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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/wua.2015.4.157-162
Hans-Joachim Sander
Auslegung jenseits der potestas indirecta
Heilige Schriften gibt es nicht umsonst. Man muss sich ihnen schon unterwerfen, um sie nutzen zu können. Mit lesen, verstehen, kontextualisieren bekommt man die Heiligkeit – im doppelten Sinn des Wortes – nicht heraus. Das Unterwerfen geschieht auf der Ebene der Religionsgemeinschaft nicht in einem einzelnen Akt, sondern in verwickelten Prozessen von Kanonisierung; diesen Vorgang durchlaufen viele Literaturkomplexe mit kulturellem Identifizierungspotential. Bei Heiligen Schriften spielt dabei die Auslegung eine wichtige Rolle. Sie wird nicht logisch gebildet, sondern topologisch indiziert. Durch Wahrheitsbeanspruchungen wird eine Fundstelle jener Argumente kreiert, die die Beanspruchungen wiederum bestätigen, wodurch der Prozess aber zugleich selbst von den Veridiktionen normiert wird. Machtaufladungen treten auf, weshalb sich die Topologie immer mit Spannungen über die bevorzugten Fundstellen entlädt. In der katholischen Theologie zeigen das die notorischen Kämpfe zwischen Exegese und Dogmatik. Eine Heilige Schrift erzeugt im Inneren einer Religionsgemeinschaft also unweigerlich Druck, Distinktionen zu treffen. Diese setzen zugleich in den Stand, nach außen hin mit Forderungen aufzutreten. Man gewinnt nach innen, was man nach außen erreicht. Das kann sich auf ganze Gesellschaften beziehen und verdichtet sich in Ämter der Auslegung.

In der katholischen Kirche ist diese Innen-Außen-Grammatik zu einer Bedingung der Möglichkeit des Papsttums geworden. Es beansprucht Auslegungsvorrechte nach innen, die aber zugleich nach außen hin allen zum Vorteil dienen sollen. Das macht die Innen-Außen-Grammatik zu einer prekären Relativität. Wenn das Papsttum Auslegungsvorrechte in Anspruch nimmt – etwa mit infalliblen Erklärungen –, und gläubige Unterwerfung verlangt, dann darf sich nach außen hin das Durchsetzungsproblem nicht verschärfen, sonst erleidet es Distinktionsverluste nach innen. Man denke etwa an den Ablassstreit während der Reformation oder neuerdings den vornehmlich göttlich begründete Ausschluss von Frauen vom priesterlichen Amt; beides war bzw. ist nach innen hin wegen fehlender Anerkennungsfähigkeit nach außen nicht zu erledigen. Dann muss eine Auslegung nach außen hin differenzierter auftreten, um den Relativierungsschub abzufedern; einen anderen Weg gibt es auf Dauer nicht.

Die meisten Versuche dieser Ausdifferenzierung bewegen sich im Zusammenhang von Politik und Glauben. Eine lange geübte Strategie, die nach der Reformation einsetzt, war die potestas indirecta. Sie entstammt dem politisch-theologischen Denken der Jesuiten und wurde vom Papsttum bis in die Gegenwart hinein benutzt. Das Theorem ist in jüngerer Zeit wieder stark in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, denn das Zweite Vatikanische Konzil ist von jedem Machtanspruch in der Auslegung des Heiligen abgerückt. Man muss sich daher fragen, ob der traditionelle Anspruch nur mehr Fassade ist.

Bei der mit potestas indirecta beanspruchten Auslegung treten Innen und Außen als deutlich verschieden hervor; sie können sich verstärken oder brechen. Das entscheidet sich an einem merkwürdigen Dreischritt aus Zumutung, Demut und Ermutigung. Hier werden drei unterschiedliche Zugriffsweisen verwoben – Macht, Ohnmacht und Autorität. Nur diesem Teil des Auslegungsprozesses möchte ich hier nachgehen.

Von der Zumutung über die Demut zur Ermutigung

Der Bezug auf die Heilige Schrift vollzieht sich in Praktiken der Zumutung, die eine Wechselseitigkeit erzeugen, bei denen die Seite, die über die Schrift verfügt, eine Machtposition erlangt, während die andere in eine Ohnmachtshaltung gestellt wird. Das kann ganz schlicht sein: etwa den Text vorzulesen und hinhören zu müssen. Aber es können auch komplexe Vorgänge sein wie Texte kanonisieren und deshalb andere ausschließen, wie zu Doktrinen normierte Kommentierungen, deren Authentizität andere akzeptieren müssen.

Die Rollen können wechseln; wer kommentiert, sollte irgendwann einmal hingehört haben. Niemandem ist es auf Dauer möglich, sich der Zumutung zu entziehen, die als heilig in einer Gemeinschaft veridiziert wird. Ihr folgt die Demut auf den Fuß, sich von den selbst beanspruchten Vorgaben betreffen zu lassen. Diese Demut betrifft alle. Sie kann sich bis zur Demütigung derer in der Machtposition auswachsen, wenn ihr Bezug auf die Schrift für zu leicht befunden wird. Die Zumutung einer Heiligen Schrift kann also gerade durch die demütige Unterwerfung dazu ermutigen, ein Gegenverhalten zu Macht generierenden Praktiken aufzubauen. Dieses Gegenverhalten darf man nicht vorschnell mit Revolte identifizieren. Es beansprucht vielmehr positiv, was eine Heilige Schrift auferlegt; Gegenverhalten erhöht den Respekt. Vor allem die enge Verbindung der Reformation mit der Bibel bietet dafür reichhaltiges Material. Im Fall der Frauenordination beginnt es sich anzudeuten. 
[...]


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