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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/wua.2016.4.169-175
Klaas Huizing
Ästhetische Ethik
Der emotional turn in der Theologie und theologischen Ethik
Wir Geisteswissenschaftler besitzen ein ausgemachtes Faible für den Begriff des turns, der immer häufiger bemüht und mit dem Brustton der Überzeugung kursiv aufgerufen wird, um methodologische Zäsuren zu markieren oder neue Gegenstandsbereiche der Untersuchung zu vermessen oder um sich in der klaustrophobischen und lärmenden Wissenschaftsgesellschaft nachdrücklich Gehör zu verschaffen. Turn ist ein Begriff, der von den Geisteswissenschaftlern grundsätzlich gelikt wird. Gefällt mir. Daumen hoch. Ob der vielen Spitzkehren droht der Geist, der auf der Höhe des Zitatenkartells sein will, freilich schnell schwindelig und orientierungslos zu werden. Ein peinlicher Sturz auf dem Theorieparkett wäre die Folge.

Eine immerhin stabile, länger als zwanzig Jahre währende Nachhaltigkeit hat sich der emotional turn erarbeitet, der vor allem in der Ethik zunächst zögerlich, dann aber entschieden aufgenommen wurde. Zwar waren die emotionalen Auftriebskräfte für Handlungen schon länger bemerkt worden, aber erst als die kognitiven Anteile im Gefühlsbegriffs, genauer: erst als die Gefühle als Wahrnehmungen und somit als „kognitive Akte“ ausgemacht wurden, stabilisierte sich der Diskurs. Strittig blieb die Verbindlichkeit moralischer Gefühle. „Es wäre absurd, wollte man jemandem vorschreiben, er solle ein bestimmtes Gefühl haben bzw. nicht haben. Moralische Normen erheben ja einen allgemeinen Geltungsanspruch.“ Diesen von Annemarie Pieper gemachten Vorbehalt möchte ich mit Ernst Tugendhat und Hermann Schmitz bestreiten: Bei Verstößen gegen moralische Normen ist die Scham ein von allen geteiltes Gefühl, bei Verstößen gegen Konventionen, ästhetische Standards oder im Umgang mit Dispositiven der Macht, die relative Güter (wie etwa die Gesundheit) zum höchsten Gut hochreizen wollen, ist die Scham durchaus nicht notwendig ein geteiltes Gefühl.

Theologen haben sich lange spröde gegenüber dem emotional turn, der zumeist in einer Kombination mit dem body turn auftritt, verhalten. Erst in jüngster Zeit ist eine Theologie der Gefühle erschienen. Ich plädiere für eine Ethik der Gefühle, genauer: für eine Ethik der Scham. Mein Kurzessay hat drei Teile. Zunächst skizziere ich eine philosophische Anthropologie der Scham und diskutiere knapp die Autorität der Scham. Ein zweiter Abschnitt wendet sich der Frage zu, ob wir uns auch falsch schämen können. Zwar sind wir uns im Augenblick der Scham täuschungsfrei sicher, uns zu schämen, gleichwohl können wir uns in bestimmten Situationen durch Dispositive der Macht gesteuert auch falsch schämen. Ein letzter Teil versucht in wenigen Strichen anhand einer biblischen Modelllektüre den überlappenden Konsens zwischen der philosophischen Schamanthropologie und der biblischen Schamanthropologie einzufangen.

Skizze einer Schamanthropologie

In der Philosophie trägt vor allem die lange von Kollegen absichtsvoll und schnöde übersehene Leibphilosophie von Hermann Schmitz, entwickelt in seinem „System der Philosophie“ seit den späten 1960er Jahren, dazu bei, Gefühle, verstanden als „räumlich ergossene Atmosphären und leiblich ergreifende Mächte“, als zentralen Gegenstand der Philosophie zu erkunden. Längst zählt diese Leibphilosophie von Hermann Schmitz, die die – wie er markig sagt – „Menschspaltung“ in Körper und Seele rückgängig machen will, zu den neuen Klassikern der Debatte. Nach Schmitz sind Gefühle zunächst und zumeist keine subjektiven Zustände, vielmehr geht die Intentionalität von den Gefühlen als Atmosphären aus, die auf den resonanten Leib treffen und zugleich normative Ansprüche erheben. Das diskursleitende Stichwort von der affektiven Betroffenheit im Diskurs von Hermann Schmitz markiert unmissverständlich die passive Struktur der Gefühle. Widerfährt uns Scham, dann entflammt die sprichwörtliche Schamröte, die Stimme versagt, man wird stumm, senkt den Blick, erbleicht vielleicht nach der Schamröte, möchte am liebsten im Boden versinken und unsichtbar werden („man schämt sich zu Tode“), macht sich klein, schlägt die Hände vors Gesicht, um den Blicken und Kommentaren der Anderen, den Zeugen der Scham, nicht länger ausgesetzt zu sein. Die Körperreaktion des Errötens verweist darauf, wie nackt man sich fühlt, der Beschämte ist in den Augen der Anderen sichtbar bloßgestellt. In der metaphorisch aufgeladenen Sprache von Schmitz geht es um den Verankerungsbereich, unterschieden vom Verdichtungsbereich: Man schämt sich (Verdichtungsbereich) wegen etwas (Verankerungsbereich).

Hilge Landweer sieht, wenn Scham das Inkarnat rot einfärbt, mit Schmitz immer einen Normverstoß vorliegen: „Scham entsteht, wenn jemand gegen eine Norm verstoßen hat, die er oder sie eigentlich anerkennt.“ Nachdrücklich betont Schmitz die Autorität der Scham: „Besonders drastisch ist unter den Gefühlen die Autorität der Scham […] Scham beugt; sie kann als Katastrophe über den Betroffenen so hereinstürzen, daß er […] bis ins Zentrum der Erde hätte versinken mögen.[…] Scham ist eine Atmosphäre […], und in ihrer Autorität erweist sie sich […] an der Ausstrahlung auf Beteiligte.“ [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

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