aggressive Verhalten von Flüchtlingen, von jungen männlichen arabischstämmigen Flüchtlingen genaugenommen, die als solche eine massive Bedrohung für das deutsche Heimatland darstellen. Allein, wer so denkt, hat mindestens drei Probleme. Das erste ist ziemlich banal. Anders als im ursprünglichen Posting suggeriert, handelt es sich nämlich nicht um eine vom Fotografen dokumentierte, tatsächlich erfolgte Konfrontation zwischen einem Flüchtling und einem Polizisten, sondern um ein Bild, das im Zuge der Dreharbeiten der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ entstanden ist. Der abgebildete Polizist ist zwar tatsächlich Mitglied der Berliner SOKO, der vermeintliche Syrer, Afghane – wir wissen es nicht –, der bedrohlich gewaltbereite Kerl jedenfalls ist gerade kein Flüchtling, sondern ein gut bezahlter deutscher Schauspieler namens Vito Pirbazari. Das Foto, das hunderte empörte Kommentare evoziert hat, ist also ein Fake. Das zweite Problem besteht in der naiven Annahme, dass eine Fotografie gewissermaßen Augenzeugenqualität besitze, 1:1 repräsentiere, was wirklich stattgefunden hat. Problem Nummer drei schließlich betrifft die Vorstellung vom Flüchtling, das Denken der Flucht, beides Konstrukte, die bestimmte gesellschaftspolitische Funktionen erfüllen, bei näherem Hinsehen aber nicht nur nicht haltbar, sondern sogar schädlich sind. Doch dazu später.

Widmen wir uns zunächst dem Problem der Augenzeugenschaft. Anders als man vermuten könnte, haben wir es hier nicht mit einer Thematik zu tun, die erst mit dem Erfolgszug der Fotografie aufgekommen ist. Vielmehr finden sich Überlegungen zum ontologischen und epistemologischen Status des Bildnisses quer durch die Kulturgeschichte. Der Moduswechsel von der Abbildung zum Foto brachte zunächst keine grundsätzlich neuen Argumente, galten handgezeichnete Illustrationen, wie sie ab den 1830er Jahren in Magazinen zu finden waren, doch nach denselben Kriterien – nämlich der Augenzeugenschaft und der Intention, wahrhaftig zu berichten – als authentisch oder eben nicht. Dass die beiden visuellen Modi zur Zeit des Aufkommens der Fotografie als epistemisch gleichberechtigt angesehen wurden, zeigt sich zum Beispiel daran, dass noch mehrere Jahrzehnte lang in ein und derselben Zeitung Fotos und Zeichnungen problemlos nebeneinander stehen konnten und dabei häufig sogar denselben Artikel „bebilderten“. Je mehr die Fotografie aber die Illustration aus der Feder des zeichnenden Korrespondenten ablöste, desto stärker fokussierte sich die Debatte, sodass Rudolf Arnheim 1978 nur noch das Foto im Blick hatte, wenn er postulierte, dieses sei genau dann authentisch, wenn es – gestellt oder ungestellt – die Wirklichkeit abbilde, und wahr, wenn es das Wesentliche der Sache zum Ausdruck bringe. Ähnliche medienontologische Überlegungen finden sich bei André Bazin, der aus einer realistischen Perspektive heraus von der Objektivität der Fotografie spricht, aber auch bei Roland Barthes, der das Foto als empirische Kunst und perfektes Analogon zur Wirklichkeit wertschätzt. Noch mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit sollte die Fotografie dann zu Beginn der 1990er-Jahre erhalten, Jahrzehnte früher also, als Kulturpessimisten die Überflutung unserer Wahrnehmung durch Selfies & Co. zu diagnostizieren begannen.

Der iconic turn

Beinahe zeitgleich entwickelten damals nämlich Gottfried Boehm und William J. T. Mitchel den Begriff des „iconic“ bzw. „pictorial turn“. Beide orientierten sich am „linguistic turn“, wobei Boehm Wittgensteins Konzept des Sprachspiels und der Familienähnlichkeit von Begriffen insofern aufgriff, als er sein Programm der Eigenständigkeit des Bildes aus der Bildhaftigkeit der Sprache abzuleiten versuchte. Mitchel dagegen orientierte sich stärker an Charles S. Peirce und plädierte für eine Ablösung des Primats der Sprache zugunsten des Symbolischen. [...]


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