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Leseprobe 2
Hans-Joachim Höhn
Gewinnwarnung!
Religion und Kultur im Prozess reflexiver Säkularisierung
Dass im Laufe der Zeit vieles anders kommt, als man anfangs dachte, ist eine Binsenweisheit. Zukunftsforscher wollen jedoch auf diese Weisheit nicht viel geben. Sie setzen auf die Vorhersagbarkeit des Kommenden. Auch die Zukunft der Religion halten sie für berechenbar. Am Beginn der Moderne steht im Zentrum dieser Berechnungen vielfach die Erwartung eines allmählichen Verschwindens der Religion: Je moderner die moderne Welt wird, für umso verzichtbarer und überflüssiger werden religiöse Weltdeutungen gehalten. Bekanntlich ist es anders gekommen. Die Hochrechnung auf ein säkularisierungsbedingtes Ende der Religion hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar transformiert sich die Welt des Religiösen; ihre Gestalt und Funktion verändern sich, aber sie vergeht nicht.

Wenn es im Bereich der Ökonomie anders kommt als gedacht und die Erfüllung einer optimistischen Unternehmensprognose ausbleibt, greift man zum Instrument der „Gewinnwarnung“. Dahinter steht das Eingeständnis, dass man sich verrechnet hat. Nicht mit Gewinnen, sondern mit Verlusten ist zu rechnen. Im schlimmsten Fall muss man sich sogar auf den schlimmsten Fall einrichten – auf den Totalverlust des investierten Kapitals. Der schlimmste Fall einer modernisierungstheoretisch fundierten Säkularisierungsprognose besteht in der Wiederkehr der Religion – schlimmer noch: in der säkularisierungsbedingten Wiederkehr der Religion.

Dass Säkularisierungsprozesse einen doppelten Ausgang nehmen können, ist das Thema der folgenden Überlegungen. Ihre Kernthese lautet: Die in der Moderne ablau fenden Rationalisierungs- und Entmythologisierungsvorgänge führen einerseits zum erwarteten Ergebnis eines Zuständigkeitsverlustes von Religion als Lieferantin von Weltentstehungstheorien, Herrschaftslegitimationen und Lebensführungsregeln. Aber sie können auch das Gegenteil dessen befördern, das sie anzielen. Sie schaffen Leerstellen, an denen das einst Verdrängte wieder antreffbar wird. Die Wiederkehr des Religiösen an diesen Stellen scheint auf dem ersten Blick aus dem einstigen Modernisierungsverlierer einen modernen Krisengewinnler zu machen – vor allem dann, wenn sie sich einer „entgleisenden Modernisierung“ (J. Habermas) verdanken. Aber nicht alles, was auf den Nebenstrecken der Moderne verkehrte und nun wieder auf das Hauptgleis möchte, ist wirklich verkehrstauglich. Daher sollte man angesichts überzogener Hoffnungen auf eine Renaissance des Religiösen auch eine „Gewinnwarnung“ im Blick auf die Zukunftsrendite mancher religiöser Transportunternehmen erwägen.

Ein sozialtheoretisch überzeugendes Konzept zur Erhärtung dieser These liegt vor in Ulrich Becks Theorie reflexiver Modernisierung. Das Begriffs- und Methodeninstrumentar dieses Ansatzes, der bisher für religionssoziologische Fragen kaum zur Anwendung kam, ist auch geeignet, um Entgleisungen von Säkularisierungsprozessen zu beschreiben. Mit ihm lässt sich zeigen, dass es in der späten Moderne einen genuinen Typus von Säkularität bzw. Säkularisierung gibt, der das Aufkommen spezifischer Religionsphänomene begünstigt und daher gegen seine eigene Absicht „religionsproduktiv“ ist. Denn eigentlich hatte er nichts anderes im Sinn, als den Projekten der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Projekte der Vernunft und die Ambivalenz der Moderne

Aus einem blinden Natur- und Geschichtszusammenhang herauszutreten, sich über die Bedingungen der eigenen Existenz autonom klar zu werden, um einen Prozess in Gang zu setzen, welcher auf der gesellschaftlichen Verwirklichung der subjektiven Freiheit aller Vernunftsubjekte und ihres Selbstbestimmungswillens insistiert – das sind Anliegen und Ziele einer Zeit, die ohne die Religion auskommen will. Die Moderne will sich nicht einer höheren Autorität unterstellen, sondern alle Autorität von der Vernunft ausgehen lassen. Sie „kann und will ihre orientierenden Maßstäbe nicht mehr Vorbildern einer anderen Epoche entlehnen, sie muß ihre Normativität aus sich schöpfen.“ Die mythenkritische Moderne schafft sich damit ihren eigenen Gründungsmythos. Allein unter den Imperativen der Vernunft („sola ratione“) soll eine Gestalt gesellschaftlicher Existenz entstehen, der jeder Mensch aus freien Stücken zustimmen kann. Wo sich die Religion diesem Ziel entgegenstellt, muss sie mit dem entschiedenen Widerstand der Vernunft rechnen.

Allerdings ist es nicht ganz so gekommen, wie die Fortschrittsverheißungen erwarten ließen. Vermutlich hat sich die europäische Moderne zu viel vorgenommen, als sie ihre Projekte in Angriff nahm. Eine ständig weiter ausgreifende Naturbeherrschung durch Wissenschaft und Technik, eine permanente Erweiterung des Wohlstands durch ökonomisches Wachstum sowie eine selbstbestimmte Identität des Subjekts durch die Emanzipation von Herkunft und Traditionen lassen sich weder je für sich noch gemeinsam auf direktem Weg realisieren. Der Gang der Sozialgeschichte nimmt keinen linearen Verlauf. Er kennt zunehmend Phasen, in denen er weniger von der industriellen Nutzbarmachung natürlicher Ressourcen oder der Öffnung internationaler Finanzmärkte profitiert, sondern von der Bewältigung der negativen Spätfolgen einer Ausbeutung der Natur oder einer Deregulierung des globalen Finanzkapitalismus beherrscht wird. Hinter dem Rücken einer „linearen“ Modernisierung, die unter dem Anspruch steht, menschliche Lebenszusammenhänge zweckrational kontrollierbar, herstellbar und verfügbar zu machen, vollziehen sich längst Prozesse, die von den unabsehbaren Neben- und Spätfolgen des technisch-industriellen Kontroll- und finanzökonomischen Machtanspruches bestimmt werden und die Wiederkehr von Ungewissheit, die Steigerung von Kontingenz, die Ausbreitung von Ambivalenz befördern. Nicht selten verlangt die Bearbeitung dieser ungewollten Nebenfolgen mehr Aufmerksamkeit als die Verwirklichung der ursprünglich gewollten Handlungsfolgen. Und zugleich wird immer deutlicher, dass etablierte Strategien der Problembewältigung an ihre Grenzen kommen. Technische und ökonomische Modernisierungen lassen sich nur eingeschränkt zur Bewältigung ihrer selbstproduzierten negativen Nebenfolgen einsetzen. Sie führen oft nur zu „Verschlimmbesserungen“.

Dieses Reflexivwerden von Modernisierungsprozessen setzt hinter die klassischen Selbstbeschreibungen der Moderne als Zeitalter von Vernunft und Fortschritt ein Fragezeichen. Ihre Spät- und Nebenfolgen schüren den Zweifel, dass bereits die Prämissen prekär waren. Offensichtlich hat die Moderne Voraussetzungen und Versprechungen der Vernunft ineinander gestellt. Sie hat ihr Projekt der Weltbeherrschung verstanden als uneingeschränkte Ausführung menschlicher Autonomie und bei seiner Umsetzung auf die Effizienz der Eigenrationalität funktionaler soziale Teilsysteme gesetzt. Sie war überzeugt: Man ist autonom, wenn man sich unabhängig macht von Bedingungen und Folgen, welche sich menschlicher Verfügung entziehen. Inzwischen sieht man ein: Für Wirtschaft, Technik und Politik gibt es offenkundig Unableitbares, Unverrechenbares und Unverfügbares, das im Prozess der szientistischen Verdrängung religiös grundierter Sichtweisen von Mensch, Welt und Geschichte verkannt wurde. Wo es aus Gründen der ökonomischen oder technischen Rationalität bewusst ausgeklammert wurde, meldet es sich nunmehr als Leerstelle im Konzept wirtschaftlicher und technischer Vernunft. Diese Vernunft führt nicht allein zur Entdeckung der ganzen Wahrheit über Mensch und Welt. Nach halber Wegstrecke schwinden ihr die Kräfte.

Die Dialektik der Säkularisierung und die Kritik der Religionskritik

In den von der Moderne verdrängten religiösen „Weltanschauungen“ jene Anregungen zu suchen, welche für die Bewältigung der restlichen Wegstrecke hilfreich sein können, ist ein naheliegender Vorschlag. Aufmerksamkeit finden vor allem die Bestände vormoderner Kulturen, in denen vermutet wird, was man bei der neuzeitlichen Vernunft vermisst. Wenn die moderne Vernunft nur ein für Mensch und Natur ruinöses, auf ein Unterwerfen der Wirklichkeit abgerichtetes „Herrschaftswissen“ verwaltet, ist es offenbar an der Zeit, sich um ein „Verständigungswissen“ zu bemühen, das den Menschen wieder zu einem Leben im Einklang mit der inneren und äußeren Natur befähigt. Bergen nicht Mythos und Religion jene gesuchten Weisheiten, die der Mensch nicht hinter sich lassen darf, wenn er vorankommen will?

Angesichts solcher Verlegenheiten kann man zwar verstehen, warum Religion wieder im Aufwind ist. Allerdings steht sie gleichzeitig im Gegenwind einer Religionskritik, die sich ihrerseits im Aufwind sieht. Sie erinnert an jene Gründe, die zu Beginn der Moderne dazu geführt haben, religiösen Weltentstehungstheorien, Herrschaftslegitimationen und Moralmonopolen keinen Kredit mehr zu geben. Diese Gründe vermögen durchaus immer noch zu überzeugen. Unbestritten im Recht ist immer noch der Einsatz gegen religiös ummantelte Unmündigkeit und Unaufgeklärtheit, gegen religiös überhöhtes Obrigkeitsdenken und gegen religiös verbrämte Doppelmoral. Aber sind die einstmaligen Prämissen und Strategien der Religionskritik so unstrittig, dass man sie mit Aussicht auf Erfolg beibehalten kann?

Die aktuelle Religionskritik (R. Dawkins, D. Dennett, S. Harris, M. Schmidt-Salomon u. a.) ist jenem linearen Fortschrittsparadigma verhaftet, das von Anfang an die Projekte der Moderne antreibt. Es wird von ihren Protagonisten sogar forciert eingesetzt im Konzept einer linearen Säkularisierung. Nach wie vor setzen Religionskritiker darauf, menschliche Lebenszusammenhänge „sola ratione“ herstellbar und verfügbar zu machen. Zu diesem Zweck müssen alle religiösen Traditionen als Kartelle der Bevormundung und Fortschrittsverweigerung entlarvt oder ins gesellschaftliche Abseits gestellt werden. Religiöse Muster der Weltdeutung und Daseinsführung, die mit der Weltinterpretation und -gestaltung der autonomen Vernunft inkompatibel sind, gilt es als kulturgeschichtlich überholt zu erweisen. Das Religiöse wird zum Sediment der Geschichte erklärt. Als Ferment des gesellschaftlichen Lebens kommt es nicht mehr in Frage. Diese Strategie hat publizistischen Erfolg, aber auch erhebliche Defizite. Ihr fehlt es an sozialanalytischer Klarheit und zeitdiagnostischer Prägnanz. Sie blendet weitgehend die Ambivalenzen und Ambiguitäten aus, die den Rationalisierungsprozessen der Moderne eingeschrieben sind. Und sie lässt jede Sensibilität für jene Dialektik vermissen, die lineare Säkularisierungsentwürfe nicht abstreifen können.

Reflexive Säkularisierung und religiöse Irritationen

Hinter dem Rücken religionskritisch verstärkter Prozesse der kulturellen Marginalisierung, Abwertung und Distanzierung des Religiösen stellen sich seit etlichen Jahren Entwicklungen ein, welche die Wiederkehr von Unvernunft und Aberglaube befördern. Genauer: Lineare Säkularisierungsstrategien führen zur Wiederkehr jener Phänomene, die sie vorübergehend eindämmen konnten. Die Betreiber von Säkularisierungsvorgängen müssen sich dem Faktum stellen, dass sich das Verhältnis zwischen intendierten Handlungen und Zielen einerseits und den nicht intendierten Nebenfolgen andererseits teilweise umkehrt und die Verrechnung von sozialen Fortschritten mit kultureller Regression eine „Nullsumme“ entstehen lässt. Säkularisierungsbedingte Problemlösungen religiös bedingter Unvernunft können neue religiöse Problemlagen erzeugen. Säkularisierungsprozesse können „umkippen“, auf sich selbst zurücklaufen und mit dem Gegenteil der erwarteten Wirkungen konfrontieren. Um eben solche Phänomene geht in der Denkfigur einer reflexiven Säkularisierung. Sie reflektiert prekäre religionsproduktive Effekte von linearen Säkularisierungsprozessen. Denn dieses Säkularisierungsformat kann wider Willen das Aufkommen von Religionsphänomenen begünstigen, die nicht selten ein sozio-kulturelles „roll back“ fordern und fördern. Verächter und Verfechter der Religion mag dies in gleicher Weise irritieren, aber auch zu gemeinsamer Reflexion motivieren.

Die Privatisierung religiöser Unvernunft und ihre öffentliche Wiederkehr

Für einen ersten Test auf säkularisierungsbedingte „Bumerangeffekte“ bietet sich das Verhältnis von Aufklärung und Öffentlichkeit an. Am Beginn der Moderne steht die Devise: Damit aufklärungsfeindliche religiöse Ideologien keinen gesellschaftlichen Schaden anrichten können, muss man sie privatisieren. Religion wird darum als Medium sozialer Integration verdrängt und zur Angelegenheit individueller Lebenssinnstiftung gemacht. Im Privaten kann sie weniger Unheil anrichten als im öffentlichen Leben. Wenn in den kleinen Parzellen der Lebenswelt neue Privatmythologien aufblühen, deren Irrationalität keinen geringeren Aufklärungsbedarf erzeugt als die „alten Mythen“, ist dies hinnehmbar. Denn ihr Wirkungsgrad bleibt sehr gering, solange die Trennlinie zwischen Privatheit und Öffentlichkeit nicht überschritten wird. Diese Erwartung wird jedoch in der späten Moderne zunehmend dementiert. Der Hinweis, dass religiös imprägnierte Gegenentwürfe zur Moderne öffentlich kaum wirksam werden, verkennt nämlich die Tatsache, dass ihnen das Internet als Bühne medialer Öffentlichkeit zahllose Auftrittsmöglichkeiten gewährt. Der Versuch, eine aufgeklärte Sphäre der Öffentlichkeit durch das Abdrängen der Aufklärungsverweigerer in eine Privatsphäre herzustellen, kommt an sein gegenteiliges Ende, wenn die Grenze beider Sphären modernisierungsbedingt porös wird. Alles ist längst wieder öffentlich, sobald es „im Netz“ steht. Man kann nichts mehr von der öffentlichen Wahrnehmung ausschließen. Keine Form der Privatisierung schafft es, unliebsame Inhalte „offline“ zu stellen – so kurios, abgedreht, skurril und bizarr sie auch sein mögen. Sind sie erst einmal „online“, können sie zwar kritisiert, aber nicht mehr verdrängt werden. Und so tummeln sich im Internet Weltuntergangsvorhersager neben spirituell getarnten Extremisten der Polit-Szene und religiösen Gegenaufklärern, die mit theokratischer Militanz auftreten. Hier können sie alle ungeniert und provokant die eigene Ungleichzeitigkeit und Unverträglichkeit mit der säkularen Moderne zur Schau stellen. Wer an dem einstmals aufklärerischen Dual von „privat“ und „öffentlich“ festhält, kann also keineswegs das Aufkommen aufklärungsrenitenter Dualismen „religiös vs. modern“ begrenzen und verhindern, dass eine kulturell regressive „Gegenaufklärung“ öffentlich Wirkung zeigt.

Die Exklusivität des Religiösen und die Exklusion der Vernunft

Ein ähnlicher Effekt einer problemerzeugenden Problemlösung ist dort beobachtbar, wo die Anhänger einer Religion umso fundamentalistischer auftreten, je fremder ihnen der sozio kultureller Kontext geworden ist, in dem sie leben. Ihre Opposition zur Moderne muss nicht linear auf ihre eigene, religiös bedingte Weltfremdheit oder auf eine von ihnen gepflegte radikal-einfältige Infragestellung der säkularen Moderne zurückgeführt werden. Vielmehr kann dies auch die Spätfolge einer von säkularen Kräften betriebenen Abstoßung des Religiösen und Verortung in den Exklaven der Moderne sein. Dass es nun mit der Moderne „fremdelt“, ist somit das Ergebnis einer vorausgehenden Aberkennung seines Heimatrechtes in der Moderne. Wer die Erfahrung einer Exklusion gemacht hat, verspürt wenig Neigung zur nachträglichen Wertschätzung eines Kontextes, aus dem er verstoßen wurde. Nicht das Bemühen um Reintegration gewinnt somit die Oberhand, sondern die Forcierung einer Gegenexklusion.

Signifikant für diesen Vorgang ist auch die Konjunktur esoterischer Heil- und Gesundheitskonzepte, die sich von der Schul-, Apparate- und Verschreibungsmedizin abgrenzen. Auch hier bildet eine säkularisierungsbedingte Ausgrenzung die Basis einer „postsäkularen“ Wiederkehr. Nachdem das Gesundbeten verdrängt wurde und dem Gebet um Gesundung ein therapeutischer Wert abgesprochen wurde, haben sich Heil und Heilung dissoziiert. Kein Arzt schickt heute noch Patienten auf eine Wallfahrt, damit diese am Grabe eines bedeutenden Heiligen durch Berührung seiner Reliquie an Leib und Seele gesunden. Und dennoch boomt die Nachfrage nach nach Heilkräutern aus Klostergärten und nach mystischem Heil(ungs)wissen. Unter dem Label der Mystik wird aber nicht nur bewährte Klosterarznei, sondern auch wirkungslose Quacksalberei vermarktet. Einem ähnlichen Risiko setzt sich aus, wer der Schulmedizin misstraut und bei ersten Anzeichen einer ernsten Erkrankung gleich einen Geistheiler aufsucht. Wird man von ihm nicht im medizinischen Sinne geheilt, lässt man sich damit trösten, wenigstens etwas Gutes für das eigene spirituelle Heil getan zu haben oder einen Beitrag zur „Heilung“ der Welt geleistet zu haben. Die Untröstlichen wechseln am Ende doch noch zur Schulmedizin – aber vielleicht zu spät. Prekär im Hinblick auf den Vorgang der reflexiven Säkularisierung ist an diesem Phänomen das Muster der Exklusion. Auf den „aufklärungsmotivierten“ Ausschluss von Seiten der Schulmedizin reagiert die Alternativmedizin mit der „spiritualitätsmotivierten“ Geringschätzung der Schulmedizin – vielfach mit dem Effekt des beidseitigen Nachteils. Vielleicht ist dies auch die Lektion, welche die Verächter und die Verfechter der Religion in gleicher Weise aus den prekären Phänomenen einer reflexiven Säkularisierung zu lernen haben. Nicht jede Form des Verschwindens von Religion ist ein kultureller Aufklärungsgewinn und nicht jedes religiöse Comeback beweist die kulturelle Unabgegoltenheit der Religion.

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