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| Leseprobe 3 |
DOI: 10.14623/wua.2026.2.67-72 |
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| Stephanie Höllinger |
| Tapferkeit und Geschlecht |
| Anmerkungen zur geschlechtlichen Codierung einer wandelbaren Tugend |
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Sittliches Nachdenken vollzieht sich immer schon im Horizont menschlicher Erfahrungen. Davon ist die ethische Beschäftigung mit den Tugenden nicht ausgenommen. Obwohl wir Tugenden als Haltungen begreifen, die unabhängig von Status, Herkunft wie Geschlecht normative Geltung beanspruchen, gewinnen sie ihre konkrete Ausdeutung stets innerhalb spezifischer historischer, kultureller und religiöser Kontexte, ja ist ihre Bestimmung zuweilen in kontingente Lebenswelten und damit verbundene Annahmen und Erwartungen verstrickt. Diese Annahmen betreffen auch das Geschlecht. Idealtypische Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit können (bis heute) als Maßstäbe dafür fungieren, welche charakterlichen ‚Vorzüge‘ wir wem zuschreiben bzw. – präziser – welche Haltungen wir üblicherweise mit Männern oder Frauen assoziieren und unter welchem Gesichtspunkt uns deren Handlungen als moralisch angemessen erscheinen.
Die Tugend von Mut und Tapferkeit erweist sich für diesen Zusammenhang als ein besonders aufschlussreiches Beispiel. Kaum eine andere Haltung ist in der Geschichte des abendländischen Denkens so entschieden als ‚männliche‘ Tugend ausgelegt worden wie der Mut. Sichtbar macht das bereits der Blick auf die alten Sprachen: Der griechische Begriff ἀνδρεία (Tapferkeit) leitet sich von ἀνήρ (Mann) bzw. ἀνδρός (männlich) ab. In seiner wörtlichen Bedeutung lässt er sich daher auch als ‚Mannhaftigkeit‘ übersetzen.
Im Lateinischen erfährt diese Verbindung eine neue Akzentuierung: Obgleich die Tapferkeit in den Schriften der römischen Antike weiterhin als ‚typisch‘ männliche Haltung gilt, wird ἀνδρεία gemeinhin mit fortitudo wiedergegeben. Stattdessen wird nun die Tugend (virtus) selbst vom vir (Mann) her bestimmt. So heißt es etwa bei Cicero: „Tugend (virtus) ist von Mann (vir) abgeleitet. Dem Manne ist aber vorzugsweise die Tapferkeit eigen … Diese muß man also bewähren, wenn wir der Tugend teilhaft, oder vielmehr: wenn wir Männer sein wollen, da ja die Tugend ihren Namen von der Mannhaftigkeit hat.“
Tapferkeit als Tugend des Kriegers (Aristoteles)
In der antiken Philosophie wird die Tugend der Tapferkeit wiederholt zur Veranschaulichung (vermeintlich) ‚natürlicher‘ Differenzen zwischen Männern und Frauen herangezogen. Das Kräfteverhältnis scheint eindeutig: Er ist stark, sie schwach; er ist furchtlos, sie ängstlich; er stellt sich unbeirrt jeder Gefahr, während sie verzweifelt auf ihre Rettung hofft. Recht eindrücklich zeigt sich dies bei Aristoteles. So lesen wir in der Historia animalium: „Die Weibchen sind insgesamt mutloser als die Männchen … (Sie sind) sanfter, verschlagener, weniger durchschaubar, impulsiv …, die Männchen sind im Gegensatz dazu aggressiver, wilder, durchschaubarer und weniger hinterlistig. Spuren dieser Charaktereigenschaften finden sich sozusagen in allen Lebewesen, … und am meisten beim Menschen … Deshalb ist die Frau mitleidvoller als der Mann und eher zum Weinen geneigt, außerdem ist sie neidischer, hat immer etwas an ihrer Lage auszusetzen, ist zanksüchtiger und neigt zu Handgreiflichkeiten. Das weibliche Geschlecht ist auch weniger leicht in Wut zu bringen als das männliche und verzweifelt leichter, außerdem ist es unverschämter und verlogener, es ist zum Täuschen veranlagt und hat ein besseres Gedächtnis, zudem ist das weibliche Geschlecht wachsamer und zögerlicher, überhaupt ist es passiver als das männliche … Das männliche Geschlecht ist hilfsbereiter … und mutiger als das weibliche.“
Die zitierte Passage bietet wichtige Einblicke: Aristoteles geht von einer grundlegenden Verschiedenheit weiblicher und männlicher Lebewesen aus. Diese beschränke sich nicht nur auf physiologische Merkmale, sondern betreffe auch den Charakter. Dem Mut kommt dabei eine zentrale Stellung zu: Das Weibchen scheint insgesamt mutloser, verzagter, feiger zu sein als ihr männliches Pendant. Diese Differenz lasse sich zwar auf die gesamte Tierwelt übertragen; beim Menschen seien diese Unterschiede allerdings am deutlichsten ausgeprägt. Brisant ist diese Beobachtung deshalb, weil mit diesen Zuschreibungen nicht zuletzt tiefgreifende Bewertungen einhergehen. Dem weiblichen Tapferkeitsmangel werden weitere negative Charakterzüge (‚verschlagen‘, ‚neidisch‘, ‚zanksüchtig‘, ‚unverschämt‘, ‚verlogen‘) angeheftet. Auf diese Weise wird eine Ordnung suggeriert, in der Weiblichkeit beharrlich unter defizitären Vorzeichen erscheint. Aristoteles steht mit seinen Annahmen in der Tradition eines naturalistischen Denkens, das charakterliche Dispositionen nicht als Ergebnisse sozialer Prägung oder kultureller Deutung reflektiert, sondern als natürliche Eigenschaften versteht. Das sittliche Leben bleibt davon nicht unberührt. Zwar stehe die Realisierung der (ethischen) Tugenden allen Menschen – Sklaven, Kindern, Frauen, Männern – offen, „jedoch nicht in der gleichen Weise, sondern in dem Umfang, in dem jede diese Eigenschaften für ihre Aufgabe braucht … Damit ist deutlich, daß alle genannten Gruppen die guten charakterlichen Haltungen besitzen, daß aber die besonnene Mäßigung bei Frau und Mann nicht identisch ist, auch nicht Tapferkeit und Gerechtigkeit … vielmehr ist die eine (Form von) Tapferkeit dem Herrschenden eigentümlich, eine andere den Dienenden, und das gleiche gilt für die anderen genannten Eigenschaften.“
Offenbar scheint für Aristoteles die Verwirklichung der Tapferkeit eng an die ‚natürliche‘ Funktion der Menschen innerhalb der sozialen Ordnung gebunden zu sein. Weil das Männliche „von Natur“ aus „eher die Führung“ innehabe „als das Weibliche“, besitze dessen Tapferkeit immer schon einen anderen – volleren – ‚Umfang‘. Entsprechend fasst Aristoteles die Tapferkeit in seinen ethischen Schriften in erster Linie als „körperlich bestimmte, sich im Krieg zeigende“ Haltung. „Im eigentlichen Sinn wird also tapfer genannt, wer vor dem edlen Tod furchtlos ist, und in allen Situationen, in denen unmittelbar der Tod droht; derart sind insbesondere die Situationen im Krieg.“ [...]
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