Unsere aktuelle Ausgabe 2/2012 zum Thema
»Das ist katholisch. (Mehr) Deutungen« mit folgenden Beiträgen:
Stichwort
Dennis Halft
Offen für die Welt. Katholisch
Nicht erst seit der Freiburger Konzerthausrede Papst Benedikts XVI. vom 25. September des vergangenen Jahres steht die „Weltlichkeit“ der Kirche zur Debatte. Vielmehr lassen sich die seit langem virulenten Konflikte um Hierarchie, Autorität und Zentralismus versus Partizipation, Dialog und Autonomie als Folge eines zweifelhaften Kirche-Welt-Verhältnisses deuten. Theologischer Sprengstoff liegt darin, beide Größen als einen Gegensatz zu konstruieren, in dem sich Kirche und Welt in nichtssagender Fremdheit asymmetrisch gegenüberstehen.
Zu den besonderen Highlights der neutestamentlichen Überlieferung gehört sicher die Aussage, dass Gott Liebe ist, die sich im Ersten Johannesbrief gleich zweimal (vgl. 1Joh 4,8.16) findet. Das ist eine wunderbare Aussage, aber sie bedeutet leider fast nichts, weil der Liebesbegriff heute so fürchterlich ausgewaschen ist. Wer sich daran erinnert, dass Erich Mielke seinen Bespitzelungs- und Unterdrückungsapparat mit dem Ausruf „Ich liebe euch doch alle!“ begründet hat, wird wissen, was ich meine. In der Antike war das nicht viel anders. Man denke nur daran, dass auch der römische Unterdrückungsapparat sich auf die Liebe der Götter zum Kaiser stützte. Und dessen Liebe zu seinen Untertanen zeigte sich auch nicht in Befreiung und Machtverzicht, sondern maximal in „panem et circenses“ – für die Mehrheit der Unterjochten in den Provinzen nicht einmal das.
Im Kontext der Auseinandersetzungen mit dem Doketismus schärft Ignatius von Antiochien den Ortsbischof und die von ihm geleitete Eucharistiefeier als Bollwerk gegen jegliche Spaltung ein. Die Kirche ist deshalb und insofern „kath’holon“, als sie die Repräsentation und Mitteilung der in der Eucharistie gefeierten Fülle und Vollkommenheit Jesu Christi ist. Katholisch heißt demgemäß: Die allumfassende, alle Fülle besitzende Kirche. Inwiefern trägt und prägt ein solches Verständnis von Katholizität auch den gegenwärtigen Umgang mit Konflikten in der Kirche?
Die ehemalige niederländische Kartäuserin Miek Pot unterscheidet in ihren Reflexionen über ihre mystischen Erfahrungen während ihrer Ordenszeit und deren grundlegende Bedeutung für ihr weiteres Leben zwischen machen (facere) und wirken (agere). Diese Unterscheidung ist ihr auf dem Hintergrund langjähriger Kontemplations- und Meditationserfahrungen wichtig geworden, da sie unterschiedliche Bezugspunkte des Tätigseins benennen kann: „Handelt es sich um facere, ist der Fokus ein materieller, geht es um agere, ist der Fokus transpersonal, er übersteigt das Ego.“ Das Machen erzeugt ein vergängliches, auf den einzelnen und deshalb notwendigerweise egoistischen Menschen bezogenes Produkt, während dem Handeln ein bleibendes und für den Fortschritt der gesamten Menschheit bedeutsames Wachstum in Einheit entspricht. „Langfristig wirkt nur agere.“