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Stichwort
Georg Paul Hefty
Ungarn
Wenn Worte und Begriffe nicht allein philologische, sondern gesellschaftsprägende Bedeutung haben, dann ist es für das Selbstverständnis wie für die Erwartungen eines Volkes von Gewicht, mit welchem Wort, welchem Begriff seine Nationalhymne beginnt. „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ lautet die für die Bundesrepublik gültige Version des von Hoffmann von Fallersleben 1841 verfassten Liedes der Deutschen, weil sie „die Werte verbindlich zum Ausdruck bringt, denen wir uns als Deutsche, als Europäer und als Teil der Völkergemeinschaft verpflichtet fühlen“. So bekräftigte es Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 19. August 1991 nach Vollendung der deutschen Einheit. Vom recht weltlichen bundesrepublikanischen Dreiklang unterscheidet sich die ungarische Hymne mit der Anrufung des Allmächtigen fundamental: „Gott, segne den Ungarn …“ Dass der von Ferenc Kölcsey 1823 als Gebet verfasste Text bis heute den Geist der ungarischen Nation widerspiegelt, dafür gibt es Belege. 1989 wurde zum Beweis der Abwendung von der kommunistischen Volksrepublik und der Hinwendung zur Demokratie das Nationallied in die ursprünglich stalinistische, gerade umgekrempelte Verfassung verankert. Und 2011 wurde die Hymne in das neue Grundgesetz übertragen, die Anfangszeile wurde sogar zur Eingangszeile des ganzen Verfassungswerkes erhoben.

Streben nach Unabhängigkeit

Gerade aus christlicher Sicht müsste es da mehr als ein Zufall sein, dass die ungarische Regierungspartei Fidesz und die bayerische CSU sich in manchem von vielen anderen politischen Kräften unterscheiden: Strategisch in der Sorge um die christliche Prägung ihrer Länder in einem Verbund von Staaten, denen es zusehends schwerer fällt, das Selbstverständnis als Teil des einst weströmischen Abendlandes weiterzutragen; taktisch in dem Streben, der pluralistischen Zersplitterung der Parteienlandschaften zum Trotz, weiterhin absolute parlamentarische Mehrheiten zu erreichen. Tatsächlich haben die jeweiligen gesamtgesellschaftlichen Merkmale der Wahlbevölkerungen auch nach der Jahrtausendwende Erfolge (parlamentarische Zweidrittelmehrheiten) ermöglicht, die europaweit sonst nicht (mehr) üblich sind.

Ein kurzer Disput im Europäischen Parlament zwischen Präsident Martin Schulz und Ministerpräsident Orbán beleuchtet, worum es dabei geht. Orbán berief sich auf Robert Schuman, um zu sagen, „Europa wird christlich sein oder es wird nicht sein“. Schulz hielt ihm entgegen: „Europa wird pluralistisch sein, oder nicht sein!“ Orbán hat damals gewiss begriffen, dass Schulz recht bekommen könnte. Umso fester hält er an seinem Fundamentalsatz fest. Nicht weil er Vielfalt insgesamt und die Vielfalt Europas bestreiten oder verhindern will. Sondern weil ohne einen festen Standpunkt – und sei es sein eigener – die Brüsseler Kompromissfindung zum Treiben einer Sanddüne wird. Ohne Gegenrede und Gegenwehr der Konservativen (was sonst wäre heute Christentum als eine konservative, also Althergebrachtes zur Wirkung bringende Lebenslehre?) würde sich der Konsens der Europäer, der naturgesetzlich ein Kompromiss unterschiedlichster Auffassungen und Ziele sein wird, immer weiter von dem entfernen, was Orbán aus christlichabendländischer und ungarisch-nationaler Überzeugung für bewahrens- oder erstrebenswert hält. Damit steht er in der Tradition der bedeutenden ungarischen Regierungschefs seit dem Freiheitskampf 1848/49. Auch die Vorgänger, der Forumsdemokrat József Antall (1990–93) wie der Sozialist Gyula Horn (1994–98) haben das Interesse Ungarns keineswegs vorrangig in der Anpassung an den atlantischen Wirtschafts- und Gesellschafts(neo)liberalismus gesehen. Ohne sein starkes Nationalstreben hätte sich Ungarn nicht vom Sozialismus sowjetischer Herkunft befreit. Nicht der Wunsch nach höherem Lebensstandard beflügelte die Abkehr vom Gulaschkommunismus, sondern das Verlangen nach nationaler Selbstständigkeit und personaler Unabhängigkeit. Ungarn kennt seit den Bauernkriegen zu Beginn des 16. Jahrhunderts keine Aufstände aus wirtschaftlich-sozialen Gründen (das hat lediglich die kommunistische Geschichtsschreibung behauptet), sondern allein aus der Freiheitsidee – oder bayerisch ausgedrückt: dem Wir-sind-Wir-Anspruch – heraus. Diese Haltung entscheidet seit der Erlangung der Demokratie 1989/90 auch jeweils die Wahlergebnisse. In den Augen der Wahlberechtigten gibt den Ausschlag, wer mit welcher Glaubwürdigkeit die Minderung von Abhängigkeiten verspricht: der Abhängigkeit von ausländischen Mächten sowie der Abhängigkeit von korrupten Gewalten, hinter denen oft Beziehungen ins Ausland vermutet werden.

Skepsis

Die Ungarn sind ein zutiefst pessimistisches Volk. Historiker erklären dies mit der Kriegsniederlage von Mohács (1526) und der Friedensniederlage von Trianon (1920), die aus einem großen Land ein kleines Land mit einem objektiv schwachen Volk gemacht haben. Psychologen und Neurologen mögen diese Selbstverortung, auf der Verliererseite der Geschichte zu stehen, je nach der Henne-Ei-Theorie anders erklären. Viereinhalb Jahrhunderte unter formaler oder tatsächlicher, zumindest partieller Fremdherrschaft haben sich tief eingegraben in die Natur von Menschen, die schon sprachlich in Europa einsam sind. Oft misst man sich an dem großen Nachbarvolk, und gesteht den Deutschen die wesentlich bessere Note zu. Dennoch sind die Ungarn von Mal zu Mal die beständigeren, die weitsichtigeren Bürger und Politiker. 1956 haben sie gegenüber der Sowjetunion Weltpolitik gemacht. [...]


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