 |
|
|
|
| Unsere Autoren |
|
 |
|
|
|
| Ausgaben der letzten Jahre |
 |
Die kompletten Ausgaben im PDF-Format |
| finden Sie hier. |
 |
|
 |
|
| Stichwort |
DOI: 10.14623/wua.2026.3.98-104 |
|
| Philipp Gassert |
| Etwas Neues am Horizont der Weltgeschichte – der 4. Juli 1776 |
 |
Als die 13 nordamerikanischen Kolonien sich am 4. Juli 1776 für unabhängig vom Britischen Reich erklärten, war für viele europäische Beobachter, sofern sie sich für das vermeintlich wilde Land an der Westseite des Atlantiks überhaupt interessierten, nicht ganz erkennbar, was da eigentlich passierte. Es waren die letzten Jahre des „alten Fritz“, von Maria Theresia und Katharina der Großen. Die hatten gerade Polen-Litauen unter sich aufgeteilt und waren mit ihren eigenen Problemen und Kriegen beschäftigt. 1776 ging an Europa zwar nicht vorbei, war aber Randirritation. Erst allmählich zeichnete sich ab, dass in Nordamerika nach damaligen Begriffen etwas „Unmögliches“ Gestalt angenommen hatte: „Der Pöbel, der Mob, ‚the rabble‘ hatte Amerika nicht ins Chaos gestürzt, sondern […] eine neue Welt geschaffen, in der nicht nur der Aristokrat, sondern der einfache Mann Souverän war.“
Eine Revolution von oben
Indes waren es keine „einfachen Männer“, die sich nach heftigen internen Querelen, nach drei Jahren eskalierender Proteste, ein Jahr nach dem Beginn der bewaffneten Rebellion im April 1775 sowie mehreren gescheiterten Vermittlungsversuchen, dazu durchrangen, die Bande zu England zu kappen. Denn die Vertreter der 13 Kolonien waren vermögende Großgrundbesitzer wie Thomas Jefferson aus Virginia, der den Entwurf der Unabhängigkeitserklärung verfasste, oder Kaufleute und Advokaten wie John Adams aus Massachusetts, der spätere zweite Präsident der USA. Sie wehrten sich gegen Krone und Parlament, das ihnen Steuern und Militärlasten auferlegte. London wollte nach dem ruinösen French and Indian War (1756–1763) das Imperium reformieren, Kriegslasten teilen und Konflikte mit den Indianern reduzieren. Das empörte reiche Landspekulanten wie arme Grenzbauern. Die Rebellen beharrten auf ihren „englischen Rechten“ und Privilegien. Am Ende hielt sich diese zappelnde, ungefestigte Republik mit Mühe und Not. Die Rebellen hatten verdammtes Glück. Denn in Gestalt der französischen Monarchie sprang ihnen ein großer Freund zur Hilfe, der ohne ideologische Scheuklappen handfeste geopolitische Ziele verfolgte und dem britischen Erzfeind liebend gern schadete. London warf das Handtuch, als auch Spanien und die Niederlande in den Krieg eingriffen und dem Weltreich an allen Ecken Ungemach drohte. Glück hatten sie, die Rebellen, dass die britische Regierung 1782 kriegsmüde wurde und zu Schadensbegrenzung wechselte. Das Territorium der 13 Kolonien wäre unregierbar gewesen, die Kosten einer potenziellen Besatzung sehr hoch. Im Frieden von Paris 1783 wurde die staatsrechtliche Unabhängigkeit der 13 Kolonien anerkannt. Da nichts erfolgreicher ist als der Erfolg, wurde nach ein bis zwei Generationen der 4. Juli zum patriotischen Paukenschlag und welthistorischen Freiheitsfanal umgedeutet.
Erstmals seit der Antike war eine große Flächenrepublik entstanden, die dank ihrer isolierten Lage nicht an inneren Widersprüchen oder äußeren Interventionen kollabierte. Dieser erste postkoloniale Staat der Welt vermied auch den Weg zur bonapartistischen Diktatur, den ein Jahrzehnt später das revolutionäre Frankreich gehen sollte und 1804/05 die karibische Schwesterrepublik Haiti. Zugleich hatte diese junge Republik mit riesigen Problemen zu kämpfen und ächzte unter einer gewaltigen Schuldenlast. Daher kam es 1787–1791 zu einem verfassungsrechtlichen Neustart mit der bis heute gültigen Constitution. Ein gescheiterter Staatenbund wurde durch einen anfangs recht losen Föderalstaat ersetzt. Der stand schon 1812 auf der Kippe, als die USA sich Kanada einverleiben wollten und die Briten die Hauptstadt Washington zerstörten. 1861 zerbarst die Union über die Sklavenfrage, nach dem blutigen Bürgerkrieg wurde sie 1865–1877 in schmutzigen Kompromissen wieder zusammengekittet.
Die Dialektik der Freiheit
Ungeachtet der konfliktreichen Anfänge lässt sich retrospektiv sagen, dass 1776 eine Dynamik einsetzte, die im frühen 19. Jahrhundert zu sozialer Mobilisierung führte, im Kontext eines großen „religiösen Erwachens“. Noch vor der Politik demokratisierte sich der Glauben. Europäische Beobachter wie der französische Graf Alexis de Tocqueville sprachen in den 1830er Jahren von der „Gleichheit der Bedingungen“ als dem Charakteristikum der US-Gesellschaft. Der Begriff Demokratie wurde nun affirmativ und nicht mehr als Synonym für Pöbelherrschaft verwendet. Dass die vermögenden Gründerväter der Republik so ganz andere Pläne gehabt haben könnten, ist in der historischen Forschung immer wieder hervorgekehrt worden. Als um 1900 angesichts wachsender Ungleichheit Agrarpopulisten und Arbeiter sich gegen gierige, „vergoldete“ Kapitalisten wehrten, wurden der Verlauf der Revolution und vor allem die Verfassungsgebung von 1787 als korrupter Betrug der Eliten an den Idealen von 1776 skandalisiert.
Geschichte verläuft dialektisch. Der gebotene skeptische Rückblick auf 1776 und 1787, der auch heute wieder angesagt ist, unterschätzt wie neu in einer Welt der Monarchien eine derartige Republik gewesen ist und dass die Werte von 1776 spätere Ansprüche begründeten. Es brauchte, bis das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung, dass „alle Menschen gleich geschaffen sind“, universal gedeutet werden konnte. So wurde über die Jahrzehnte aus einer Anzahl hinterwäldlerischer Provinzen ein Zentralort der Freiheit, über den Europa nicht mehr hinwegsehen konnte, „im Guten wie im Schlechten“. Thomas Pownall, Amerika-Freund, Unterhausabgeordneter und ehemaliger Gouverneur von Massachusetts, las nach dem Frieden 1783 seinen ignoranten Landsleuten die Leviten. Man habe Amerika komplett missverstanden: „Freiheit“ (liberty) dort sei nicht der Batzen eines Privilegs wie in Europa, sondern das geborene Recht jedes Einzelnen: „The genuine Liberty on which America is founded is totally and intirely a New System of Things and Men.” [...]
Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| Anzeigen |
| Mit Anzeigen und Inseraten erreichen Sie Ihre Zielgruppe. Anzeige aufgeben |
 |
|
Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.
|

mehr
Informationen
|
 |
|
| Bücher & mehr |
|
|