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Leseprobe 3
Markus Trautmann
Johannes Leppich SJ
„Christus auf der Reeperbahn“
„Nichts anderes wollen wir, als Dein Kreuz aufrichten in jenem Milieu, das wir in müder Resignation dem Teufel überlassen haben: die Vergnügungsstätten, die Varietés, das Stadion, die Welt von Nylon, Neonlicht und Plexiglas – die Tänzerin, den Artisten, den Manager […] Denn seit Du bei ‚Zöllnern und Sündern’ zu Tisch gesessen bist (man hat es auch Dir übel ausgelegt), sind auch Deine Jünger in eine Halbwelt gerufen. Und keiner von uns hat das Recht, solche moralischen Katastrophengebiete zu verdammen. Wehe, wenn das Christentum so blutleer geworden ist, dass es die sündige Welt nicht mehr zu heilen vermag! Wehe, wenn es einer Reeperbahn aus dem Wege geht! Es wird viel über diese Unterwelt geschrieben. Aber nur wenige wagen, die religiöse Diagnose zu stellen. Man möchte es nicht wahrhaben, dass in diesem Sündenbabel die Menschen einund ausgehen. Aber auch für diese Masse gilt Dein ‚Misereor super turbam’: Mich erbarmt des Volkes. Und Dein ‚Ego te absolvo’ soll auch dort, und gerade dort gesprochen werden. Auch sie sollen aus heiligen Wassern trinken und ihren Durst nicht aus Pfützen und Sümpfen löschen oder den letzten Rest ihrer Scham mit Alkohol hinunterspülen. Ist es wirklich so schwer, in diesem moralischen Dschungel auch noch das Gute zu entdecken?“

„Maschinengewehr Gottes“

Eigentlich sind die rhetorischen Salven des „Maschinengewehrs Gottes“, wie Pater Leppich auch genannt wurde, eher ungeeignet, im Abstand von Jahrzehnten „wiedergelesen“ zu werden. Man muss Pater Leppich gehört haben! Und Millionen haben ihn in der Nachkriegszeit in Westdeutschland gehört. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“, das kaum im Verdacht einer übertriebenen journalistischen Nähe zur katholischen Kirche steht, widmete dem Jesuiten im Januar 1954 sogar eine Titelgeschichte und konstatierte: „An Anziehungskraft und Massenwirkung übertrifft Leppich bei weitem die Parteiredner, die Filmstars, ja selbst die Fußballteams. In Hamburg hörten ihn 20.000 Menschen, in Bochum predigte er gegen ein schwarzglänzendes Dach von 22.000 Regenschirmen, in Köln strömten 35.000 Besucher zusammen, in Fulda 40.000.“

Der Jesuit konnte begeistern: „Für den sehr jung wirkenden Mann mit seinem gewellten dunklen Haar, den sportlich elastischen Bewegungen, […] dem explosiven Temperament, dem kindlich-grenzenlosen Optimismus, mit einer Stimme von metallischem Klang und größter Modulation, der da so frei und ungehemmt ins Mikrofon spricht, gibt es keinen Vergleich“ – so die Beobachtung einer Kölner Zeitung.3 Und eine andere Kölner Tageszeitung hielt fest: „Er versteht es, auch muntere Töne anzuschlagen, dass die Leute lachen. Aber im nächsten Augenblick ruft er ihnen mit donnernder Stimme eine bittere Wahrheit zu, oft mit sich überschlagenden Sätzen, hinter denen immer die Leidenschaft eines ganz von seiner Aufgabe gepackten Priester zu spüren ist.“

Johannes Leppich glaubte an ein frohes, selbstbewusstes und weltoffenes Christentum. Eben deshalb konnte er soziale Bequemlichkeit ebenso wie religiöse Gleichgültigkeit so schroff angreifen: „Du musst etwas tun, dass du nicht wie eine fette Ente deinen Hintern am Boden nachschleppst, sondern wie ein Adler aufsteigst zu Gott!“ Natürlich spielte Leppich auch mit dem Tabu, und seine Predigten und Texte, wie etwa „Christus auf der Reeperbahn“, hatten oft reißerische Titel und Themen. Aber mit alledem wollte der Ordensmann wachrütteln, die Zuhörer für ein konsequentes Christsein begeistern. „Er geht auf die Straßen und Plätze und möchte die Sprache der Straße sprechen, um bei den Menschen der Masse Gehör zu finden“, kommentierte ein Journalist. „Er selbst ist ein Leidender und Beunruhigter, und er sagt es den Massen. Was für ein Thema Pater Leppich immer aufgreift, es kommt ihm weniger auf seine inhaltliche Durchführung an. Es ist der Ton des Mitleidens in der Anklage, des Helfenwollens aus innerer Unruhe und des leidenschaftlichen Aufrufs zum Handeln in seiner erregten und offenen Sprache.“

Fragen der Zeit

Leppich hat in seinem Leben menschliche Gleichgültigkeit und moralische Abstumpfung in unterschiedlichen Varianten erlebt: In seiner Wahrnehmung waren materielle Not und soziale Desorientierung nach dem Ersten Weltkrieg ebenso Ursache menschlicher Verführbarkeit wie ein ausufernder Wohlstand und die „Verfettung der Herzen“ im westlichen Nachkriegsdeutschland. Neben einem obrigkeitlich verordneten Staatsatheismus, etwa im kommunistischen Ostblock, fand Leppich den wachsenden „Privat-Atheismus“ der jungen Bundesrepublik nicht weniger fatal: „Wir haben Gott in die Dome gesperrt und in den Museen konserviert. Wir haben ihn zum niedlichen Spielzeug für ein paar rührselige Weihnachtstage gemacht, das man nach dem Fest wieder in Holzwolle verpackt.“

Leppich, geboren 1915 im oberschlesischen Ratibor, lernte früh die Schatten des Arbeitermilieus kennen. Sein Vater war Zuchthausaufseher. Als die Kinder einmal bei einer Weihnachtsfeier Flöte spielen durften und die Häftlinge dabei weinten, „habe ich gewusst, dass kein Mensch verloren ist.“ Kritisch sah Leppich später die gemütvolle, oberschlesische Religiosität: Die Seelsorger der Jugendzeit „haben mich nie für die Sozialprobleme interessiert oder für eine kämpfende Bewegung der christlichen Arbeiterschaft. Sie haben uns für den Priesterberuf begeistert und dabei vergessen, die Welt zu konsekrieren.“ Auch bewahrte die gemeinsame katholische Konfession der Oberschlesier das Land nicht vor blutigen, bürgerkriegsartigen Verhältnissen. Nach 1933 machte auch Leppich in der Hitlerjugend mit und kommandierte dort als Tambourmajor. Doch die HJ bot keine geistige Heimat; vielmehr strebte er den Priesterberuf an, nachdem er bei Schülerexerzitien in Kontakt zu jungen, geistreichen und sportlichen Jesuiten gekommen war. 1935 begann er selbst das Noviziat in der Gesellschaft Jesu; nach Ausbildungsaufenthalten an verschiedenen Orten und Einsätzen als Soldat, erfolgte 1942 die Priesterweihe. In seiner oberschlesischen Heimat erlebte Leppich 1945 den Zusammenbruch des Deutschen Reiches, verbunden mit unsagbarem Leid und der Vertreibung der Bevölkerung. Für einige Monate wirkte er im Flüchtlingslager Friedland und betreute internierte SS-Angehörige, deren Zynismus ihn erschreckte. Ende 1946 gelangte Leppich ins Ruhrgebiet, wo er sich beim Aufbau der „Christlichen Arbeiterjugend“ (CAJ) engagierte.

Leppich spürte einen wahren Hunger der Menschen nach zukunftsweisenden Botschaften – nach all den Jahren der Diktatur, des Krieges und der Zerstörung. Angesichts der entzauberten Gedankenwelt der NS-Ideologie und der Niedergeschlagenheit der Nachkriegszeit, spürte Leppich die weit verbreitete geistige Entwurzelung und erneute ideologische Anfälligkeit nicht nur der jungen Menschen. Die drohende soziale Ausgrenzung von Millionen Heimatvertriebenen und Ausgebombten empfand er als Nährboden auch der religiösen Orientierungslosigkeit. In diese gesellschaftliche Situation hinein wollte Leppich das Evangelium auf zeitgemäße Weise verkünden. Dazu waren die Kirchenräume und Versammlungssäle bald zu klein, und Leppich verlagerte seine Predigten und Ansprachen nach draußen. Im Februar 1948 mietete er in Essen ein ganzes Zirkuszelt an. „Christus oder Chaos? Pater Leppich spricht im Zirkus Bügler“ – so verkündeten im Vorfeld Plakate und Flugblätter. Damit war der Massenprediger Leppich geboren – oder der „Asphalttheologe“, wie er sich selbst gern nannte: „So wird er zum Straßenmissionar, der die Kirchenfernen anspricht, die Randsiedler der Kirche, die Menschen im Vorfeld der Kirche.“

Inszeniert oder echt?

Bald war es nicht mehr das soziale Elend der unmittelbaren Nachkriegsjahre oder die kommunistische Gefahr, deren Abwehr Leppich beschwor; vielmehr waren es schon nach wenigen Jahren die Verheerungen einer materialistischen Gesinnung unter den Vorzeichen einer liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, denen der wortgewaltige Jesuit den Kampf ansagte. Vor allem wortgewaltig. „Die merkwürdige Faszination, die von seinen Reden ausgeht, ist die wohlüberlegte Spannung zwischen priesterlicher Würde und vulgärer Ausdrucksweise, zwischen Geschäft und Evangelium, zwischen Höflichkeit und Grobheit“, meinte der „Spiegel“ resümieren zu können. „So zusammenhanglos und improvisiert seine Kundgebungen wirken – die abgerissenen Sätze und die atemlose Schlagzeilen-Rhetorik sind wochenlang bis ins kleinste Detail eingeübt, um die Zehntausende anderthalb Stunden lang in Spannung zu halten.“

Keine Frage: Leppich hatte auch – für Sympathisanten wie Kritiker – einen nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert, zumal erst langsam Fernsehgeräte in die bundesdeutschen Haushalte einzogen. Insbesondere empfanden praktizierende Christen dieses so ganz andere Auftreten eines Predigers als faszinierend. Aber gerade Geistliche scheuten die zwangsläufig gezogenen Vergleiche. „Ein Priester predigte, was alle seine Mitbrüder predigten. Das war alles. War das eine ‚Sensation’?“ – so argwöhnte die Münsteraner Bistumszeitung „Kirche und Leben“ im Rückblick auf eine dreitägige Predigtveranstaltung Leppichs auf dem Domplatz von Münster im Sommer 1954. „Es wäre töricht, zu verlangen, alle Priester sollten wie Pater Leppich sprechen. Es gibt verschiedene Gnadengaben. Ungläubige müssen Gnade mit Sensation übersetzen.“

Erstaunlicherweise sah Leppich die Dinge ähnlich: „Wollen Sie als Sensation bezeichnen, was lebensnotwenig und christlich ist?“ Der Jesuit beurteilte seine eigene Wirkung auf die Massen durchaus nüchtern, denn „eigentlich mag ich die Massenkundgebungen nicht. Die Leute gehen oft wie vom Schützenfest nach Hause.“ Häufig sei, so Leppich im Rückblick, seinen Predigtabenden am nächsten Tagen eine Art „metaphysischer Kater“ gefolgt, „wenn sich nichts Konkretes und Kontinuierliches als Nacharbeit zeigte.“ Auch spontan abgehaltene Spendenkollekten und ausgeschriebene Hilfsaktionen waren ihm zu oberflächlich, zumal oft nur der momentanen Euphorie geschuldet. Auf dieser Erkenntnislinie entstand die Idee einer nachhaltigen Aufbereitung und Vertiefung seiner Ansprachen. Hier ist die Entstehung des Buches „Christus auf der Reeperbahn“ verortet, dessen erstes Kapitel, aus dem oben zitiert wurde, denselben Titel trägt und in der Form eines Eröffnungsgebetes formuliert ist. Das Buch wurde das meistverbreitete von Leppichs zahlreichen Büchern und in der Regel im Anschluss an seine Kundgebungen an die Zuhörer verkauft. Für Leppich war die innere Durchdringung der kirchlichen Verkündigung eine Voraussetzung, dass sich Christen selbstbewusst an gesellschaftlichen Fragen beteiligen können. Und so wollte „Christus auf der Reeperbahn“ Argumentationshilfen geben zu über 40 gängigen Stereotypen und Klischees über Religion und Kirche. Die ab 1956 verkauften 425.000 Exemplare haben sich nach Leppichs Einschätzung „apostolisch gut bewährt“, denn sie „sind von Hand zu Hand gegangen und haben Menschen angesprochen, die sonst nie zu einem religiösen Buch gegriffen hätten.“

Nicht zuletzt war es das spürbare Interesse an Schriften wie „Christus auf der Reeperbahn“, das Leppich veranlasste, mit einem von ihm konzipierten „Briefnoviziat“, interessierte Zuhörer regelmäßig zu begleiten, bevor er dann örtliche Aktivengruppen zur „action 365“ zusammenführte, in der sich Menschen spirituell formen lassen und sozial engagieren wollten. Doch das ist ein anderes Kapitel.

Der Prediger soll glühen

Die Grundidee von „Wiedergelesen“ hat übrigens Pater Leppich gegen Ende seines Lebens – er starb 1992 in Münster – selbst aufgegriffen, als er „Christus auf der Reeperbahn“ noch einmal nachdrucken ließ. 1989 erschienen noch einmal 5.000 Exemplare in identischer Aufmachung, allerdings sind den Kapiteln jeweils einige „Gedanken aus heutiger Sicht“ angefügt. In dem Kapitel „Christus und die Passivisten“ beklagt Leppich die mangelnde Begeisterung der Gläubigen; die Lauheit vieler Christen sei „zur Ruhe eines Kirchhofs geworden, auf dem unser Idealismus begraben liegt.“ Im Abstand von 33 Jahren räsonierte Leppich, dass in der nachkonziliaren Zeit der Predigtdienst der Priester allzu oft zu einer bloßen Vortragstätigkeit verkommen sei. „Lachen Sie nicht über die alten Volksmissionare. Wir haben ihnen jedenfalls auch als Jugendliche gebannt eine Stunde und länger zugehört. Sie sprachen frei – aber mit Herz vorbereitet.“ Auch wenn es schon lange um den „Draufgänger Gottes“ ruhig geworden und auch Leppichs Gesundheit angegriffen war: Seine persönliche Begeisterung für die Botschaft des Glaubens strahlte auch jetzt noch und drängte danach, andere zu begeistern. Denn nach seiner Auffassung solle auch der Prediger der Gegenwart einer sein, „der noch glüht. Wenn er etwas sagt oder predigt, wovon er wirklich begeistert ist, werden auch die Zuhörer aufhorchen. Und dann können die auch echte Aktivisten werden.“

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