Unsere aktuelle Ausgabe 1/2013 zum Thema
»Immer wieder neu – Zumutung Tradition« mit folgenden Beiträgen:
Stichwort
Johannes Bunnenberg
Tradition: Unendlich kostbar – und zugleich ambivalent
Was wären wir ohne Tradition! Ausgesetzte, verwahrloste Kinder, die gleichsam am Nullpunkt anfangen müssten – ohne Herkunft, ohne Kultur, ohne Identität, ohne Orientierung. Glücklicherweise sind wir in der Kirche hineingeboren in eine Tradition; sie ist wie Beheimatung, Verankerung, Lebenselement, Leitplanke, Wegweiser. Sie stellt einen großen Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen dar, an dem wir teilhaben. Vor allem verbindet sie uns mit den maßgeblichen Zeugen und Zeugnissen unseres Glaubens – von Abraham über Jesus von Nazaret bis hin zu den Heiligen unserer Zeit, von den Schriften der Hebräischen Bibel über das Neue Testament bis hin zur großen geistlichen Literatur in der Kirchengeschichte.
„Verachte nicht die Überlieferung der Alten, die sie übernommen haben von ihren Vätern. Dann wirst du Einsicht lernen, um antworten zu können, sobald es notwendig ist.“ (Sir 8,9)
Kirche ist Kirche des Wortes, sie gründet auf dem Fundament der Schrift. Kirche ist zudem Überlieferungsgemeinschaft; ihre Geschichte und Tradition geben Antwort auf das Wort. Kirche lebt aus der Heiligen Schrift und der Tradition. Aber ist Tradition ein nachbiblisches Phänomen? Keineswegs. Schon der Bibel eignet die Tradition geradezu als Wesenselement.
Positionierungen im hermeneutischen Streit um das Vaticanum II
Die Aufgabe des Konzils „hat nicht darin bestanden, von der Tradition her die Gegenwart zu betrachten, sondern umgekehrt zu verfahren, die Tradition von der Gegenwart her neu zu erschließen.“ Elmar Klinger
Inmitten der katholischen Kirche tobt seit längerem schon ein Streit um Interpretation und Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65). Die Bandbreite der Diskussion kann hier nur angedeutet werden: So bezweifelt beispielsweise der Münsteraner Fundamentaltheologe Tiemo R. Peters, ob das Konzil an der Basis der bundesdeutschen Kirche überhaupt je stattgefunden habe.
In den Archiven des Glaubens mit Xavier Naidoo und Bruno Latour
Für eine erste Orientierung zugespitzt, zeigt sich die Lage dramatisch. Die drei klassischen Tradierungsorte des Glaubens – Familie, Schule und Gemeinde – können ihre herkömmliche Aufgabe als Einweisungsagenturen in einen kirchlichen Lebensstil immer weniger erfüllen. Die Familie hat ihre religiösen Zweigstellen wegen Kirchendistanz und Alltagsüberlastung schon länger geschlossen. In der Schule werden mangels Interesse und religiösen Vorkenntnissen der Schüler lediglich Allgemeinplätze vermittelt. Und in der Pfarrgemeinde engagieren sich sowieso nur noch die Milieus über 50.