 |
|
|
|
| Unsere Autoren |
|
 |
|
|
|
| Ausgaben der letzten Jahre |
 |
Die kompletten Ausgaben im PDF-Format |
| finden Sie hier. |
 |
|
 |
|
| Leseprobe 2 |
DOI: 10.14623/wua.2026.1.24-29 |
|
| Martin Schneider |
| Die Bedeutung Sozialer Orte für den ländlichen Raum |
| Aufgabe für Gesellschaft und Kirche |
 |
Beiträge über den ländlichen Raum beginnen meist mit einer Defizitanalyse. Der ländliche Raum, so lautet eine gängige Diagnose, stehe gesellschaftlich nicht im Blickfeld. Dies zeige sich in Prozessen der Peripherisierung, im Abbau von Infrastrukturen und in einem kulturellen Bedeutungsverlust gegenüber urbanen Zentren. Der gesellschaftliche Fokus richte sich auf die Städte – auf ihre Probleme, aber auch auf ihre Innovationskraft. Auch aus wissenschaftspolitischer Perspektive gehört die Klage über eine unzureichende institutionelle Verankerung von Land- und Regionalforschung zum Standardrepertoire. Vergleichbares gilt für die Landpastoral, die innerhalb kirchlicher Diskurse ebenfalls ein Randthema ist.
Vom Rand ins Zentrum
Diese Diagnosen sind auf der einen Seite keineswegs obsolet. Der sogenannte Spatial Turn machte zwar die Kategorie des Raums in den Sozial- und Kulturwissenschaften (und zum Teil auch in der Theologie) prominent, doch das Land blieb darin im Vergleich zur Stadt unterbelichtet. Auf der anderen Seite beginnt sich dieses Bild zu verändern. Im medialen, politischen und wissenschaftlichen Diskurs ist in den letzten Jahren eine deutliche Renaissance des Themas Ländliche Räume zu beobachten. Angesichts wachsender räumlicher Ungleichheiten gewinnt die Frage nach gleichwertigen Lebensverhältnissen an Bedeutung. In diesem Zusammenhang hat sich der Begriff der räumlichen Gerechtigkeit etabliert und wird aktuell um den Begriff der Landschaftsgerechtigkeit erweitert. Zudem wird über eine Transformation der Landwirtschaft mit Blick auf den Klimawandel ebenso intensiv diskutiert wie über den Ausbau ländlicher Infrastrukturen im Zuge der Energiewende. Es wird erkannt, dass die mit den sozial-ökologischen Transformationsprozessen verbundenen Verteilungskonflikte nur durch eine faire Verteilung von Verantwortlichkeiten entschärft werden können. Andernfalls profitiert der politische Populismus von Verlustängsten und untergräbt das Vertrauen in die Demokratie. Es ist aber auch zu beobachten, dass neue Verbindungen zwischen transformativen städtischen und ländlichen Bewegungen entstehen, etwa in Fragen der Bodenpolitik oder des gemeinschaftlichen Wirtschaftens. Hier werden Gemeinsamkeiten erkannt und Lernprozesse angestoßen. Stadt und Land werden als komplementäre Handlungsräume gesellschaftlicher Transformationen verstanden. In diesen Aufbrüchen manifestieren sich ländliche Räume „nicht mehr nur als ,Restraum‘-Perzeption, als bloße Negativfolie der vorwiegend positiv bewerteten Agglomerationen oder als wenig reflektierte Bezugnahme auf einen von großstädtischen Pionieren erst zu erobernden (also vermeintlich ,leeren‘) Sehnsuchtsraum“. Sie erscheinen als eigenständige Erfahrungsräume gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.
Bedeutung von Sozialen Orten in Zeiten des Verlusts
Es gibt also zwei entgegengesetzte Perspektiven auf ländliche Räume. Beide erfassen reale Dimensionen des Wandels, den ländliche Räume derzeit erleben. Die eine hebt das Abgehängt-Sein hervor: leerstehende Dörfer, schwindende Infrastruktur, rechtspopulistische Mobilisierung. Die andere beschreibt ländliche Räume als Pionierräume – als Orte sozialer Innovation, zivilgesellschaftlicher Kreativität und neuer Gemeinschaftsformen.
Die Defizitperspektive trifft insofern zu, als sich in kaum einem anderen Raumtyp Verlust-Erfahrungen so stark verdichten wie auf dem Land. Der Rückzug öffentlicher und privater Infrastruktur – die Schließung von Gaststätten, Schulen, Arztpraxen, Gemeindehäusern und Kirchen – lässt zentrale Orte der Begegnung verschwinden. „Erst macht die Dorfkneipe zu, und dann auch noch die Kirche“ – in diesem Satz bündelt sich das Gefühl vieler: Die Orte, an denen man sich früher traf, redete, feierte und miteinander lebte, gehen verloren. Zurück bleiben Dörfer, in denen Menschen zunehmend vereinzeln. Jens Kersten, Claudia Neu und Berthold Vogel haben den Verlust sozialer Begegnungsorte mit der wachsenden Erfahrung von Einsamkeit korreliert. Einsamkeit ist demnach kein individuelles Schicksal, sondern Ausdruck einer strukturellen Unterversorgung mit räumlicher Infrastruktur.
Am Beispiel einer nordhessischen Gemeinde beschreiben Claudia Neu und Ljubica Nikolić anschaulich, wie sich der Verlust sozialer Treffpunkte auf das Gemeinschaftsleben auswirkt. Mit dem Verkauf des Gemeindehauses ging ein zentrales Stück Eigenständigkeit verloren. Wo früher Versammlungen, Feiern oder Wahlveranstaltungen stattfanden, blieb plötzlich Leere. In einem benachbarten Dorf, in dem bereits alle Begegnungsorte geschlossen waren, ließen sich die Folgen noch deutlicher beobachten: Das ehrenamtliche Engagement nahm spürbar ab, und neu Zugezogene fanden kaum Anschluss. Ohne öffentlich zugängliche Räume, so die Autorinnen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen einander zufällig begegnen oder sich in lokale Netzwerke einbringen. Neu und Nikolić ziehen daraus die Konsequenz, dass sozialer Zusammenhalt entgegenkommende räumliche Bedingungen braucht. Räume ermöglichen Begegnung, Gespräch, Aushandlung, Zugehörigkeit. Wo sie fehlen, erodiert das Gemeinwesen. „Soziale Orte, an denen sich Akteur:innen real treffen können, an denen Engagement entwickelt wird und Zusammenhalt entsteht, sollten insbesondere in wirtschaftlich und zivilgesellschaftlich schwächeren Regionen gefördert werden.“
In ihrem 2022 veröffentlichtem Konzept verstehen Claudia Neu, Berthold Vogel und Jens Kersten Soziale Orte als Gemeingüter, die es rechtlich wie politisch zu sichern gilt. Soziale Orte sind demnach mehr als funktionale Einrichtungen: Sie verkörpern die Möglichkeit, einander zu begegnen. Wo sie verschwinden, schwindet auch das Engagement.
Bei kirchlichen Landverbänden – etwa der Katholischen Landjugend- und Landvolkbewegung – ist dieses Anliegen keineswegs neu. Seit Jahrzehnten verweisen sie auf die Bedeutung einer werteorientierten Dorfentwicklung, die auf Verantwortung, Solidarität und gemeinsames Handeln setzt. Dieser zunächst auf Einstellungen und Haltungen gerichtete Fokus erhält angesichts aktueller kirchlicher Entwicklungen eine materielle Dimension: Es geht nicht mehr nur um Geisteshaltungen, sondern um konkrete Räume, in denen Gemeinschaft entstehen kann – um soziale Orte, die offenhalten, was Gesellschaft im Innersten zusammenhält.
Kirchliche Räume als Soziale Orte
Im umfangreichen Besitz an Gebäuden und Immobilien liegt für die Kirchen eine besondere gesellschaftliche Verantwortung. Die kirchlichen Räume könnten zu Orten der Begegnung und des sozialen Zusammenhalts werden – gerade dort, wo andere Infrastrukturen verschwinden. Allerdings reagieren die Kirchen, selbst kriselnde Institutionen, vielerorts mit Rückzug. Es besteht die Tendenz zu einem „kirchlichen Reduzierungsbetrieb“, der vorrangig der Logik der Kosten folgt, und nicht der Logik der Beziehung. Gemeindehäuser werden verkauft, Räume geschlossen, Aktivitäten zentralisiert. Wirtschaftlich mag das rational erscheinen; in sozialer Hinsicht ist es problematisch. Denn Begegnung ist keine Nebensache, sondern das Fundament von Teilhabe und Zusammenhalt.
Tatsächlich befindet sich die katholische Kirche in Deutschland in einer tiefen strukturellen und finanziellen Krise. Prognosen wie die Langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens (2019) gehen davon aus, dass sich die Zahl der Katholikinnen und Katholiken bis 2060 nahezu halbieren wird. Mit dem Mitgliederrückgang schwindet auch die finanzielle Basis. Gleichzeitig verfügen die Kirchen über einen großen, kostenintensiven Immobilienbestand. Dessen Erhalt überfordert vielerorts die Ressourcen. Diözesane Immobilienstrategien verfolgen daher das Ziel, die Zahl der Gebäude zu reduzieren und pastorale Schwerpunkte neu zu bestimmen – auch mit Blick darauf, „wie Kirche vor Ort für die Menschen präsent sein möchte“. Genau hier liegt die Herausforderung: Sinkende Finanzen dürfen nicht zu einer einseitigen Fixierung auf Selbsterhalt führen. Wird die Immobilienfrage ausschließlich unter Sparzwang verhandelt, droht sie zur Rückzugsstrategie zu werden – anstatt zum Ausgangspunkt einer neuen, gemeinschaftsorientierten Pastoral. Das Ziel sollte sein: Kirchliche Räume als soziale Orte verstehen, die Begegnung, Beteiligung und Gemeinsinn ermöglichen – weit über kirchliche Binnenräume hinaus.
Ländliche Räume als Experimentierräume
Diese Perspektive kann anschließen an eine positive Sichtweise auf ländliche Räume. Diese sind heute vielfach Laboratorien neuer Formen des Zusammenlebens. Bürgerbusse, Dorfläden mit Poststelle, wiedereröffnete Schulen, Energiegenossenschaften oder mobile Pflegedienste – all diese Initiativen verkörpern eine neue Form gesellschaftlicher Aneignung. Sie entstehen dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, weil sie wissen, dass Daseinsvorsorge ohne Eigeninitiative nicht funktioniert. Bestätigt wird diese Perspektive durch ein Theorie-Praxis-Projekt, das das Wissenschaftliche Kuratorium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum 2023 und 2024 durchgeführt hat. Ziel war es, gemeinsam mit regionalen und kommunalen Zukunftsgestalter:innen die Vielfalt transformativen Handelns zu erfassen und zu reflektieren. Die Recherche machte deutlich, dass sich im ländlichen Raum bereits viele Akteure aus der Kommunalpolitik, Bürgerinnen und Bürger aus dem Unternehmertum sowie der Zivilgesellschaft engagieren, um aktiv und nachhaltig den Wandel zu gestalten. Sie alle beweisen mit unterschiedlichsten Projekten, dass neue Wege möglich sind, um die sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen zu bewältigen.
In der Analyse der Interviews und Gespräche tritt eine sozialethische Leitfrage deutlich hervor: Wie kann öffentliches Eigentum so gestaltet werden, dass es Gemeinwohlorientierung und Teilhabe ermöglicht? In Deutschland haben sich Genossenschaften, Zweckverbände und Eigenbetriebe als Formen kollektiven Eigentums bewährt. Auch wenn viele der transformativen Initiativen im ländlichen Raum an strukturellen Grenzen scheitern, zeigen sie doch: Infrastrukturen können utopisch sein. „Infrastrukturelle Utopien“, so nennen Forscherinnen und Forscher diese Phänomene, wenn Bürgerinnen und Bürger neue Organisationsformen erproben. Sie sind praktische Sozialutopien im Kleinen. Der utopische Überschuss, der in diesen Bewegungen liegt, ist vielleicht die wichtigste Ressource unserer Zeit.
Sozialraumorientierung und Gemeinwohlorientierung
Kirchliche Institutionen werden in diesem Kontext derzeit kaum als Akteure des Wandels wahrgenommen. Ein wichtiger Schritt wäre es, eine Perspektive jenseits des Gesundschrumpfens einzunehmen und kirchliche Immobilien im ländlichen Raum (Pfarrheime, Pfarrhäuser, Kirchen und Kapelle) sozialräumlich zu betrachten. Davon ausgehend können dann Strategien für eine kirchliche Verortungspraxis entwickelt werden, die auf eine vernetzte Pluralität von flexiblen und lebensweltnahen Sozialen Orten zielt. Dazu zählt auch, dass mit caritativen Verbänden, anderen Kirchen oder den Kommunen kooperiert wird und gemeinsame Nutzungen ermöglicht werden.
Parallel zum sozial-räumlichen Denken und Handeln gilt es, die soziale Verantwortung und Gemeinwohlorientierung in die kirchlichen Immobilienstrategien zu integrieren. Davon ausgehend kann bedacht werden, welche soziale und ökologische Verantwortung mit dem Eigentümerstatus verknüpft ist. Im gemeinsamen Sozialwort aus dem Jahr 1997 verpflichten sich die Kirchen dazu, „in der Orientierung am Gemeinwohl Grundstücke für öffentliche und soziale Zwecke […] zur Verfügung zu stellen“. Der sozialen Verantwortung wird man beispielsweise gerecht, wenn Pfarrhäuser und Wohnungen zu Sozialen Orten werden können oder Sozialeinrichtungen in Umnutzungsstrategien vorrangig berücksichtigt werden. Eine transformative Wirkung kann durch die Kooperation mit Genossenschaften entfacht werden. Warum nicht initiativ werden und selbst eine Genossenschaft gründen? Es gilt aber auch die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen ernst zu nehmen und sich bei der Verwertung oder Umnutzung von Gebäuden am Ziel der Klimaneutralität zu orientieren.
Mit gemeinwohlorientierten Projekten im ländlichen Raum kann auch ein Gegenakzent zum Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche gesetzt werden. Empirische Untersuchungen zur Kirchenbindung weisen auf die zentrale Bedeutung des sozialen Engagements hin. Die Menschen erwarten nicht, dass sich die Kirchen ins Religiöse zurückziehen. Stattdessen erwarten sie, dass sie gesellschaftlich verantwortlich agieren. In der kirchlichen Sozialverkündigung und in den Sozialverbänden hat dieser Anspruch einen Niederschlag gefunden, der in der Öffentlichkeit durchaus Beachtung findet. Es gilt, ihn nun auf die eigenen Räume anzuwenden
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| Anzeigen |
| Mit Anzeigen und Inseraten erreichen Sie Ihre Zielgruppe. Anzeige aufgeben |
 |
|
Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.
|

mehr
Informationen
|
 |
|
| Bücher & mehr |
|
|