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Stichwort DOI: 10.14623/wua.2021.2.50-5
Alexander Merkl
Tugend ‚Tapferkeit‘
‚Tugend‘ ist ein ethischer und anthropologischer Grundbegriff, im Singular wie im Plural unterschiedlicher Einzeltugenden.1 Dennoch ist er oftmals negativ konnotiert und vorbelastet. Er erscheint nicht selten ‚unmodern‘. So beschrieb schon Max Scheler (1874–1928) die Tugend als „alte, keifende, zahnlose Jungfrau“2 und Friedrich Nietzsche (1844–1900) konnte im Tugendhaften gar niemand anderen erkennen als einen „Rechtwinkligen“, „Biedermann“ und „Hornochsen“.3

Tugenden als moralisches Können


Seit einigen Jahren jedoch, im Kontext der anglo-amerikanischen ‚virtue-ethics‘-Debatten und verbunden mit Namen wie Alasdair MacIntyre oder G. E. M. Anscombe, die bereits seit einigen Jahrzehnten dazu arbeiten, setzt sich vielerorts eine Rehabilitierung der klassischen Tugendlehre durch. Aus philosophischer wie theologischer Warte lässt sich hierfür auf eine lange und reiche geschichtliche Überlieferung zurückblicken.

Nicht nur für die philosophische Ethik war die in der aristotelischen eudaimonia-Lehre grundgelegte Tugendkonzeption der Nikomachischen Ethik sehr wirkmächtig. In deren zweitem Buch liefert Aristoteles (384–322 v. Chr.) eine Bestimmung der Tugend als eine sich in Vorsätzen äußernde und dabei in einer Mitte (mesotes) in Bezug auf uns selbst liegende Haltung (hexis).4 Im Tugendbegriff selbst unterscheidet er zwischen ethischer und dianoetischer Tugend, welche in einem sich gegenseitig bedingenden Wechselverhältnis zu sehen sind. Dadurch gelingt es Aristoteles, das Moment der menschlichen Leidenschaftlichkeit zu integrieren und mit der Klugheit (phronesis) im Blick auf die Lehre von einer Mitte (mesotes) der Tugenden – gemeint ist die Mitte zwischen zwei Extremen, einem Zuviel und einem Zuwenig, wie es die Tollkühnheit und die Feigheit in Bezug auf die Tapferkeit wären – zu korrelieren sowie das einzelne Individuum in seiner je unterschiedlichen moralischen Reife und Tugendhaftigkeit im Blick zu halten: „Worin genau die Haltung liegt, läßt sich aber nicht subjektunabhängig sagen. Darauf spielt der Zusatz ‚(Mitte) für uns‘ an“5.

Im Bereich der christlichen Ethik war es der dominikanische Gelehrte Thomas von Aquin (1225–1274), der die aristotelische Lehrtradition in den Kontext des christlichen Gottglaubens einordnete. In seinem Hauptwerk, der Summa theologiae, formuliert Thomas die klassisch gewordene und von Augustinus her bekannte Definition: „Tugend ist das, was den, der sie besitzt, und dessen Werk gut macht“ (STh I-II q. 55,3). Anders als die stark anthropozentrische Tugendgenese des Aristoteles, der Tugendhaftigkeit als Prozess steter menschlicher Einübung bestimmte, wollte Thomas den Ursprung tugendhafter Haltungen nicht alleine im menschlichen Handeln, sondern gerade auch im gnadenhaften Wirken Gottes erkennen, was ihn zur Rede von den ‚eingegossenen‘ und ‚erworbenen Tugenden‘ führte, den virtutes infusae bzw. acquisitae: „Weil der Mensch von Natur aus nicht genügend auf seine moralische Lebensaufgabe vorbereitet ist, bedarf er der moralischen Tugenden, um ihr entsprechen zu können. Das ist der gemeinsame Grundgedanke der aristotelisch-thomanischen Tugendethik“6.

Tapferkeit im ‚Angreifen‘ und im ‚Standhalten‘


Schon von der Antike her als klassische Kardinaltugend und damit als Inbegriff tugendhaften Handelns benannt – neben Gerechtigkeit, Klugheit und Maßhalten –, ist die Tapferkeit bis heute bedeutsam. Oft wird auch nur von Mut gesprochen, wobei der griechische Philosoph Platon (ca. 428–348 v. Chr.) innerhalb seiner Tugendlehre zwischen dem Mut als einem der drei Seelenvermögen und der Tapferkeit als Tugend des Mutes zu unterscheiden weiß.7

Die Tapferkeit als Tugend meint jedoch nicht Tollkühnheit und erschöpft sich nicht in der heroischen Bereitschaft zum Tod. Sie darf nicht nur auf den militärischen Bereich und das soldatische Ethos enggeführt werden. Stattdessen äußert sie sich gerade auch im sozialen und politischen Bereich. Tapferkeit meint die Bereitschaft, Unsicherheiten, Risiken und Nachteile um höherer Güter willen in Kauf zu nehmen. „Ihre Voraussetzung lautet: Das Gute setzt sich nicht von selbst durch, sondern bedarf der Anstrengung, und dabei sind wir verwundbar. Tapferkeit bewährt sich in streitbarer Verwirklichung des Guten, ist also in besonderer Weise in der Politik gefordert.“8 Dabei wird die Tapferkeit in der überlieferten Tugendlehre in zwei Dimensionen entfaltet, aktiv und passiv. Gemeint ist hier deren aktive Richtung im ‚Angreifen‘ und deren passive im ‚Standhalten‘. Die passive Seite der Tapferkeit zeichnet sich durch Geduld und Ausdauer aus. Als aktive Tapferkeit begegnet sie gegenwärtig verstärkt im ‚modernen‘ Gewand der Zivilcourage.

In diesem Sinne ist Tapferkeit heute als unverzichtbare Grundtugend des Staatsbürgers und des Lebens in einer Zivilgesellschaft zu verstehen. Zivilcouragiertes Verhalten meint gewaltlose Meinungsäußerung, besonnenen Einsatz für eine gerechte Sache, offene wie konstruktive Kritik im öffentlichen Leben, insbesonvor Autoritätspersonen und Institutionen. „Der Mensch mit Zivilcourage vertritt – biblisch gesprochen: gelegen oder ungelegen (2 Tim 4,2) – seine eigenen Überzeugungen und setzt sich für sie ein, auch wenn er erheblichen Widerspruch seitens der Mehrheit zu erwarten hat. Er schwimmt sozusagen gegen den Strom der öffentlichen Meinung, er erliegt nicht dem Druck von Trends“9. Zivilcourage ist damit „das Gegenteil von Bequemlichkeit, Servilität, Konformismus, Opportunismus und Heuchelei“10. Sie ist aber auch nicht nur Ausdruck einer x-beliebigen Aufmüpfigkeit. Man brauche sie nicht nur für das Nein, sondern auch und gerade für das Ja, so der deutsche Philosoph Odo Marquard (1929–2015).11

Tapferer Widerstand braucht Konfliktkultur und Resilienz

Um Widerstand ethisch zu rechtfertigen, sind mehrere, mitunter klassische Kriterien relevant: ein offensichtliches und elementares Unrecht (gerechter Grund), die Verhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel, das Fehlen von Alternativen (ultima ratio) und die Gewaltlosigkeit. Zudem bedarf die konkrete Praxis und die begründete Ausübung des grundgesetzlich verbürgten Widerstandsrechts (Art. 20, Abs. 4 GG) einer konstruktiven Konfliktkultur ebenso wie einer grundlegenden Widerstandsfähigkeit, die heute nicht mehr nur mit dem Begriff der Resistenz, sondern vielmehr mit dem der Resilienz gefasst wird.

Anmerkungen
01 Vgl. hierzu und im Folgenden A. Merkl, ‚Si vis pacem, para virtutes‘. Ein tugendethischer Beitrag zu einem Ethos der Friedfertigkeit (Studien zur Friedensethik Bd. 54), Baden-Baden – Münster 2015.
02 M. Scheler, Zur Rehabilitierung der Tugend, in: M. Scheler, Vom Umsturz der Werte. Erster Band, zweite durchgesehene Auflage Leipzig 1919, 11–42, hier 13.
03 Nietzsche, Friedrich, Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre, in: K. Schlechta (Hrsg.), Friedrich Nietzsche. Werke in drei Bänden: Dritter Band, München 1956, Lizenzausgabe Darmstadt 1997, 415–924, hier 646.
04 Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, übersetzt und hrsg. von U. Wolf, Hamburg 32011, II 6 bzw. Seite 85 der Studienausgabe.
05 O. Höffe, Lebenskunst und Moral oder macht Tugend glücklich?, erste überarbeitete Neuausgabe München 2009, 135.
06 E. Schockenhoff, Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf, Freiburg/Br. 22014, 215.
07 Vgl. Platon, Der Staat, übersetzt und hrsg. von K. Vretska, Stuttgart 2003, IV 14–15 bzw. 232–238.
08 B. Sutor, Katholische Soziallehre als politische Ethik. Leistungen und Defizite, Paderborn 2013, 67.
09 D. Witschen, Menschen-Tugenden. Ein Konzept zu menschenrechtlichen Grundhaltungen, Paderborn 2011, 111.
10 Vgl. K. Lehmann, Zivilcourage als christliche Tugend und Formen des Widerstands, in: St. Goertz u. a. (Hrsg.), Fluchtpunkt Fundamentalismus? Gegenwartsdiagnosen katholischer Moral, Freiburg/Br. 2013, 381–401, hier 390. 11 Vgl. O. Marquard, Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Stuttgart 1994, 123.

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