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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/wua.2026.3.111-120
Thomas Schärtl-Trendel
Gegen-Kulturen in den USA?
Katholisches Ringen mit dem Liberalismus und Pluralismus
Die amerikanische Bischofskonferenz galt als gespalten; Bischöfe, die einer sozusagen doktrinal unmissverständlichen Linie folgten, wie sie von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. vorgegeben schien, standen jenen Amtsinhabern gegenüber, die sich mit Papst Franziskus für eine Kirche aussprachen, die an die Ränder gehen sollte. Selbst die Wahlen zum Vorsitz der Bischofskonferenz galten als polarisiert. 
Inmitten dieser spannungsreichen Situation, die auch eine nicht zu verkennende Lagerbildung unter den Gläubigen spiegelte, ist es Papst Leo XIV. gelungen, eine neue Art der Einmütigkeit zu inspirieren. Bemerkungen des derzeitigen amtierenden US-Vizepräsidenten, J. D. Vance, über eine kommunitaristisch-nationalistisch gestaffelte Abstufung der Nächstenliebe, aber auch Trumps pseudomessianische Apotheose seiner Amtsführung haben sowohl päpstlichen als auch bischöflichen Widerspruch ausgelöst. Aber weitaus gravierender dürfte die Tatsache sein, dass der milizartige und ordentlicher polizeilicher Maßnahmen geradezu spottende Umgang mit sogenannten nicht-dokumentierten Immigrant:innen einerseits und der mit dem Iran angezettelte Krieg andererseits elementaren Überzeugungen des katholischen Glaubens diametral widersprechen: Personen behalten immer und unter allen Umständen ihre Menschenwürde und müssen vor dem Gesetz und im Angesicht staatlich exekutierter Gewalt entsprechend behandelt werden. Kriege wiederum sind in einer eigentlich zivilisierten Welt kein politisch akzeptables Mittel mehr – es sei denn, es geht um die notwendige und nicht anders zu vollziehende Verteidigung der eigenen, elementar bedrohten Sicherheit.

Erste Beobachtungen: Die USA mit Carl Schmitt entziffert

Dennoch könnte dieser neue bischöfliche Konsens eine unter dem Druck der politischen Zeitläufte erzwungene Übereinstimmung sein – eine Übereinstimmung, die gewiss kirchenpolitisch auch ihre guten Seiten hätte –, die die alten Diskrepanzen nur zeitweilig überdecken kann. Denn es gibt eben auch Bischöfe, die im Angesicht aller Trotzanfälle der gegenwärtigen politischen Führung der nationalistisch-konservativen Politik Trumps die Treue halten. Es sollte einen frösteln lassen, wenn man bei Carl Schmitt nachschlägt und dessen einleitende Unterscheidung von Gesetzgebungsstaat und Verwaltungsstaat als Matrix für das Verständnis von Entwicklungen in der Gegenwart heranzieht: Der Verwaltungsstaat wird wegen seiner Durchgriffsmöglichkeiten, seines Umgangs mit aktuellen Notwendigkeiten, der Sachangemessenheit der Maßnahmen gegenüber den parlamentarischen Endlosdiskussionen positiv herausgehoben. Das derzeitige präsidiale Regieren mit Executive Orders – zwar nicht wirklich effektiv, aber indirekter Weise durchsetzungsstark, weil diese Vorgänge die Tische der Judikative über die Maßen beschweren und belasten – scheint ein Abziehbild der von Carl Schmitt formulierten Analysen zu sein. 
Carl Schmitts weitere Analysen lassen sich dann auch wie ein Menetekel lesen, das auch eine Heuristik für die in den USA in verstörender Weise zunehmende Desavouierung des politischen Gegners darstellt; Schmitt erörtert das Problem der Machtballung bei den regierenden politischen Parteien und das Problem der angeblich damit gegebenen Verzerrung des politischen Wettbewerbs und der ausgehöhlten gleichberechtigten Partizipation am politischen Diskurs. Es stellt eine eigenartige Form von Ironie und Dialektik dar, dass ähnliche Analysen von Anhängern der MAGA-Bewegung benutzt wurden, um die Abwahl von Donald Trump im Jahr 2020 und die Wahl Joe Bidens zu delegitimieren. Dabei wurden und werden (gerade mit Blick auf die sogenannten Mid-Terms im Herbst 2026) erneut jene zersetzenden Argumentationsformen herangezogen, die die Mechanismen der klassischen Willensbildung und der Machtlegitimation in Form von Wahlen unterhöhlen, indem sie den Glauben an ihre Verlässlichkeit und Adäquatheit verstören.

Zu den von Carl Schmitt herausgearbeiteten Momenten alternativer Legitimationssicherung, die sich an parlamentarischen Verfahren vorbei vollzieht, gehört in geradezu passgenauer Weise auch, dass sich der gegenwärtige Präsident der USA in einem Dauerwahlkampf befindet, der um die Affirmation seiner Politik durch seine Anhängerschaft wirbt und gleichzeitig den politischen Gegner karikiert oder inkriminiert; auch hier zeigt Carl Schmitt, worauf wir uns noch einzustellen haben. Er hatte die Eigenart plebiszitärer Legitimation vor Augen, die in der Weimarer Verfassung verankert war, die sich jedoch unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts auch parallel zu verfassungskonformen Prozeduren Bahn bricht. Genau die von Schmitt so brachial formulierte ‚totale Politisierung‘, die in den USA der ‚woken‘ Linken, die sich anschickte, über Personalpronomina, Körperbilder, Sprachformen, Privilegienverteilungen und unsichtbare Machtasymmetrien bis tief hinein in den Nukleus der Familien, der Erziehungseinrichtungen und der persönlichen sexuellen Orientierung zu wachen und zu urteilen, vorgeworfen wurde, war einer der Gründe, warum sich in rechten konservativen und nationalistischen Kreisen 2024 die Sehnsucht nach einer Autoritätsfigur neu erhob. Trump sollte die totale Politisierung aufheben, indem er die demokratischen Diskurse ad absurdum führte und die Instrumente der totalen Politisierung durch eine totale Medialisierung ersetzte. 

Eine katholische Plattform für Liberalismuskritiker

Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit Gaudium et Spes 31 einen Durchbruch ermöglicht, indem es die Kongruenz von freiheitlicher staatlicher Ordnung einerseits und dem christlichen Menschenbild andererseits festzustellen und fortzuschreiben erlaubte. Im Lichte dieser kirchlichen Parteinahme für die Förderung der Demokratie, die in Gaudium et Spes Nr. 74 und 75 noch einmal unterstrichen wird und die nicht zuletzt aus der Tatsache heraus hervorging, dass die Konzilsväter das sogenannte ‚amerikanische Experiment‘ (die Geschichte einer liberalen Demokratie, die Gewaltenteilung beherzigt, die Trennung von Kirche und Staat vorschreibt und Religionsfreiheit gewährt) als geglückt ansehen konnten, wirkt es überraschend und auch eigenartig, wenn in katholischen Gefilden in den USA Stimmen laut werden, die Zweifel an der Zuträglichkeit der liberalen Demokratie aufkommen lassen.

Eine der prominentesten Stimmen ist der medienaffine und einem Medienapostolat vorstehende Bischof Robert Barron, dem 2025 der Josef-Pieper-Preis verliehen worden war – was in deutschsprachigen Kontexten ein durchaus gemischtes, teilweise auch kritisches Presseecho ausgelöst hatte. Robert Barron gilt als markante und intellektuelle Stimme im amerikanischen Episkopat; sein Evangelisierungsprogramm Word on Fire, das viele Medienkanäle gekonnt und geschickt bedient und benutzt, hat ihm Achtung und Aufmerksamkeit geschenkt, sodass er deutlich mehr Bekanntheit genießt und faktisch auch mehr Einfluss auf Meinungsbildungsprozesse hat als ein sozusagen durchschnittlicher Diözesanbischof in den USA.

Robert Barron ließe sich korrekt wohl am ehesten als amerikanischer Von-Balthasar-Adept beschreiben, der in seinen verschiedenen Wortmeldungen gerne ‚das‘ Gute oder ‚das‘ Schöne und ‚das‘ Wahre beschwört, die darin angedeutete Referenz mit dem Gott des Christentums gleichsetzt – was seine platonisierenden Argumente, die sich noch im Bereich der Vernunft aufhalten möchten, sehr schnell in den Bezirk des Glaubens transportiert – und folgerichtig einen ethischen und ästhetischen Objektivismus und Realismus vertritt. Kritisch äußert sich Barron immer wieder gegen die westliche, insbesondere amerikanische Gegenwartskultur, die ihm selbstzentriert, individualistisch, hedonistisch und geschichtsvergessen vorkommt. In den ersten Jahren seines Medienapostolats schien es noch, als würde Barron eine gewisse Distanz zu den beiden großen Parteien in den USA halten; inzwischen hat er sich mehrheitlich kritisch-aggressiv gegen führende Politiker:innen der Demokratischen Partei geäußert – zu nennen wären der Bürgermeister von New York, Zoran Mamdani, oder die Hoffnungsträgerin des linken Flügels, Alexandria Ocasio-Cortez –, denen er unverhohlen Marxismus vorwirft, der angeblich eine der größten Bedrohungen der Politik in den USA sei. Barrons Mitarbeit in der Religious Liberty Commission hat ihm eine optische Nähe zum gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten verschafft sowie zu ganz bestimmten, konservativen religiösen Kreisen, die nicht davor zurückscheuen, Donald Trump als Instrument der Vorsehung und des Handelns Gottes zu verstehen. 

Nationales Pathos und katholische Milieurestauration


In seinen eigenen expliziten Wortmeldungen steht Bischof Barron zunächst Johannes Paul II., der sich für die Demokratie aussprach, aber ihre Fundierung in der Würde der Person betonte und gleichzeitig vor dem Relativismus warnte, und Benedikt XVI., der die naturrechtliche Fundierung demokratischer Prozesse hervorhob, nahe. Und doch hat Robert Barron in seinem Medienapostolat Word on Fire in seinen unterhaltsam und eindrücklich inszenierten Talkshows prominente Kritiker des Liberalismus und der liberalen pluralen Demokratie zu Wort kommen lassen, hat sich nicht nur gastfreundlich und wohlwollend präsentiert, sondern deren Positionen auch affirmativ unterstrichen, sodass sich heikle Fragen nach der Nähe zwischen amerikanischen katholischen Intellektuellen auf der einen Seite und einem von einer Mischung aus nationalem Pathos und katholischer Milieurestauration getriebenen ‚Neo-Integralismus‘ auf der anderen Seite geradezu aufdrängen. 

Einer der prominentesten Gäste Barrons war David C. Schindler, der am Pontifical John Paul II Institute for Studies on Marriage and Family at the Catholic University of America in Washington D.C. lehrt; Schindler ist ein in katholischen Kontexten ausgebildeter Philosoph und Theologe, der sich an Hans Urs von Balthasar orientiert, aber auch deutsche intellektuelle Traditionen im Umkreis eines katholischen Existenzialismus und Personalismus sehr gut kennt. In jüngster Zeit hat sich Schindler kritisch mit dem modernen Liberalismus auseinandergesetzt – was seine Wortmeldungen zu einer prominenten Stimme in der katholischen intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Erbe des Liberalismus macht. Schindler setzt den Liberalismus klassischer Prägung mit einer Art Konstruktivismus gleich, dem am Ende Freiheit nur als eine Form der negativen Abgrenzung gilt oder positiv als Macht der Kontrolle (oder gleich: als Wille zur Macht). Er sieht in dieser angeblichen Entkoppelung der Freiheit von der Wirklichkeit (z. B. von der Natur des Menschen) etwas Diabolisches, das das auseinanderreißt, was eigentlich zusammengehört: die Erkenntnis und Kommunikation einerseits und das Wahre andererseits, die Imagination einerseits und das Schöne andererseits, den sittlichen Anspruch einerseits und die Gewärtigung des Guten andererseits. Die postmoderne, medientheoretisch und philosophisch oft reflektierte Entkoppelung des Zeichens vom Bezeichneten gilt Schindler als sozusagen letzter, äußerster, weil in Schein, Wahn und Lüge sich drehender Schritt des liberalen Freiheitsverständnisses. 

Kampf um den Freiheitsbegriff

Der in der Moderne so wichtige Gedanke der Selbstbestimmung, der freiheitstheoretisch eben eine Selbstausrichtung des Willens implizierte, in der allein eine Autonomie begründet werden konnte, die sowohl eine Freiheit-von als auch eine Freiheit-für zu garantieren vermochte, wird von Schindler schon in seiner formalen Grundsätzlichkeit als diabolisch charakterisiert, obwohl freiheitstheoretisch selbst eine Unterwerfung unter Gottes Willen oder ein Gehorsam gegenüber dem Sittengesetz die Formalität des Selbstbestimmungsmomentes wenigstens im Sinne eines transzendentalen Aktes voraussetzt. Allein die formale Tatsache, dass die Selbstbestimmung und damit die Selbstausrichtung des Willens das Gewollte für den Willen erstrebenswert (und damit ‚gut‘) macht, setzt Schindler bereits mit einer Selbstermächtigung des endlichen Selbst und einer Überwältigung des eigentlich objektiv Guten gleich. Dem Liberalismus wird zudem eine stattliche Rechnung präsentiert, die sich wie ein immenses Sündenregister liest: Er habe Subjekte zu einer ontologischen Heimatlosigkeit verdammt und sie von einem Maßnehmen an der Wirklichkeit entkoppelt, er habe zu einem Begriff von Freiheit geführt, der allein auf die negative Abgrenzung setze und sich in modernen Gesellschaften mit Sicherheit und Schutz vor anderen befasse, er habe eine Vernachlässigung des Gemeinwohls nach sich gezogen und eine Moral der Selbstbestätigung proklamiert, er habe ein Ethos bloß abstrakter Gleichheit entwickelt und das Schöne, Wahre und Gute in rein funktionale Kategorien übersetzt; er habe zu einer Drift hin zum Materialismus und wirtschaftlichen Egoismus beigetragen, den Sinn für das Transzendente moralisiert, sentimentalisiert oder ignoriert, er habe zu einer fortschreitenden Zersetzung und Ironisierung kultureller Traditionen beigetragen und den Status von Autoritäten zusehends untergraben; er habe zu einer Funktionalisierung und sinnleeren Formalisierung politischer Diskurse geführt, soziale Grundeinheiten und Werte (wie die Familie) durchlöchert und technologischen Fortschritt oder Nützlichkeit an die Stelle echter Werte gesetzt u.v.m. 

Dieses Sündenregister, von dem hier nur einige Punkte aufgerufen wurden, kann dem klassischen Liberalismus nur deshalb vorgeworfen werden, weil Schindler bewusst John Locke, Immanuel Kant und Friedrich Nietzsche in einen Topf wirft und – für den wohligen Schauder – mit einer Prise Derrida garniert. Eigentlich ist Schindler selbst viel zu versiert, um nicht zu wissen, dass zwischen der Moderne und der Postmoderne ein enormer Graben klafft und dass Kants Selbstgesetzgebungskompetenz der Vernunft weder systematisch noch historisch-genetisch mit Nietzsches Willen zur Macht gleichgesetzt werden darf. Aber auf diese Form der Akkuratheit scheint es in Schindlers Anklageschrift an den Liberalismus nicht anzukommen; seine Methode ist philosophisch-kerygmatisch, sie will um jeden Preis überzeugen und Köpfe und Herzen bewegen – was sich sehr organisch mit Robert Barrons Evangelisierungsmission Word on Fire trifft. 

Schindlers in philosophisch-essayistische Analysen und Narrative gekleidete Abrechnung mit dem Liberalismus ist eine philosophische Höllenpredigt an die amerikanische und westliche Kultur und beschwört eine katholische Alternative, eine Art Gegenkultur – zum hedonistischen Individualismus, zum technokratischen Funktionalismus, zum ethischen Subjektivismus oder zum religiösen Relativismus. Dass um des ethischen und ästhetischen Objektivismus und Realismus willen dann Platon beschworen wird, dessen eigene politische Theorie in den Nomoi die offensichtlich faschistoiden Züge auch in den Augen der Wohlmeinendsten nicht überspielen kann, überrascht nicht, auch wenn Schindler die Staatstheorie Platons bewusst ab- und ausblendet und stattdessen ausschließlich auf das freundliche, ja fast wohlige Licht der ‚Idee des Guten‘ oder der ‚Idee des Schönen‘ anspielt. Ab- und Ausblendungen gehören auch zur Darstellung der Väter des Liberalismus: Dass John Locke die Gleichheit der Menschen mit der Tatsache, dass sie Eigentum Gottes sind, begründete, dass Locke Freiheit handlungstheoretisch und schöpfungsphilosophisch einführte, dass Recht und Gesetz in der Achse der Zustimmung freier Subjekte allein Geltung empfangen können – auch das wird von Schindlers kerygmatisch philosophischer Methode ausgeblendet. 

Der Traum von einer katholischen Polis

Ähnlich gelagert ist der Fall von Patrick Deneen, der als Professor für Politikwissenschaften und Politische Theorie an der angesehenen University of Notre Dame lehrt. Auch er war natürlich bei Bischof Barron zu Gast; und auch er wurde zunächst durch eine markante Analyse der Zerfallsgeschichte des modernen Liberalismus bekannt. Seine Vorwürfe lesen sich ähnlich wie diejenigen, die Schindler vorgetragen hat, dabei ist die Attitüde allerdings weniger metaphysisch – Schindler schärft ja eine Orientierung an ‚der‘ Wirklichkeit ein, um das Politische neu und besser zu verankern –, sondern klingt eher soziologisch und (in einem Gestus, der von Weitem an Alasdair McIntyre erinnert) ethisch bzw. tugendethisch. Während die tugendethisch grundierte Polis-Gemeinschaft am Gemeinwohl und an der freien Selbstzurücknahme des Einzelnen (Selbstbeherrschung) im Namen der Tugenden orientiert gewesen sei – eine Haltung, die das Christentum als Erbe der Antike aufnehmen und mit der Botschaft des Evangeliums verstärken konnte –, habe der Liberalismus zu einer Entfremdung von der Natur, die ihre Ausbeutung ermöglichte, zu einem vergangenheits- und zukunftsverantwortungsvergessenen Präsentismus und zu einer universalistischen Vorstellung von Gleichheit geführt, die den Wert des Partikularen nicht mehr anerkennen kann. 

Auffällig ist auch bei Deneen, dass der klassische Liberalismus sehr schnell mit einem postmodernen Willen zur Macht oder auch mit einer antiautoritären Emanzipationslogik gleichgesetzt wird. Auffällig ist auch, dass in der Kritik am Liberalismus, der Ausdruck Liberalismus ersetzbar zu sein scheint – wahlweise durch Materialismus, Kapitalismus oder Individualismus. Zu einer akkuraten Analyse der Wurzeln der Moderne oder des klassischen Liberalismus würde gehören, diese verschiedenen ideengeschichtlichen Konzepte und Aspekte zu differenzieren, anstatt sie zum Behufe einer sogenannten Kriminalgeschichte gleichzusetzen. Aber auch hier gilt, dass es Deneen auf Details nicht ankommt, sondern auf eine kerygmatische Rhetorik, die ein Entsetztsein gegenüber der amerikanischen bzw. westlichen Gegenwartskultur als Aufhänger und Abstoßpunkt benutzt. Zum cantus firmus solcher kerygmatischen Philosophien und Soziologien gehört die Überzeugung – eine ideengeschichtlich strittige, fragwürdige und daher dringend erörterungsbedürftige –, dass der klassische Liberalismus zwar von christlichen Überzeugungen gespeist sei, aber im Kern dem Wesen des Christentums diametral entgegengesetzt ist.
Derartige Narrative dienen einer Gegenkultur mit Tendenzen, die auf eine Redefinition von Freiheit hinauslaufen müssen. Lehramtliche Positionsmarkierungen haben für diese Gegenkultur immer schon mögliche Ideen geliefert – etwa dort, wo die Führung, die das Gewissen benötige, betont wurde, oder dort, wo die religiöse Gewissensfreiheit am Orientierungsmaßstab einer objektiv wahren Religion (des katholischen Christentums) justiert werden sollte oder wo Freiheitsrechte gegen eine Diktatur des Relativismus in ‚Schutz genommen‘ werden mussten –, aber sie wollten nie als Bausteine für den Aufbau eines geschlossene katholischen Retro-Milieus verstanden werden, weil sie immer auch die Transformation und Inspiration der säkularen Welt vor Augen hatten. Schindlers und Deneens Vorschläge klingen dagegen wie die Einladung zum Beitritt in eine katholische Polis, die allen Katholik:innen guten Willens und Konvertiten, die alle Aspekte dieses milieureorganisierenden Katholizismus zu unterschreiben gewillt sind (‚the whole package‘), offensteht. In amerikanischen Kontexten klingen solche Träumereien aber auch wie Appelle an eine eigenwillige Form eines ‚Kulturkatholizismus‘, der sich als eine politische Lebensform versteht, in der die wahren Ideale der amerikanischen Nation und die wahren Ideale des Katholizismus in perfekter Harmonie gelebt und erfahren werden können. 

Welches goldene Zeitalter wird erträumt?

David Schindler, der sich intensiv mit deutschsprachigen intellektuellen philosophischen Traditionen (zu nennen wären noch einmal Hans Urs von Balthasar und Ferdinand Ulrich) befasst hatte, nimmt faktisch Analysen und Traditionen auf, auch gegenkulturelle Motive, die frappant an intellektuelle katholische Analysen der Moderne aus der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts erinnern. Wer Schindlers oder Deneens Analysen Revue passieren lässt, fühlt sich frappant an Romano Guardini erinnert, der in einer sehr grundsätzlichen Weise mit ‚der‘ Moderne abrechnet und als Gegenbild die Kosmos- und Ordo-Orientierung des Mittelalters beschwört – eines Mittelalters, das (nota bene) dieselbe ahistorische Chiffre darstellt wie Martin Heideggers Griechentum. Guardinis Analysen – genauso wie Dietrich von Hildebrands moralphilosophische Thesen, die Robert Barron gerne referenziert – gehören jedoch in eine andere Zeit und hatten dort vielleicht ihre Meriten; denn ein Guardini fragte (und in dieser Linie stehen auch ein Ferdinand Ulrich und ein Hans Urs von Balthasar), ob und inwiefern die Moderne die kausale und moralische Verantwortung für die Barbarismen des 20. Jahrhunderts trägt. Von eben diesen Barbarismen ist die amerikanische und westliche Gegenwartskultur jedoch eindeutig zu unterscheiden. Selbst wenn wir uns aller euphorischen Fortschrittsmarkierungen enthalten wollen, dürfen wir nüchtern feststellen, dass das Unvergleichbare auch unverglichen bleiben soll. Im Angesicht des Nazi-Horrors wird das Thema Freiheit als Wille zur Macht, wird die Frage nach den Grenzen der Selbstbestimmung, wird die Kritik an der Technokratie (militärischer Tötungsindustrie) zu einem legitimen Thema, bekommt die Orientierung am Guten und Wahren einen martyrologisch tödlichen Ernst. Aber die Krise des Liberalismus nach den bürgerrechtssensitiven und emanzipationsoffenen Präsidentschaften von Bill Clinton, Barack Obama und Joe Biden zu beschwören, ist eine Verniedlichung und sogar eine Karikatur einer gewichtigen, in ihrer Zeit prophetischen katholischen Weltdeutung. 

Aber von welcher Gesellschaft und gesellschaftlichen Ordnung träumen Deneen und Schindler (und vielleicht auch Robert Barron selbst)? Deneen spricht sich für eine Transformation der liberalen Demokratie aus, die eine neue, volkstribunartige Aristokratie inkludiert und die im Lauf der Zeit die angeblich dysfunktionale politische Kaste mit ihren entleerten Diskursritualen ersetzen soll. Deneens postliberale Träume erinnern ein wenig an das Heldentum der mittelalterlichen Ritterromane; und die neuen quasi-aristokratischen Eliten, die den Willen des Volkes erkennen, gewissermaßen filtern, justieren und am Ende klug organisieren sollen, brauchen eine geradezu überirdische, den Artus-Legenden entsprechende Ritterlichkeit, um den immer gegenwärtigen Versuchungen der Welt zu widerstehen. Die als funktionalistisch diskreditierten Willensbildungsprozesse einer pluralistisch aufgestellten liberalen Demokratie klingen aber allemal pragmatisch-realistischer als die Hoffnungen auf eine neue Elite, die sich in den USA derzeit gerade nicht als König Artus‘ Camelot, sondern als geschlossener plutokratischer Zirkel von Immobilien-, Presse-, und Technologiemilliardären formiert. 

Positive oder negative Bestimmung von Religionsfreiheit

David Schindlers Visionen sind noch einmal anders geartet – können aber Deneens Vorstellungen durchaus aufnehmen und integrieren: Schindler will Religion und die Anbindung an das Transzendente als Gemeinwohlbestandteil verstehen, für den der Staat eben auch Sorge zu tragen habe. Das gewissermaßen ganzheitliche, anthropologisch geradezu errettende Angebot der Kirche soll auf die ganze Gesellschaft hin ausgedehnt werden. Die für die USA typische Trennung von Staat und Kirche scheint mit solchen Vorschlägen freilich außer Kraft gesetzt zu werden. Eine besondere Rolle hat hierbei die Religionsfreiheit; in einer pluralen und religiös diversen Gesellschaft, scheint Religionsfreiheit unter Toleranz- und Verwirklichungsgesichtspunkten notwendig einige zentrale Aspekte negativer Freiheits- und Schutzaspekte einschließen zu müssen. Mit anderen Worten: Es muss einen Platz für verschiedene religiöse Traditionen und für das je vor dem Gewissen zu verantwortende Glaubenkönnen geben, sodass die staatliche Sphäre gut beraten ist, wenn sie sich bestimmten Bekenntnissen gegenüber neutral verhält und Religionsfreiheit als Freiheit von oktroyierter religiöser Tradition und Affiliation versteht.

Anders Schindler; ihm schwebt eine Redefinition von Religionsfreiheit vor, bei der sich Gesellschaft und Staat die menschliche Sorge um das und Hinordnung auf das Transzendente zu eigen machen. Religionsfreiheit müsse christologisch gegengelesen werden. Sein Argument für diese Redefinition ist nicht ungeschickt: Die im Letzten negative Definition von Religionsfreiheit in der Tradition des klassischen Liberalismus habe nicht nur zu einer Individualisierung und Privatisierung von Glaubenstraditionen geführt, sondern befördere schlussendlich ihr Verschwinden aus dem öffentlichen Raum und damit die gegenwärtige Tendenz zum religiösen Indifferentismus. Zum anderen erlaube eine positive Bestimmung von Religionsfreiheit unter dezidiert katholischen Vorzeichen eine weitaus großzügigere Anerkennung von unterschiedlichen religiösen Traditionen (auch und gerade im öffentlichen Raum), weil die römische und mittelalterliche Rechtstradition Sonderprivilegien für Andersgläubige kannte und ihnen besondere Schutzwürdigkeit zugestand, zumal christologisch ein vorsichtig-optimistischer Heilsuniversalismus unterstellt werden dürfe, der Andersgläubige auch immer schon als Pilger auf dem Weg zur Wahrheit sieht.

„Dignitatis Humanae“ und der klassische Liberalismus

Wie man es auch dreht und wendet: Schindlers Analysen und Vorschläge klingen wie ein Aufruf zum Aufbau eines betont christlichen, idealerweise katholischen Staatswesens in den USA; antipapistische und antikatholische evangelikale Kreise, die auch Einfluss auf Mitglieder der gegenwärtigen US-Regierung haben, werden hier mit Sicherheit widersprechen. Aber auch mit Blick auf die theologische Tradition lässt sich fragen, ob Schindler mit seinen Überlegungen nicht beginnt, den vom Zweiten Vatikanischen Konzil her vor allem über die Personwürde und die Gewissensfreiheit konstellierten Begriff der Religionsfreiheit in gegenläufiger Weise neu zu fassen: Das Konzil, so könnte man sagen, hält zwar an einer objektiven religiösen Wahrheit fest – die mit dem katholischen Glauben identifiziert wird –, definiert den Glaubensakt als Akt des Willens und der Zustimmung, der von allen äußeren Zwängen frei und damit der Gewissensfreiheit der einzelnen Person überantwortet werden muss, sodass ein Staatswesen hier nicht im Ansatz einen zwangartigen Einfluss ausüben darf. Auch wenn die objektive religiöse Wahrheit eine Art Frequenz ist, die universal erreichbar ist, so ist doch jede Person eine Art Empfangsgerät, dem die unvertretbare Suche nach der Frequenz und die je persönliche Einstellung eben dieser Frequenz niemals aus der Hand genommen werden darf. Dignitatis Humanae zeigt hier eine bemerkenswerte Konvergenz mit dem klassischen Liberalismus, denn John Locke hat das staatliche Zwangsverbot im Blick auf religiöse Überzeugungen mit der besonderen, subjektinvolvierenden, ja geradezu intimen Natur der Gottesbeziehung begründet, deren Unvertretbarkeit sich eben aus der Besonderheit der Gott-Mensch-Beziehung ableiten lässt. Steht mit dem Liberalismus auch die katholische Positionsbestimmung in Sachen Religionsfreiheit zur Disposition?

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