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Leseprobe 1
Michael Sievernich
Alte Missionierung und neue Evangelisierung
Der deutsche Schriftsteller Günter de Bruyn (*1926), der als Zeitgenosse drei politische Systeme erlebte und reflektierte, nahm in der Bundesrepublik folgenden Zustand des Christentums wahr: „Was also den Christen weitgehend fehlt, ist ihr sichtbar werdender Wille, sich nicht nur zu behaupten, sondern verlorene Seelen zurückzugewinnen, also, falls das Wort noch erlaubt ist: Mission.“ Mit scharfem Blick diagnostiziert der erfahrene Autor einen anhaltenden Mangelzustand und erinnert zugleich an die political correctness, die jegliche „Mission“ beargwöhnt.

Skepsis und Ablehnung beruhen auf Prozessen der Säkularisierung, aber auch der Dekolonisation in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ende der europäischen Kolonialreiche in Asien und Afrika sahen nicht wenige zugleich die Zeit der „De-Missionierung“ gekommen. Diese negative Einstellung bestimmte lange die öffentliche Meinung und spiegelt sich noch in einer Wortmeldung des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt. Dieser lehnt mit Berufung auf den Toleranzgedanken den Missionsgedanken grundsätzlich ab: „Deshalb habe ich die christliche Mission stets als Verstoß gegen die Menschlichkeit empfunden. Wenn ein Mensch in seiner Religion Halt und Geborgenheit gefunden hat, dann hat keiner das Recht, diesen Menschen von seiner Religion abzubringen.“ Er vermag also einen Religionswechsel aus freien Stücken und ein Werben für die eigene religiöse Überzeugung nicht als Ausdruck der positiven Religionsfreiheit zu sehen.

Von der Mission zur Evangelisierung

Erweitern wir den Blick von deutschen Zuständen auf den weltkirchlichen Neuaufbruch im Konzil. Dessen Missionsverständnis gründet in der Sendung Christi und des Heiligen Geistes, die von der Kirche aufgegriffen zur Wiederentdeckung der Evangelisierung als inhaltlich bestimmter Mission führt. Der Begriff der „Mission“ bezog sich im jesuitischen Milieu der frühen Neuzeit ursprünglich auf die Bindung von Ordensmitgliedern an päpstliche „Sendungen“ (circa missiones). Ohne solche personale und religiöse Zusammenhänge bleibt der Begriff formal und wird auch für profane Missionen, ob in Diplomatie oder Wissenschaft gebraucht. Trotz Polysemie und Ambivalenz wird der Missionsbegriff der Kirche erhalten bleiben (müssen), doch ist ihm nun mit „Evangelisierung“ ein Begriff an die Seite getreten, der biblischer Herkunft und erkennbar christlich bestimmt ist.

Die konfessionelle Spaltung in der frühen Neuzeit mag dazu beigetragen haben, im katholischen Sprachgebrauch von Evangelium und Evangelisierung eher abzusehen, da dies zu „evangelisch“ klang. Stattdessen setzte man mehr auf Lehre, Moral und Sakrament. Gleichwohl betonte das Tridentinische Konzil selbst, dass in der Kirche das Evangelium in Reinheit (puritas Evangelii) zu bewahren und „als die Quelle sowohl aller Heilswahrheit als auch aller Sittenlehre“ jedem Geschöpf zu verkünden sei (DH 1501). Doch waren es wohl konfessionelle Animositäten, die eine sprachlich vom Evangelium inspirierte Terminologie verhinderten. Vielleicht spiegelt sich die letzte Aufgipfelung dieser distanzierten Position in der Tatsache, dass das Wort „Evangelium“ in den Dokumenten des Ersten Vatikanischen Konzils nur einmal auftaucht. Trotz der erwähnten positiven Ansätze im Konzil von Trient wurde die Terminologie der Evangelisierung im konfessionellen Zeitalter also zum Ausdruck der Distanzierung.

Das mag für das Europa der frühen Neuzeit gelten, als protestantische Reformation und katholische Reform sich polemisch gegeneinander aufstellten. Es gilt aber nicht für die höchst nachhaltige Missionstheorie von 1588, in welcher der in Südamerika (Peru) tätige Missionar José de Acosta von einer „neuen Methode der Evangelisierung“ sprach. Sie schloss Zwang und Unrecht aus und erforderte als Kriterien die Integrität des Lebens, verstanden als Übereinstimmung von Glaubensbekenntnis und Lebenspraxis, die Beherrschung der einheimischen Sprachen sowie eine umfassende Kenntnis sowohl der eigenen als auch der fremden Kultur. Dabei definierte er Missionen geradezu „evangelisch“ als solche Fahrten, die „um des Wortes Gottes willen“ (verbi divini causa) unternommen werden.

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sollte die Evangelisierung wieder Einzug halten und zu einer ökumenischen Kategorie werden. In den Dokumenten des Konzils kommen die Wörter „Evangelium“ mehr als 150mal, „Evangelisierung“ und das Verb „evangelisieren“ fast 50mal vor. Sache und Begriff (evangelizatio, evangelizare) kamen im katholischen Raum also erst wieder durch das Konzil in Geltung. So stellt das Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes grundsätzlich fest, dass die Kirche „ihrem Wesen nach missionarisch“ sei (AG 2, 35) und die Evangelisierung „eine Grundpflicht des Gottesvolkes“ darstelle (AG 35), wie auch das Kirchenrecht später normativ festhält (c. 781 CIC 1983). Für die Pastoralkonstitution Gaudium et spes muss die „angepasste Verkündigung“ (praedicatio accomodata) des geoffenbarten Wortes das „Gesetz aller Evangelisierung“ (lex omnis evangelizationis) bleiben, sodass die Botschaft Christi verschiedene Ausdrucksformen finden und der Austausch (commercium) zwischen der Kirche und den Kulturen stattfinden kann (GS 44).

Mehrfach sprechen die konziliaren Dokumente vom „Werk der Evangelisierung“ (opus evangelizationis), das vor allem im Zeugnis (testimonium) eines christlichen Lebens bestehe (AG 36). Dass Mission und Evangelisierung eine Sache des gesamten Gottesvolkes ist, kommt unmissverständlich darin zum Ausdruck, dass auch die Kompetenz und Verantwortung der Laien angesprochen wird. So bestimmt die Kirchenkonstitution Lumen gentium im Laienkapitel die Evangelisierung als „Verkündigung der Botschaft Christi durch das Zeugnis des Lebens und das Wort“, erweitert also die Aufgabe über das Lebenszeugnis hinaus und bezieht es überdies auf den Kontext der „gewöhnlichen Verhältnisse der Welt“ (LG 35). Nach dem Laiendekret Apostolicam actuositatem üben die Laien ihr Apostolat auf der individuellen Ebene durch ihre Tätigkeit „für die Evangelisierung und die Heiligung der Menschen“ aus und auf der institutionellen Ebene mittels einer „Durchdringung und Vervollkommnung der zeitlichen Ordnung mit dem Geist des Evangeliums“ (AA 2). Der Fokussierung der Mission auf Evangelisierung entspricht auch die Namensänderung des zuständigen römischen Dikasteriums, das sich 1967 von Congregatio de propaganda fide (1599) in Congregatio pro gentium evangelizatione (Congregazione per l’evangelizzazione dei popoli) umbenannt hat.

Nachhaltige Wirkungsgeschichte

Die innerkirchliche Rezeption begann ein Jahrzehnt nach Konzilsende, als Paul VI. die Evangelisierungsidee kontextuell aufgriff und im Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi (1975) entfaltete. Darin erscheint Evangelisierung als komplexe und dynamische Wirklichkeit, welche den Existenzgrund der Kirche ausmacht: „Sie ist da, um zu evangelisieren“ (EN 14). Angesichts des „Bruchs zwischen Evangelium und Kultur“ (EN 20) legt der Papst einen starken Akzent auf die Evangelisierung der Kulturen. Darüber hinaus aber bettet er Evangelisierung in den konkreten Kontext der Zeit ein, denn er verknüpft Evangelisierung mit der menschlichen Entfaltung, die er wiederum als Entwicklung und Befreiung versteht (EN 31). Hier kommen präzise die Kategorien zum Zuge, welche die sozialethischen und sozialtheologischen Diskurse jener Epoche bestimmten. Hinsichtlich der Methoden übernimmt das päpstliche Dokument die konziliare Doppelaufgabe vom „Zeugnis des Lebens“ (EN 21, 41, 76) und von der „ausdrücklichen Verkündigung“ (EN 22, 42–44), die beim Prozess der Evangelisierung die ersten von fünf Stufen bilden (EN 21–24). Mit diesem Dokument begann das neue Paradigma der Evangelisierung an Fahrt zu gewinnen und das bis dahin enge Feld der Adressaten zu entgrenzen (EN 49–58)

Es war vor allem der lateinamerikanische Episkopat, der auf der III. und IV. Generalversammlung in Puebla (1979) und in Santo Domingo (1992) das Thema der (neuen) Evangelisierung aufgriff und für den Subkontinent pastoral fruchtbar machte. Dabei wurde sowohl das Befreiungsthema im Hinblick auf eine „befreiende Evangelisierung“ (Puebla 480–490) fortgeschrieben als auch die soziale Thematik der „Förderung des Menschen“ als privilegierte Dimension der neuen Evangelisierung entwickelt.

Eine weitere Präzisierung steuerte Johannes Paul II. mit seiner Missionsenzyklika Redemptoris missio (1990) bei, die eine dreigliedrige Typologie beinhaltete. Diese unterscheidet drei Situationen: (1) die Evangelisierung als Mission ad gentes, also an Menschen und Situationen, denen das Evangelium bisher unbekannt geblieben ist; (2) an christliche Gemeinden, in denen Seelsorge betrieben wird; und (3) die „neue Evangelisierung“ in Ländern mit alter christlicher Tradition, in denen viele Getaufte den Glauben und den Kontakt zur Kirche verloren haben (RMi 33). Zwischen Mission nach außen und Seelsorge nach innen wird die „neue Evangelisierung“ angesiedelt, die geografisch vor allem Europa und die beiden Teile Amerikas betrifft. Diese Aufgabe einer Neu-Evangelisierung hat Benedikt XVI. dazu bewogen, mit dem Apostolischen Schreiben Ubicumque et semper vom 21. September 2010 ein neues Dikasterium zu schaffen. Es ist der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung (Pontificio Consiglio per la Promozione della Nuova Evangelizzazione), der eine theologische Vertiefung vornehmen und konkrete Initiativen, auch im medialen Raum, starten soll.

Der aus Südamerika stammende Papst Franziskus, dessen Stil und Programm seit März 2013 Kirche und Welt überraschen, hat auf seine Weise das Evangelisierungsthema im umfangreichen Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium (Freude des Evangeliums) aufgegriffen. Schon der Titel spielt auf wichtige Dokumente an. Das Wort „gaudium“ (Freude) erinnert vor allem ans Konzil, an die Anfangsworte der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes (Freude und Hoffnung), aber auch an den Initiator des Konzils, Papst Johannes XXIII., dessen konziliare Eröffnungsrede vom 11. Oktober 1962 ebenfalls die Freude im Titel trug: Gaudet mater ecclesia (Es freut sich die Mutter Kirche). Schließlich gemahnt der Genitiv „Evangelii“ an das erwähnte Schreiben Evangelii nuntiandi Papst Pauls VI.

Als Definition bietet das Dokument an: „Evangelisierung bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig zu machen“ (EG 176). Dieses „Evangelium vom Reich Gottes“ (Lk 4,43) steht definitorisch auch am Anfang des Dokuments Allen Völkern Sein Heil, in dem der deutsche Episkopat die Weltmission als Dienst an der Freiheit und an der Wahrheit versteht. Da Papst Franziskus auch die Vorgaben der römischen Bischofskonferenz von 2012 zu verarbeiten hatte, knüpft er an die erwähnte Typologie der Evangelisierung seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. an, ordnet deren Trias der Adressaten aber neu an. Die neue Evangelisierung wird nun nicht mehr geografisch christlich geprägten Ländern mit Säkularisierungstendenzen zugeordnet, vielmehr spielt sie sich grundsätzlich in allen drei Bereichen ab: (1) im Bereich der gewöhnlichen Seelsorge und der Vertiefung des Glaubenslebens; (2) im Bereich der Getauften, die nicht mehr im Glauben leben und keine innere Beziehung mehr zur Kirche haben; (3) im Bereich derer, die Christus nicht kennen oder ihn ablehnen (vgl. EG 14). Damit tritt an die Stelle des geografischen ein personales Prinzip, das die Personen nach ihrer religiösen Lage im Blick hat. In der Konsequenz müssten die beiden zuständigen Dikasterien neu geordnet und zugeordnet werden. Überdies sind die drei Bereiche in ihrer Zuordnung neu konzipiert, da sie nun dem Prinzip der konzentrischen Kreise folgen, ausgehend vom inneren Kreis der intakten Gemeinden hin zum größeren Kreis der Abständigen und zum größten Kreis der Nichtchristen. Für alle gilt die neue Evangelisierung mit Rechten und Pflichten: „Alle haben das Recht, das Evangelium zu empfangen. Die Christen haben die Pflicht, es ausnahmslos allen zu verkünden, nicht wie jemand, der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen schönen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet“ (EG 14). Welch existentielle Wucht dahinter steckt, wird an folgenden Worten deutlich: „Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selber ›gebrandmarkt‹ ist für diese Mission, zu erleuchten, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien“ (EG 273).

Neue Horizonte

Mit dem neuen Paradigma der Evangelisierung öffnet sich ein neuer Horizont, für den zunächst ein Grundsatz und eine Unterscheidung wichtig sind. Im Grundsatz ist nun klar, dass die Kirche als das gesamte Volk Gottes in die Pflicht zur Evangelisierung genommen ist (AG 35, 6). Dabei ist aber eine von Anfang an wichtige Unterscheidung zu beachten. Es gab und gibt eine professionelle Verbreitung des Christentums durch Missionare wie Paulus oder die Ordensleute und zugleich eine kapillare Verbreitung durch einfache Christen in Familie und Freundeskreis, Berufsgruppe und Nachbarschaft, Schule oder mobiler Tätigkeit.

Überdies gilt es die Diversität verschiedener Zugänge zu beachten, die je nach Person, Ort und Zeit unterschiedliche Stile ausbilden. In Anlehnung an Avery Dulles kann man sechs Modelle unterscheiden: (1) Das persönliche Zeugnis des Lebens, das vom schweigenden Zeugnis bis zum Martyrium reichen kann. (2) Die Verkündigung durch das Wort, die jede Art von mündlichem oder schriftlichem Zeugnis meint, da jedes Zeugnis seine Gründe braucht (vgl. 1 Petr 3,15). (3) Das Modell des Gottesdienstes bezieht sich auf den missionarischen Charakter liturgischer Feierformen oder der Volksfrömmigkeit, die viele Menschen anziehen. (4) Eine christliche Gemeinschaft kann durch ihr Miteinander und ihre Aktivitäten attraktiv sein und ein spirituelles Zuhause bieten. Das gilt für klassische Gemeinschaftsformen ebenso wie für neue Formen, seien es stabile Gruppen wie kleine christliche Gemeinschaften oder kirchliche Basisgemeinschaften, seien es mobile Gemeinschaften wie die neuen geistlichen Gemeinschaften oder die charismatischen Gruppierungen. (5) Inkulturation, ein nachkonziliarer Terminus, umgreift als fünftes Modell die zahlreichen Versuche des Christentums, sich in den jeweiligen Epochen und Kulturen zu verwurzeln, heute auch in den säkularen Kulturen und den „modernen Areopagen“ (vgl. RMi 37) wie Medien, Wissenschaften oder internationale Beziehungen. (6) Die Caritas, d. h. die selbstlose Liebe zu den Bedürftigen, bestimmen das letzte Modell, das biblisch in der Weltgerichtsrede wurzelt (Mt 25) und in den Werken der Barmherzigkeit Ausdruck gefunden hat, die auch die Gerechtigkeit umfassen.

Das letztere Modell ist jedoch nicht nur eines unter anderen, sondern verweist auf einen privilegierten Zusammenhang, der sich schon im Konzil anbahnt. Hier wird die Gottespräsenz nicht nur an Kirchenreform gebunden, sondern auch an bestimmte Haltungen, welche die Glaubenden „zu Gerechtigkeit und Liebe, insbesondere gegenüber den Bedürftigen“ bewegt, sowie zu „brüderlicher Liebe“ (caritas fraterna), damit „Gottes Gegenwart“ sich manifestiere (GS 21). Es liegt also auf der Hand, dass Missionierung und Evangelisierung sich zunächst auch an die eigene Adresse der Selbstreform und Selbstevangelisierung richten, um so authentisch auf die Gottespräsenz zu verweisen.

Damit wird grundsätzlich deutlich, dass sich Evangelisierung nicht allein auf Verkündigung und Lehre bezieht, sondern einhergeht mit Sorge um den Anderen in seinen leiblichen und materiellen Nöten, einschließlich der strukturellen Gegebenheiten. Diesen integralen Ansatz haben Mission und Pastoral faktisch immer praktiziert, aber mit neuem Schub im 19. Jahrhundert, als Mission ein weibliches Antlitz erhielt und Missionarinnen sich verstärkt um Familien, Bildung und Gesundheit kümmerten.

Der oft verkannte Papst Paul VI. hat den Zusammenhang in Evangelii nuntiandi konstitutiv zur Sprache gebracht, als er „Evangelisierung“ und „Befreiung“ zusammenspannte (EN 30–33), und die Kirche Lateinamerikas ihm darin folgte und den inneren Zusammenhang mit der „Förderung des Menschen“ (promoción humana) als privilegierte Dimension der Evangelisierung herausstellte; dazu gehören Menschenrechte und Ökologie, Arbeit und Solidarität, demokratische Ordnung und gerechte Wirtschaftsordnung (Santo Domingo 157–226). Unmissverständlich systematisiert Papst Benedikt XVI. den Zusammenhang in seiner Enzyklika Deus caritas est (2005): „Alles Handeln der Kirche ist Ausdruck einer Liebe, die das ganzheitliche Wohl (bien integral) des Menschen anstrebt: seine Evangelisierung durch das Wort und die Sakramente (…) und seine Förderung und Entwicklung in den verschiedenen Bereichen menschlichen Lebens und Wirkens. So ist die Liebe der Dienst, den die Kirche entfaltet, um unentwegt den auch materiellen Leiden und Nöten der Menschen zu begegnen.“

Will man die genannten Stile in der säkularen Gegenwart gewichten, dann würde man sie wohl in umgekehrter Reihenfolge aufzählen, beginnend bei der diakonischen Dimension, fortschreitend zur Inkulturation in die Kultur der späten Moderne und zu der angesichts des Individualismus immer dringender werdenden Gemeinschaftsdimension, die sich auch in den gottesdienstlichen Feierformen spiegelt. Vielleicht haben es im Gegensatz zu früheren Zeiten christlich vorbildliche Personen sowie Erklärer und Apologeten des Glaubens derzeit am schwersten, da sie auch vor den existentiellen und sachlichen Wahrheitsfragen stehen, denen das moderne Subjekt angesichts so vieler Optionen eher auszuweichen pflegt.

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