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Leseprobe 1
András Máté-Tóth
Paradoxe Mitte
Das verblasste Lächeln in Ungarn
Der ungarische Schriftsteller György Konrád – in Deutschland nicht zuletzt durch seine Präsidentschaft bei der Akademie der Künste in Berlin (1997–2003) bekannt – schrieb die auch für heute wegweisenden Sätze in seiner Antipolitik: „Wir verhelfen der Zwietracht zur Versöhnung, wir profanieren die militanten Extreme, wir exerzieren die paradoxe Mitte, wir machen in uns das Unvergleichliche durch“ und weiter: „ich entkrampfe die kriegerischen Extreme“.

Paradoxe Mitte


Als paradoxe Mitte bezeichnet er, neben anderen mitteleuropäischen Ländern, noch vor der Wende Ungarn, und diese Paradoxie blieb weiterhin ein Merkmal Ungarns. Zur Mitte Europas wurde Ungarn schlicht durch seine geographische Lage, zur Paradoxie durch seinen damaligen Zwischenstatus zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Die Momentaufnahmen in den letzten Jahren mögen, dieser Metapher zufolge, eine Seite dieser Paradoxie eindeutiger zeigen und man kann nur hoffen, dass die Radikalität, die „kriegerische Extreme“, nicht zu einem Normalfall in Ungarn und in den anderen Ländern der Region wird. Dass die Transformation nach der Wende nicht gradlinig verlief, ist bereits allgemein bekannt. Ich teile die Periode der letzten 25 Jahre in zwei Subperioden und nenne sie die erste und zweite Welle der Freiheit.

Freiheitslaboratorium

Der heilige Papst Johannes Paul II. pflegte oft den Begriff „Laboratorium“ zu verwenden, etwa das Laboratorium des Glaubens, des Dialogs, der Ökumene oder der Zivilisation der Liebe. Diesem Bild bediente er besonders bei seinen pastoralen Besuchen in Ost-Mittel-Europa, in der Ukraine oder Rumänien und auch beim Symposium der europäischen Bischöfe im Jahr 2002. Er war geprägt durch die Wende, durch den Abbruch der totalitären Diktaturen und nicht weniger durch die Hoffnung, dass Europa zu seinen christlichen Quellen zurückfindet. Dabei würden die Kirchen, die aus der Bedrängnis kommen, eine wichtige Rolle spielen. Hätte er die Laboratorium-Metapher für Ungarn verwendet, hätte er wohl die Wendung „Laboratorium der Freiheit“ genommen.

Die erste Welle der Freiheit ist durch das definitive Abrücken von der Diktatur und durch eine emotionale und feierliche Deklaration der nationalen Identität und der staatlichen Souveränität gekennzeichnet. Die zweite Welle ist durch die Erfahrung der komplexen Realität der Demokratie und der Marktwirtschaft, aber auch nicht zuletzt durch die komplexen europa- und weltpolitischen Gedränge geprägt. Die Wirtschaft und die Politik scheinen heute das Ende dieser zweiten Welle erreicht zu haben. Die strukturellen Änderungen in Richtung liberaler Wirtschaft und demokratischer Politik kommen durch das Fehlen einer tiefergreifenden kulturellen Wende ins Stolpern. Die Fassaden wurden mehr oder weniger erfolgreich aufgebaut, eine wirkliche Erneuerung der Gesellschaft ist nicht mehr aufzuschieben. Nicht mehr hin zur Festungen, sondern zu festen ethischen und spirituellen Grundlagen hin, hin zur einer „agonistischen“ Kultur, wo man nicht mehr in Feinden, sondern in Gegnern denkt.

Die Wende im Nebel

Wenn man heute über die Wende als Begriff forscht, dann findet man in dem politischen Diskurs in Ungarn und auch in allen Ostblock-Gesellschaften das gleiche Muster. Die Zeiten vor der Wende werden in den professionellen politischen Aussagen vereinfacht als kommunistisch bezeichnet und mehrheitlich schwarzgemalt, die Bevölkerung erinnert sich aber oft an die ruhige Seite der Diktatur, an Arbeitsplätze und Sicherheit. Je weiter man von den Jahren um 1990 herum zurückgeht, desto mehr wird die Gegenüberstellung von damals und heute plakativ, desto mehr werden die Erinnerungen im Interesse der Unterstützung von heutigen Machtpositionen konstruktiv und kreativ. In der Bevölkerung wächst eine neue Generation heran, die keine direkten Erfahrungen mit den Zeiten von damals hat. Diese jungen Menschen werden immer mehr in politische und wirtschaftliche Leitungspositionen kommen. 25 Jahren nach der Wende wird die Berufung auf dieses Epochenereignis immer mehr an Plausibilität einbüßen. Es wird immer weniger rational, über den früheren Ostblock zu reden, und die heutigen Forschungen über diese Länder messen der Bedeutung der kommunistischen Vergangenheit immer weniger Wert bei. Man sollte daher diese Region von Ost-Mittel-Europa nicht mehr durch die gemeinsame Vergangenheit unter dem Kommunismus verstehen, sondern durch die eigenen Traditionen der jeweiligen Staaten und Gesellschaften. Die Berufung auf die Zeiten vor der Wende, auf Unterdrückung und Verfolgung war direkt nach der Wende selbstverständlich und akzeptabel.

Struktur und Kultur der Freiheit

In Ungarn sind die strukturellen Grundelemente der Demokratie und Marktwirtschaft ausgebaut. Aber die Kultur der Freiheit, die Anerkennung der Anderen und vor allem die bürgerliche Verantwortung konnten sich noch nicht richtig entwickeln. Dieses Nachhinken gegenüber dem westeuropäischen Standard ist aber nicht nur auf die kommunistische Zeit zurückzuführen, sondern diese ganze Region ist im Vergleich zu Frankreich oder Großbritannien in einer 100–150-jährigen Verspätung – sagen Historiker, wie unter anderem Jenő Szűcs. Die Kirchen spielen beim Nachholen der Freiheitskultur eine zwiespältige Rolle. Einerseits haben sie ihre eigene Geschichte mit Freiheit und Demokratie nicht richtig aufgearbeitet, andererseits unterstützen sie die rechtlichen Rahmenbedingungen der Religionsfreiheit, damit sie ihre pastoralen Dienste und andere Angelegenheiten selbst und ohne staatliche Kontrolle verrichten können. Eine Freiheit für die Kirche ist erwünscht, eine Freiheit in der Kirche ist problematisch. Die Kirchen in unseren Ländern sind im Wesentlichen nicht von der Gesellschaft verschieden, wie es überall bei den großen Kirchen der Fall ist. Wie die politischen Gemeinden selten das partnerschaftliche Wort mit der Bevölkerung finden können, so haben die Kirchenleitungen auch Probleme mit Initiativen von unten, mit kritischen Kommentaren über den pastoralen Stil oder mit den Anfragen bezüglich Finanzierungspräferenzen.

Verbuntung und Vereinfachung im Glaubensangebot Religionen und Kirchen sind im Plural zu denken. Obwohl es in der Region Ost-Mittel-Europa in den meisten Ländern eine deutliche Mehrheit einer bestimmten Konfession gibt, wie in Polen, der Slowakei, Kroatien und Ungarn die katholische Kirche, in Rumänien und Serbien die jeweiligen nationalen orthodoxen Kirchen, wachsen in allen Länder die alternativen Religionen und Kirchen sowie das Bewusstsein der Bevölkerung, dass es viele Religionen und viele Kirchen gibt.

Unter diesen neuen Religionen verdienen auch in Ungarn die so genannten neuheidnischen Gruppen eine besondere Aufmerksamkeit. Nicht als ob sie allzu zahlreich wären, sondern weil sie die tiefgreifende Suche nach einer originären nationalen Identität charakteristisch repräsentieren und weil die von ihnen geprägten Symbole und Nationalsagen ziemlich verbreitet sind – auch in Kreisen der praktizierenden Christen.

Das zeitgenössische Heidentum erschien in Ungarn bereits in den späten 1980er Jahren, da durch den Fall der Mauer die Gewissens- und Religionsfreiheit nach der Periode der Religionsverfolgung der kommunistischen Diktaturen wiederhergestellt wurde, die ein breites Feld für alle möglichen religiösen Selbstorganisierungen öffneten. Obwohl die Wicca, die Ásatrú und die keltischen Traditionen keine tieferen Wurzeln in diesen Gesellschaften schlagen konnten, wurden die neopaganen Gruppen durch Anlehnungen an örtliche Religionstraditionen doch populär.

Vergleicht man die Geschichte und die Glaubenssysteme dieser neu gegründeten Gruppen, so können zahlreiche Ähnlichkeiten gefunden werden. Die Mehrzahl der Gruppen entstanden als Nachfolgeorganisationen von ähnlichen Gruppen, die es zu Beginn des 20. Jhds. gab. Sie sind zeitgeschichtlich durch die gnadenlosen Verfolgungen während dem Sowjetregime verbunden – manche von ihnen haben die kommunistischen Jahren in den Vereinigten Staaten und in Kanada durchgestanden – und lebten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wieder auf. Alle diese Bewegungen arbeiten an die Wiederbelebung von archaischen Religionstraditionen nach westeuropäischen Schemata. Als ein wesentlicher Unterschied zwischen der west- und osteuropäischen neopaganen Szene kann festgestellt werden, dass im ungarischen Kontext die nationale Identität viel deutlicher betont wird, während den magischen Praktiken eine geringere Bedeutung beigemessen wird. Die Gruppen vertreten die Notwendigkeit, auf die national-tribalen Traditionen zurückzugreifen. Viele ihrer Mitglieder sind auf dem rechtsradikalen politischen Feld aktiv, was sich aus ihren religiösen Anschauungen ableiten lässt. Die heutige neopagane Szene in Ungarn, wie in anderen Gesellschaften der Region, ist also deutlich von ihren westlichen Verwandten verschieden. In ihrer Unterschiedlichkeit weisen die dazu gehörigen Gruppen klar analoge Züge auf. Einerseits fehlt bei ihnen das starke Motiv der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Toleranz, andererseits aber wird die Wichtigkeit der nationalen Identität sehr stark betont. Die Nation wird „religiös“ verstanden und verehrt, indem die charakteristischen Ereignisse und Mythen der nationalen Urgeschichte eine bedeutende Rolle spielen.

Die Vielfalt der religiösen Gruppen, Konfessionen und Bewegungen lässt sich weniger danach bewerten, wie sie zum Staatskirchenrecht stehen oder wie sie sich in den parteipolitischen Kämpfen instrumentalisieren lassen. Entscheidend ist vielmehr, wie die Einzelnen dieser Vielfalt gegenüber eingestellt sind. Was Paul Zulehner in seinem letzten Fachbuch „Verbuntung“ genannt hat, das ist auch in Ungarn zu beobachten. Die große Trennlinie wird nicht mehr zwischen einem kirchlichen Christentum und einem verordneten Atheismus gezogen, sondern zwischen der Fähigkeit oder Unfähigkeit, im weltanschaulichen Pluralismus zu leben. Die Menschen in ganz Ostmitteleuropa, Christen wie Nichtchristen, sind von diesem Lernprozess der Mündigkeit herausgefordert und zugleich vor die verlockende Versuchung gestellt, die plurale Situation zu vereinfachen und die bunte Lage schwarz-weiß zu überpinseln.

Der ewige Kampf für nationale Identität und staatliche Souveränität

Warum geht es so schwer? Die meistgeübte Antwort lautet: weil die Regierungen und die ganze neue Politikergeneration eher an das eigene Wohl denken, anstatt dem Gemeinwohl zu dienen. Mag sein, aber solche ethischen Interpretationen messen den persönlichen Entscheidungen und Verantwortungen einen zu großen individuellen Stellenwert bei. Eine mehr auf das geschichtliche und strukturelle Erbe der Gesellschaft konzentrierende Antwort erblickt eine tiefe Labilität in der kollektiven Identität, die auf die geopolitische und geokulturelle Lage der Gesellschaft zusammen mit anderen mitteleuropäischen Gesellschaften zurückgeführt werden kann.

Die paradoxe Mitte – wie Konrad im Zuge der großen Diskussionen um Mitteleuropa, an denen unter anderem die Schriftsteller Vaclav Havel, Czesław Miłosz, Adam Michnik und Danilo Kiš beteiligt waren, schrieb – bedeutet für Ungarn und für diese ganze europäische Subregion eine labile Bindung an Ost und West. Wir gehören zugleich zum Osten wie zum Westen – und im selben Atemzug soll noch gesagt werden, weder ganz zum Westen noch ganz zum Osten.

Durch die Transformationsprozesse nach 1990 findet in den national-europäischen kollektiven Identitätsmixturen gesamteuropäisch im Schnitt eine Verstärkung der nationalen auf Kosten der europäischen Orientierungen statt: im Westen auf der Grundlage einer stärkeren europäischen Orientierung, im Osten in Fortsetzung der gegen die sowjetkommunistische Ordnung gerichteten Revitalisierung nationalistischer Orientierungen. Der in der Phase 1990 bis 2010 zu beobachtende kollektive Identitätswandel ist nicht einfach ein Reflex der sich entwickelnden vertikalen und horizontalen Integration Europas, sondern besteht in der Transformation langfristig geformter kollektiver Identitätsmuster, die in spezifischen nationalen Variationen Konstellationen nationaler und europäischer wie religiöser und säkularer Komponenten enthalten.

Kirchenziele mit Geisterbild

Die Repositionierung der großen und auch der kleineren Kirchen und Religionsgemeinschaften in Ungarn haben als Kontext die paradoxe Mitte, wo sie gemäß ihrer ursprünglichen Verfassung ihren Dienst ausüben sollen. Die vielfältigen Versuche bezüglich der Einstellungen zum Glauben und zur Kirche wurde von Charles Taylor als dwelling und seeking bezeichnet, wobei er dieses Begriffspaar von dem amerikanischen Religionssoziologen Robert Wuthnow entlehnte und mit einem etwas anderen Akzent versah. In seinem Buch über die Spiritualität in Amerika nach 1950 hat der Autor die eine Spiritualität, die sich unter einem heiligen Raum zu Hause fühlt, von einer anderen unterschieden, die durch Offenheit gekennzeichnet ist. Die Menschen dieser zweiten Spiritualität sind zwar sicher, dass es so was wie einen Gott gibt, aber diese Sicherheit ist für sie flüchtig, sodass sie dazu gezwungen sind, sie ständig zu suchen. Wuthnow`s zwei Spiritualitäten stehen vor allem der Religion gegenüber; religiöse Institutionen spielen dabei keine entscheidende Rolle. Wuthnow führt mit vielen Beispielen unterstützt aus, dass in der spirituellen Orientierung Amerikas ein Trend von der Dweller-Orientierung zur Seeker-Orientierung zu beobachten sei. Nach Taylor sind seekers vom Geist Gottes motivierte Menschen, die für ihre religiöse Inspiration Orte, Impulse und Gemeinschaften suchen. Dwellers hingegen sind religiöse Menschen, die ihre spirituelle Sicherheit bereits in einer Kirche oder Glaubensrichtung gefunden haben. Die Kirche mit ihrer Hierarchie, Lehre und Kommunikation, aber nicht zuletzt auch mit ihrer symbolischen Präsenz zeigt eine bestimmte Art von Profil. Sie kann mehr Sicherheit und Stabilität ausstrahlen, womit sie vor allem dweller-freundlich wirkt, aber sie kann auch mehr ihre Dynamik und Dialogbereitschaft zeigen, womit sie mehr einladend auf die seeker wirkt. Taylor meint, dass heute die großen christlichen Kirchen wenig seeker-freundlich sind, weil sie auf die zeitgenössischen Fragen der Menschen entweder charakterlose oder zu rigide Antworten geben. Es ist wichtig zu vermerken, dass die dwellers und die seekers nicht mit den Mitgliedern der kirchlichen Kerngemeinden und Randgemeinden gleichgestellt werden dürfen. Diese beiden spirituellen Einstellungen können überall in den Kirchen angetroffen werden. Die Frage ist eher, für welche Art der heutigen Spiritualität die Kirchen als Institutionen sensibel sein können.

Erblasstes Lächeln – ein Stimmungsbericht

Es gibt sicher viele Antworten auf die Frage, was heutzutage in Ungarn und mit Ungarn geschieht, aber es scheint mir eindeutig zu sein, dass die zutreffenden Antworten die geopolitische und geokulturelle Position des Landes als Ausgangsbasis in Betracht ziehen müssen. Von daher ist es wahrscheinlich möglich, den aufkommenden Nationalismus und Populismus besser zu interpretieren. Von dort her brechen unerfüllte Erwartungen an eine stabile kollektive Identität und sichere staatliche Autonomie hervor; und diese paradoxe und instabile Identität erklärt die starke Anfälligkeit für populistische Versprechungen. In dem Laboratorium der Freiheit, wie Ungarn auch genannt werden kann, werden aber solche Zusammenhänge entdeckt und beobachtbar, die auch außerhalb des Laboratoriums, in anderen Gesellschaften diesseits und jenseits der Leitha immer dringender nach Lösungen schreien.

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