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Leseprobe 1
Gerhard Hotze
Thesaurus von Neuem und Altem (Mt 13,52)
Zur Kreativität der Tradition im Neuen Testament
„Verachte nicht die Überlieferung der Alten, die sie übernommen haben von ihren Vätern. Dann wirst du Einsicht lernen, um antworten zu können, sobald es notwendig ist.“ (Sir 8,9)

Kirche ist Kirche des Wortes, sie gründet auf dem Fundament der Schrift. Kirche ist zudem Überlieferungsgemeinschaft; ihre Geschichte und Tradition geben Antwort auf das Wort. Kirche lebt aus der Heiligen Schrift und der Tradition. Aber ist Tradition ein nachbiblisches Phänomen? Keineswegs. Schon der Bibel eignet die Tradition geradezu als Wesenselement. Tradition ist daher selbstverständlich schon eine Grundkonstituente des Alten Testaments. Der zitierte Weisheitsspruch aus dem Buch Jesus Sirach, einem der jüngsten Bücher des Alten Testaments, belegt die bereits im 2. Jh. v. Chr. empfohlene Ehrung der „Überlieferung der Alten“. Auch das in den letzten Jahren stark beachtete Phänomen der Intertextualität, das zumal im Alten Testament greifbar wird, ist nichts anderes als lebendige Tradition: Psalm 114 erinnert an das Exodusgeschehen (Ex 12ff.), Rut 4,11 an Rahel und Lea (Gen 29–31), Sir 48 an den Propheten Elija (1/2 Kön) – um nur drei willkürlich herausgegriffene Beispiele zu nennen.

Dieser Beitrag möchte das Neue Testament im Hinblick auf Tradition unter die Lupe nehmen. Schauen wir auf das Vorkommen des Begriffs, auf Stellen, die das Thema Tradition explizit ansprechen, sowie auf größere Zusammenhänge, die die Weise des Umgangs mit theologischer Tradition illustrieren.

Der Begriff

Der griechische Terminus für Tradition/Überlieferung im Neuen Testament lautet parádosis, als Verbum paradidónai. Die gleiche Vokabel paradidónai steht auch für die Über-, d. h. Auslieferung von Menschen, etwa das Überliefern Jesu zur Kreuzigung (z. B. Mt 26,2 parr.). Im Sinne von Tradition wird das Wort z. B. in Mk 7,3 verwendet: „Die Pharisäer essen (…) wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung des Alten (parádosis tôn presbytéron) vorschreibt.“ Hier stehen die alttestamentliche Tradition, genauer die jüdischen Reinheitsvorschriften im Blick.

Auch bei Paulus findet sich der Begriff, und zwar im Kontext zweier elementar christlicher Texte: „Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ (1 Kor 11,23f.) Ein paar Kapitel weiter, nicht weniger elementar: „Vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift …“ (1 Kor 15,3). In beiden Fällen geht dem „Überliefern“ des Paulus an die Gemeinde sein eigenes „Empfangen“ (paralambánein) der Glaubensaussagen voraus. Abendmahlsworte (1 Kor 11,23–25) und Credo (1 Kor 15,3–5) sind Gegenstand eines lebendigen Tradierungsprozesses. Dieser bezieht sich hier – anders als in Mk 7 – auf genuin (ur)christliches Glaubensgut.

Tradition als Thema

Die Stellen bei Paulus belegen begrifflich wie substantiell, dass Tradition ein entscheidender Vorgang im frühen Christentum war. Die Weitergabe und Verbreitung des Glaubens – diachron und synchron – bildete die Grundlage aller Mission. Dabei wird deutlich, dass Tradition nicht nur ein Inhalt, sondern immer auch ein Geschehen, ein Vorgang, Prozess ist. Überlieferung muss überliefert werden; das Traditionsgut ist zu tradieren, sonst ist es tot.

Ohne den Begriff selbst zu gebrauchen, machen auch die Evangelien auf unterschiedliche Weise den Traditionsgedanken zum Thema. Alle vier Evangelisten bieten dafür schöne Beispiele.

Markus überliefert (!) uns in Kapitel 2 ein doppeltes Bildwort Jesu: „Niemand näht ein Stück neuen Stoff auf ein altes Kleid; denn der neue Stoff reißt doch vom alten Kleid ab und es entsteht ein noch größerer Riss. Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche; der Wein ist verloren und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuer Wein gehört in neue Schläuche.“ (Mk 2,21f.) Unverkennbar spricht Jesus mit dem Gegensatz von Alt und Neu das Thema Tradition an. Was er genau meint, ist – wie so oft bei bildhafter Rede – nicht ganz eindeutig. Vom Kontext her dürfte es (wie später in Mk 7) beim ‚Alten‘ um das jüdische Erbe gehen, speziell wie es die Pharisäer deuteten und praktizierten, das zum ‚Neuen‘ der eschatologischen Botschaft Jesu von der Basileia Gottes nicht mehr passt.

Bei Matthäus findet sich am Ende seiner Gleichnisrede (Kap. 13) eine interessante Aussage, die vielleicht als versteckte Selbstvorstellung des Verfassers gelesen werden kann: „Jeder Schriftgelehrte (…), der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.“ (Mt 13,52) Sollte der, den wir Matthäus nennen, sich mit diesem Satz selbst beschreiben, könnte man so interpretieren: Der zum Jesusnachfolger bekehrte Evangelist ist von Haus aus ein frommer Jude, vielleicht Pharisäer, ausgewiesen in der Tora, der als Christ die neue Botschaft vom in Jesus nahegekommenen Himmelreich fruchtbar mit dem Erbe seiner jüdischen Tradition zu einem reichen „Schatz“ (griechisch thesaurós) aus Neuem und Altem zu verbinden vermag. Der alttestamentlich-jüdisch geprägte Charakter des Matthäusevangeliums (vgl. schon 1,1: Jesus Christus als Sohn Davids, Sohn Abrahams) bestätigt dessen starke Traditionsgebundenheit, die mit dem eschatologisch neuen Kommen des Messias einhergeht.

Lukas kommt gleich in seinem Vorwort auf die Tradition zu sprechen, indem er über deren hermeneutischen Rang reflektiert: „Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer (kathòs parédosan hemîn), die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren.“ (Lk 1,1f.) Anders als bei Mk und Mt ist hier – wie bei Paulus – die urchristliche Tradition im Blick, jedoch nicht älteste Überlieferungen wie 1 Kor 11 oder 15, sondern die offenbar schon vielfältig umlaufenden vorevangeliaren Traditionen über die Taten, Worte und das Lebensgeschick Jesu. Zu denken ist hier an die Passionsüberlieferung(en), an vielfältiges Sondergut (von den Kindheitserzählungen über Gleichnisse bis zu den Ostererscheinungen), aber auch an schon existierende Gesamtwerke wie die Logienquelle oder das Markusevangelium, die Lukas kennt. Er, der Historiker unter den Evangelisten, hat all das sorgfältig recherchiert und geht nun daran, es neu aufzuschreiben.

Eine Aussage zum Thema Alt und Neu im Hinblick auf die Ethik bietet das Johannesevangelium. Beim Abschiedsmahl sagt Jesus den Jüngern: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13,34) Das Besondere an dieser Stelle gegenüber den Synoptikern ist, dass hier das Liebesgebot als etwas Neues qualifiziert wird. ‚Neu‘ könnte implizieren, dass zuvor ‚Altes‘, d. h. alte Gebote in Geltung waren; damit wäre indirekt auf (die jüdische) Tradition angespielt. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Neue hier in der christologischen Begründung zu sehen ist: so zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat.

Mehr zu dem Thema sagt eine andere Stelle im Corpus Johanneum, freilich noch kryptischer: „Liebe Brüder, ich schreibe euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt. Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, etwas, das in ihm und in euch verwirklicht ist.“ (1 Joh 2,7f.) Während der zweite Satz im oben genannten Sinne von Joh 13,34 verstanden werden kann (Neuheit des Gebots wegen seiner neuen Motivation von Jesus Christus her), gibt der erste Teil Rätsel auf. Alt und Neu beziehen sich hier wohl auf die Phase des Christseins der Adressaten. Alt (und gut) ist das ursprüngliche Wort der Verkündigung, die verpflichtende Tradition des Anfangs. Neu (und gefährlich) sind spätere Verfälschungen des Wortes durch Irrlehrer oder Abweichler. Gerade die letzte Stelle zeigt, dass den Termini ‚alt‘ (traditionell) und ‚neu‘ im Neuen Testament keineswegs a priori eine bestimmte Qualität zuerkannt wird, sondern der jeweilige Kontext entscheidend ist.

Kreativer Umgang mit Tradition – zwei Beispiele

Wir haben gesehen, dass Tradition im Neuen Testament sowohl terminologisch als auch inhaltlich an verschiedenen Stellen thematisiert wird. Noch spannender ist aber, wie ganze Theologen oder Theologien des NT in eben diesem NT selbst schon zur Tradition werden, zu der sich spätere Generationen in bestimmter Weise verhalten: sie ehrend oder verwerfend, bewahrend oder korrigierend, ‚konservativ‘ oder ‚progressiv‘. Antagonistische Rezeptionen können auch nebeneinander begegnen: entweder verteilt auf rivalisierende Erbengruppen, oder sogar – Tradition und Innovation miteinander verbindend – innerhalb ein und derselben Position. Hierzu zwei Beispiele. Es bietet sich an, die beiden großen Theologen des Neuen Testaments, ‚Johannes‘ und Paulus, auf ihre bereits innerkanonische Wirkungsgeschichte hin zu untersuchen. Als Autoritäten des Anfangs werden beide schon früh zur Maßstäbe setzenden Tradition; diese erfährt jedoch keineswegs eine ungebrochen-einlinige Fortführung.

Zur Rezeption der johanneischen Christologie

Das Johannesevangelium führt das Bekenntnis zu Jesus Christus im Neuen Testament zu einer einzigartigen Höhe. Clemens von Alexandrien sprach von einem „pneumatischen Evangelium“, auch deshalb, weil der johanneische Jesus – anders als der der Synoptiker – vom ersten bis zum letzten Kapitel als der von Gott gesandte Christus mit erhabener, göttlicher Souveränität über die Erde schreitet, als geisterfüllter Gottmensch agiert und verkündigt. Er ist der präexistente Logos bei Gott im Anfang, vor der Erschaffung der Welt (Joh 1,1f.). Er kommt von oben und steht über allen (3,31). Seine Worte sind Geist und Leben (6,63). Ehe Abraham wurde, ist er (8,58 – schon die kühne Tempusinkongruenz zeigt die Differenz). Er ist eins mit dem Vater (10,30). Er hat die Welt besiegt (16,33). Sein letztes Wort am Kreuz lautet: „Es ist vollbracht“ (19,30). Diese kleine Auswahl mag genügen, um die Betonung der Divinität Jesu im vierten Evangelium zu belegen.

Doch es ist der gleiche Johannes, der mit dem Satz aller Sätze das Paradox der Menschwerdung ausdrückt: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (1,14). Eben jener so dargestellte, präexistente, gottgleiche Logos-Christus wurde zu einer irdischmateriellen Existenz, hat wirklich Fleisch angenommen. Aus dem Leichnam des Gekreuzigten fließen, zur Bestätigung des realen Todes, Blut und Wasser (19,34; vgl. die Bekräftigung V. 35).

So weit in aller Kürze der geniale Entwurf des Johannes, der als Theologe und Evangelist möglicherweise auch das Haupt einer johanneischen ‚Schule‘ war, die für das Corpus Johanneum (JohEv, drei Joh-Briefe) verantwortlich ist. Angesichts der enormen Spannungseinheit in der johanneischen Christologie scheint es fast unvermeidlich, dass diese Einheit bald zerbrach. Die Schüler des Johannes legten das von ihm überkommene Erbe unterschiedlich aus.

Um eine der Interpretationen zu skizzieren, müssen wir einen kurzen Ausflug aus dem Kanon in die apokryphe Johannesrezeption unternehmen. (Der Grund ist der, dass diese Deutung bald als häretisch galt und daher keinen Beleg innerhalb des NT besitzt.) In den sogenannten Johannesakten aus dem 2. oder frühen 3. Jahrhundert n. Chr. wird eine gnostisch-doketische Deutung der johanneischen Christologie greifbar. Der Kreuzestod Jesu wird dort in Frage gestellt: „Dieses Kreuz also, welches durch den Logos das All gefestigt (…) hat, ist nicht das hölzerne Kreuz, das du sehen wirst, wenn du von hier hinuntergehst. Auch bin ich nicht der am Kreuz, (ich) den du jetzt nicht siehst, sondern (dessen) Stimme du nur hörst. Was ich nicht bin, dafür bin ich gehalten worden, der ich nicht bin, was ich für die vielen bin; vielmehr ist, was sie von mir sagen werden, niedrig und meiner nicht würdig.“ (ActJoh 99) Für den apokryphen „Johannes“ kann Jesus nur zum Schein gestorben sein (Doketismus, von dokeîn = scheinen), und zwar deshalb, weil er ganz und gar göttlich ist: „Daher seid auch ihr überzeugt, dass ich euch nicht verkündige, (ihr sollt) einen Menschen verehren, sondern einen unwandelbaren Gott, einen unüberwindlichen Gott, einen Gott, der höher ist als alle Gewalt und alle Macht“ (ActJoh 104).

Kehren wir zurück ins Neue Testament. Dass es schon rund hundert Jahre vor den Johannesakten eine ähnliche Jesusdeutung gegeben haben muss wie dort, dokumentiert e contrario deren vehemente Bekämpfung in den Johannesbriefen: „Viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen; sie bekennen nicht, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das ist der Verführer und der Antichrist.“ (2 Joh 7; vgl. 1 Joh 4,2f.) Im Umfeld der johanneischen Schule, so zeigt sich hier, hat es – offenbar im ‚Sich-Abarbeiten‘ an der vom Evangelium repräsentierten Tradition – einen erbitterten Streit um die wahre Christologie gegeben: gnostisch-doketisch oder inkarnatorisch (Joh 1,14).

Paulus und seine Erben

Neben der johanneischen Schule existierte vermutlich auch eine Paulusschule, vielleicht sogar geographisch gar nicht weit von dieser entfernt (Ephesus/römische Provinz Asien). Auch in ihr betrieb man Traditionspflege. Das Erbe des Völkerapostels wurde in Ehren gehalten, zugleich aber um seine richtige Auslegung gerungen. All das dokumentiert sich schon im Neuen Testament, in den späteren Schriften des Corpus Paulinum aus eben dieser Paulusschule.

Zur Illustrierung ließen sich verschiedene Beispiele nennen. In welchem Verhältnis steht z. B. der Hebräerbrief, der später dem Corpus Paulinum zugerechnet wurde, zur paulinischen Theologie? Dies wird kontrovers diskutiert. Es wäre auch interessant, nach der Rezeption des Apostels in den sogenannten Pastoralbriefen (1 und 2 Tim, Tit) zu fragen: Dort wird etwa der soteriologisch gefüllte Glaubensbegriff des Paulus (Gerechtsprechung des Sünders aus Glauben an Jesus Christus: Röm 3,21–26; Gal 2,16) zu einer Art Tugend neben anderen herabgestuft (vgl. 1 Tim 6,11). Hinsichtlich des Status der Frauen greifen die Pastoralbriefe nicht auf die emanzipatorische Linie des Paulus zurück (Phöbe, Priska, Junia u. v. a. als Mitarbeiterinnen in der Mission), sondern auf patriarchalische Aussagen wie 1 Kor 11,7–10 oder 14,33b–36 (vgl. besonders 1 Tim 2,8–15).

Nehmen wir jedoch als Hauptbeispiel die Eschatologie des Paulus. Sie ist in seinen eigenen Briefen durch eine Verbindung von ‚Schon jetzt‘ und ‚Noch nicht‘ geprägt, wie sie auch für die Basileia-Botschaft Jesu charakteristisch ist. Als Beleg für präsentische Eschatologie sei Röm 5,1f. zitiert: „Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen.“ Also: wir sind schon gerecht, wir haben schon Frieden. Auf der anderen Seite blickt 1 Thess 4,16f. auf die zukünftigen, noch ausstehenden Endereignisse: „Der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt (…)“. Hier steht die Parusieerwartung des Paulus im Vordergrund (vgl. auch den Bittruf „Marana tha – Unser Herr, komm!“ in 1 Kor 16,22).

Nach dem Tod des Apostels streitet sich nun die Paulusschule, welcher Akzent der Eschatologie den Vorzug verdient. „Erben“ beider Richtungen schreiben Briefe, die mithilfe der pseudepigraphischen Verfasserschaft des Paulus die eigene Position als die orthodox-paulinische erweisen sollen. So betonen die hinter Kol und Eph stehenden Paulusschüler die Gegenwart des überlieferten Heils: „Ihr seid mit Christus auferweckt.“ (Kol 3,1) „Durch sein Blut haben wir die Erlösung.“ (Eph 1,7). In beiden Sätzen könnte jeweils ein ‚schon‘ ergänzt werden. Umgekehrt warnt der 2. Thessalonicherbrief: „Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen, wenn in einem prophetischen Wort oder einer Rede oder in einem Brief, der angeblich von uns stammt, behauptet wird, der Tag des Herrn sei schon da.“ (2 Thess 2,2) Hier wird sogar ausdrücklich die gegnerische Position angesprochen und diskreditiert.

Die kurz angeführten Beispiele verdeutlichen, wie schon am Anfang der Kirche, noch zu Zeiten der Entstehung des NT, ein Ringen um die Tradition stattfindet. Die „Überlieferung der Alten“ (Sir 8,9), in der Urkirche vornehmlich die der Apostel, wird zwar hochgehalten, jedoch durchaus kreativ variiert, je nachdem wie es die Lage der Kirche nach Einschätzung der Rezipienten erforderte. ‚Tradition ja – starres Festhalten nein‘: auf diese Formel kann man die Haltung der Urkirche bringen. Wir können dankbar sein, dass uns das Neue Testament einen solch bunten „Schatz von Neuem und Altem“ (Mt 13,52) überliefert hat.

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