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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/wua.2026.3.121-126
Benjamin Dahlke
Independence Day
Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der US-Katholizismus
Anders als im deutschsprachigen Raum gibt es in den USA kaum staatliche Feiertage. Zu den wenigen Tagen, an denen Behörden und Geschäfte landesweit geschlossen sind, zählt der sogenannte Independence Day. Er erinnert an den 4. Juli 1776, als Delegierte aus 13 Kolonien entlang der nordamerikanischen Atlantikküste in Philadelphia die Unabhängigkeit vom Königreich Großbritannien erklärten. Infolgedessen begann ein langwieriger, brutaler Krieg. Er endete mit der militärischen Niederlage der europäischen Großmacht. Danach galt es, für die neu entstandenen Vereinigten Staaten eine Verfassung auszuarbeiten und politische Strukturen zu schaffen. Für die Amerikanerinnen und Amerikaner wurde der Independence Day mit der Zeit zu einem wichtigen, ja geradezu identitätsstiftenden Gedenktag. Bereits in der frühen Republik wurde er vielerorts feierlich begangen – etwa mit Paraden, patriotischen Reden und einem heute beinahe obligatorischen Feuerwerk. Im Jahr 1870 wurde der 4. Juli schließlich zu einem unbezahlten Feiertag für Bundesangestellte; seit 1938 haben sämtliche Einwohner arbeitsfrei. 
Das 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung, das in den USA mit erheblichem Aufwand begangen wurde, ist ein guter Anlass, um Bilanz zu ziehen. Konnten die Vereinigten Staaten ihr Versprechen von Leben, Freiheit und dem ungehinderten Streben nach Wohlergehen – Life, Liberty and the pursuit of Happiness, wie es in jener Erklärung heißt – einhalten? Von der Möglichkeit freier Selbstentfaltung profitierten mit der Zeit auf jeden Fall die Katholikinnen und Katholiken. Anfangs eine randständige, von den White Anglo Saxon Protestants missbilligte Minderheit, sind sie zu einem bestimmenden Faktor in Gesellschaft und Politik geworden. Diese Entwicklung soll im Folgenden erläutert werden, und zwar entlang der markanten Jahre 1776, 1876 und 1976. Abschließend wird ein Blick auf das geworfen, was im Sommer 2026 zu erwarten ist.

„Independence Day“ 1776

Unter den insgesamt 56 Delegierten, die am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedeten, befand sich mit Charles Carroll (1737–1832) lediglich ein Katholik. Carroll war ein umfassend gebildeter Jurist; außerdem einer der reichsten Männer der Kolonie Maryland. Als bekannter Großbesitzer stellte es für ihn sowohl in persönlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Risiko dar, sich an der Rebellion zu beteiligen. Dass er das trotzdem tat, hatte Gründe. Neben einer von ihm als ungerecht empfundenen hohen Besteuerung durch die Krone spielte dabei vor allem seine Konfessionszugehörigkeit eine Rolle, denn in praktisch allen Kolonien galten Katholiken als Bürger zweiter Klasse. Das betraf auch Maryland. Wer dort ein öffentliches Amt übernehmen wollte, musste einen Eid leisten und der sogenannten Transsubstantiationslehre abschwören. Mit dieser drückt die katholische Kirche seit dem Konzil von Trient die reale Gegenwart Jesu Christi in den Gaben von Brot und Wein aus. Durch den geforderten Eid sollte verhindert werden, dass ‚Papisten‘ politischen Einfluss erlangten. Außerdem genoss die Church of England zahlreiche Privilegien, ja sie hatte in Maryland den Status einer Staatskirche. Hingegen konnten Katholikinnen und Katholiken ihren Glauben nur eingeschränkt praktizieren. Lediglich in kleinen, von außen kaum erkennbaren Kapellen, die auf den Gutshöfen einiger wohlhabender Familien existierten, fanden regelmäßig Sakramentenspendung und Glaubensunterweisung statt. Die Seelsorge lag in der Hand einiger Jesuiten, die beständig herumreisten, um möglichst viele Besuche zu machen. Charles Carrolls Cousin, John (1735–1815), war selbst Jesuit geworden. Lange Zeit in Europa tätig, war er nach Aufhebung der Gesellschaft Jesu nach Maryland zurückgekehrt. Im Frühjahr 1776 reisten beide Carrolls zusammen hunderte Kilometer weit in den Norden. In Quebec wollten sie die dort lebende mehrheitlich französischsprachige und damit katholische Bevölkerung dazu bewegen, sich der Rebellion gegen Großbritannien anzuschließen. Benjamin Franklin (1706–1790), ein energischer Befürworter eines eigenständigen Staates in Nordamerika, reiste ebenfalls mit. Das Projekt scheiterte zwar, schuf aber eine bleibende Verbindung zwischen dem einflussreichen Politiker aus der Kolonie Pennsylvania und der katholischen Familie. Am 4. Juli trafen sich Charles Carroll und Benjamin Franklin in Philadelphia wieder, um die Unabhängigkeitserklärung zu unterzeichnen. Wenige Monate später verfasste der katholische Jurist aus Maryland federführend eine neue Verfassung für seine Heimat. Alle religiösen Eide wurden abgeschafft und sämtliche christliche Bekenntnisse – allerdings nur diese! – bekamen die freie Religionsausübung garantiert. Damit verlor die Church of England in Maryland endgültig ihre Vormachtstellung.

Dass viele Katholiken die Rebellion unterstützten, hing auch mit ihrer Herkunft aus Irland zusammen. Seitdem Großbritannien im frühen 16. Jahrhundert die Insel erobert hatte, unterdrückte es nicht nur die alteingesessene Bevölkerung, sondern auch die katholische Kirche. Entsprechend hoch war die Bereitschaft der von dort stammenden Nordamerikaner, gegen das protestantische Königreich zu kämpfen. Ein Beispiel dafür ist John Barry (1745–1803), der als Kind mit seinen verarmten Eltern nach Philadelphia ausgewandert war. Großbritannien war ihm verhasst. Nach der Unabhängigkeitserklärung meldete sich der praktizierende Katholik deshalb freiwillig zu den Waffen. Bis dahin Kapitän eines Handelsschiffes, baute Barry die Marine der Rebellen maßgeblich mit auf. Er übernahm selbst das Kommando über eine Reihe von Kriegsschiffen und gilt als eine der Gründergestalten der US Navy. Bestattet wurde Barry auf dem Friedhof seiner Pfarrei in Philadelphia.

„Independence Day“ 1876

Handelte es sich bei den Katholiken zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung noch um eine randständige Minderheit ohne größere Bedeutung, stellte sich die Lage ein Jahrhundert später ganz anders dar. Durch mehrere Migrationswellen waren Millionen Gläubige aus Europa in die USA eingewandert – insbesondere aus Irland, dem deutschsprachigen Raum und Italien. Entsprechend war die katholische Kirche stark gewachsen. Damals gab es in den Vereinigten Staaten von Amerika über 5.000 Priester, 1.300 Seminaristen, 6.500 Kirchen und Kapellen, außerdem 1.650 von Pfarreien getragene Schulen sowie gut 100 kirchliche Krankenhäuser.  [...]


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